Daimler, Bosch, Porsche – Fahrzeuge haben schon immer die Region Stuttgart geprägt. Zuletzt hat die Bedeutung der Autoindustrie sogar noch zugenommen. Das bringt auch Herausforderungen mit sich.
Stuttgart - Die Abhängigkeit der Region Stuttgart vom Auto hat in den vergangenen Jahren sogar noch zugenommen. 123 500 Beschäftigte waren 2020 in der Automobilindustrie tätig, das waren 18 Prozent mehr als im Jahr 2007. Das geht aus dem jüngsten Strukturbericht der Region Stuttgart hervor. Regionale Schwerpunkte sind dabei der Stadtkreis Stuttgart mit 57 900 Beschäftigten sowie der Landkreis Böblingen mit gut 33 800 Beschäftigten.
Rechnet man andere Industriezweige, die die Autohersteller beliefern, noch hinzu – etwa den Maschinenbau oder die Metall verarbeitende Industrie – hängen gar 221 700 Arbeitsplätze von Fahrzeugen ab. „Die Region Stuttgart ist stärker als jemals zuvor vom Auto geprägt“, sagt Jürgen Dispan, Wirtschaftsforscher beim Stuttgarter IMU -Institut und einer der Autoren. Zwei Drittel der Industrieumsätze werden in diesem Bereich erzielt. In keiner anderen Großstadtregion in Deutschland ist die Abhängigkeit von der Industrie so groß wie im Südwesten. So steht es im Strukturbericht.
Positiver Arbeitsmarkt
Insgesamt hat sich der Arbeitsmarkt rund um Stuttgart in den vergangenen Jahren positiv entwickelt. Coronabedingt ist es lediglich 2020 zu einem Rückgang gekommen, der allerdings – dank Kurzarbeit – klein war, erläutert Andreas Koch, Wirtschaftsforscher beim Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen. 1,27 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte wurden Mitte 2020 gezählt; 10 000 weniger als im Jahr zuvor. Neben der Autoindustrie sind auch das Baugewerbe (64 300 Beschäftigte) sowie das Handwerk (194 400 Beschäftigte) bedeutende Arbeitgeber. Stark unter der Pandemie gelitten haben Handel und Gastgewerbe. Zwar hat die Erholung jetzt eingesetzt, die Zahlen von vor der Pandemie wurden bisher nicht erreicht. Grund dafür ist, dass trotz Kurzarbeit die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Gastgewerbe besonders stark um 7,4 Prozent gesunken ist.
Ohne Industrie überlebt die Dienstleistung nicht
Die Wirtschaftsforscher beobachten seit Jahren, dass immer mehr Beschäftigte im Dienstleistungsbereich tätig sind. Im Jahr 2020 seien es zwei Drittel aller Beschäftigten gewesen. Ein Widerspruch zur weiter zunehmenden Bedeutung des Autos ist das allerdings nicht. Denn auch in der Industrie gibt es immer mehr Dienstleistungstätigkeiten – dazu gehören nicht nur Aufgaben in der Verwaltung, sondern etwa auch in der Entwicklung. Insgesamt üben 33 Prozent der Beschäftigten, deren Arbeitgeber ein Industriebetrieb ist, eine Dienstleistung aus. „Die Wirtschaft der Region Stuttgart kann damit als Dienstleistungswirtschaft um den industriellen Kern charakterisiert werden“, so Dispan. Soll heißen: Ohne die Industrie überlebt die Dienstleistung nicht. „Dann wird die Dienstleistung auch wegbrechen“, prognostiziert Dispan.
Herausforderung Digitalisierung
Doch gerade die Autoindustrie sowie der Maschinenbau sehen sich neuen Herausforderungen durch die Digitalisierung und der Transformation zu neuen Antriebsarten ausgesetzt. Die weltweiten Wachstumsmärkte sind laut Strukturbericht datengetrieben und auf elektrische Antriebsstränge bezogen. Schafft die Region Stuttgart den Systemwechsel zur Elektromobilität als Technologiestandort und als Produktionsstandort? Schon jetzt würden einige Tätigkeiten wegbrechen, so Dispan. So werden Dreh- oder Fräsmaschinen weniger benötigt. Das sei mit Risiken für einige Industriezweige verbunden.
Dennoch: Nadine Boguslawski, die erste Bevollmächtigte IG Metall Region Stuttgart, sieht gute Chancen, dass die Transformation gelingen kann. Als Beispiel nennt sie den Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf in Ditzingen, dem es „gut geht“, sowie das hochmoderne Daimler-Werk in Sindelfingen (Factory 56). Johannes Schmalzl, Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart, pflichtet dem bei. Allerdings, fügt er hinzu, die „Chancen müssen auch genutzt werden“. Bei einigen Unternehmen in der Region sieht er noch Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung. „Nicht alle Unternehmen sind so weit, wie wir empfehlen“, so Schmalzl. Das liegt aber nicht nur an den Unternehmen, sondern auch an der Infrastruktur. In Malaysia sei das moderne mobile 5G-Netz flächendeckend vorhanden, „bei uns ist am Bopser Schluss“, so Schmalzl. Der Bopser ist ein Wohngebiet, das an das Stadtzentrum von Stuttgart unmittelbar angrenzt.
„Wir dürfen die Schraube nicht überdrehen“
Es geht auch nicht nur um Mobilfunknetze, sondern auch um den Standort selbst. So klagen vor allem die mittelständischen Unternehmen über fehlende Fachkräfte. Hinzu kommt, dass die Region Stuttgart „fast der teuerste Standort in Deutschland ist. Wir dürfen die Schraube nicht überdrehen“, warnt Schmalzl. Nicola Schelling, Regionaldirektorin vom Verband Region Stuttgart, fordert denn auch eine neue Belebung der Innenstädte. Wohnen, Arbeiten und Gewerbe müssen nach ihrer Ansicht nebeneinander funktionieren. Sie fordert mehr Akzeptanz für neue Gewerbeflächen. Solche Projekte würden von der Bevölkerung allerdings nur angenommen, wenn es auch mit Vorteilen für sie verbunden sei.
Seit mehr als 20 Jahren erscheint der Strukturbericht
Beginn
Den Strukturbericht Region Stuttgart gibt es bereits seit mehr als 20 Jahren. Er erscheint alle zwei Jahre und analysiert die Entwicklung von Wirtschaft und Beschäftigung in der Region Stuttgart differenziert nach Branchen.
Akteure
Der Strukturbericht wird vom Verband Region Stuttgart, der Handwerkskammer Region Stuttgart, der IG Metall Region Stuttgart und der IHK Region Stuttgart herausgegeben. Erstellt wird der Bericht von dem arbeiternahen IMU-Institut Stuttgart sowie dem Institut für angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) Tübingen. Beide Institute haben nach eigenen Angaben jeweils etwa 20 wissenschaftliche Mitarbeiter.