Der CDU-Regionalrat Rainer Ganske ist von der Wirkung der VVS-Tarifreform enttäuscht. Foto: BBG

Der Streit darüber, wie erfolgreich die VVS-Tarifreform im April 2019 war, ist nicht nur ein Blick zurück. Es geht auch um künftige Entscheidungen von Fahrpreiserhöhungen über das 365-Euro-Ticket bis hin zu dichterem Takt der S-Bahn.

Stuttgart - Der Streit darüber, ob die Tarifreform des VVS als Erfolg bezeichnet werden kann, gewinnt an Fahrt. Jetzt meldet sich erneut der CDU-Politiker Rainer Ganske zu Wort, der mit dem Regionalratskollegen Bernhard Maier (Freie Wähler) die Debatte im regionalen Verkehrsausschuss angestoßen hatte. Ganske, der wie Maier Mitglied im VVS-Aufsichtsrat ist, bekräftigt, dass er die Sichtweise von VVS-Aufsichtsratschef Fritz Kuhn (Grüne) und der VVS-Geschäftsführung nicht teilt, wonach der Fahrgastrekord im vergangenen Jahr wesentlich auf der Tarifreform beruhe.

„Von Tarifreform enttäuscht“

„Der von der VVS-Führung und Kuhn genannte Zuwachs relativiert sich stark, wenn man ihn mit den beachtlichen Zuwächsen in den Vorjahren vergleicht“, sagt Ganske. Man tue so, als ob der gesamte Zuwachs durch die Reform käme. „In Wirklichkeit ist der Effekt leider viel geringer als erhofft“, sagt Ganske: „Wir sind vom bisherigen Erfolg der Tarifreform, hinter der wir stehen, enttäuscht, weil wir uns wie wohl alle mehr erwartet hatten.“ Es zeige sich, dass der Tarif nur ein Element sei: „Wirkliche Zuwächse entstehen vor allem durch bessere Angebote wie neue Trassen und dichtere Takte.“

Am 1. April 2019 trat die Tarifreform in Kraft. Seitdem gibt es im VVS noch fünf Ringzonen, in Stuttgart nur eine. Neben der Vereinfachung brachte dies auch günstigere Fahrpreise für viele Nutzer. Zudem verzichtete der VVS 2019 auf eine Fahrpreiserhöhung, die nächste kommt zum 1. April 2020 um durchschnittlich 1,9 Prozent. In der VVS-Jahresbilanz ist ein neuer Fahrgastrekord von 394,5 Millionen Fahrten verzeichnet – ein Plus von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allerdings sei die Zahl der Fahrten ab April um 3,2 Prozent gestiegen, bei den Tickets, die von der Reform betroffen sind, um 4,8 Prozent, so der VVS. Bundesweit betrug der Zuwachs im ÖPNV nur 0,3 Prozent. 2018 stieg die VVS-Fahrgastzahl um 1,3 Prozent, davor um Werte über 2 Prozent.

Andere Fraktionen mahnen zu Geduld

Mit ihrer Kritik standen Ganske und Maier im regionalen Verkehrsausschuss alleine. Grüne und SPD stimmten in die Kritik am Erfolg der Tarifreform nicht ein und warben dafür, die Entwicklung zu beobachten. Auch Regionalrat Christoph Ozasek von den Linken sagt: „CDU und Freie Wähler wollen nachträglich ihre Verhinderung der Nullrunde im VVS legitimieren. Wer Menschen von der Straße auf die Schiene bringen will, muss konsequent den Weg der Preissenkung und Attraktivitätssteigerung fortsetzen.“

Etwas Unterstützung erhalten Ganske und Maier vom Grünen-Bundestagsabgeordneten Matthias Gastel. „Die unterschiedlichen Deutungen der Fahrgastentwicklung zeigen, dass die Bedeutung des Fahrpreises nicht in Abrede gestellt werden kann, häufig aber überschätzt wird. Entscheidend ist vor allem das Angebot.“ Zudem lehre die Erfahrung, dass Fahrgäste nicht sofort, sondern erst mit „deutlichem Zeitverzug“ reagierten. Der Erfolg der Tarifreform sei aber vor allem daran zu messen, wie viele der neuen Fahrgäste vom Auto umgestiegen seien.

Künftig geht es um 365-Euro-Ticket und mehr

Die Debatte über die Auswirkungen findet vor dem Hintergrund statt, dass im Sommer wichtige Entscheidungen anstehen. Gibt es eine regionsweite Einführung eines Sozialtickets und eines 365-Euro-Tickets für Schüler, Azubis und Studenten, wie es für Stuttgart schon beschlossen ist? Wie sieht es mit der Fahrpreiserhöhung 2021 aus? Und wie stark wird das Angebot ausgebaut: 15-Minuten Takt der S-Bahn an Samstagen, mehr Züge auf der Schusterbahn und anderen Linien? Dann geht es um die Frage, was finanziert wird: günstigere Tarife und/oder bessere Angebote.

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