Allez, allez – der lange Weg nach Paris (V): Die Sommerspiele 2024 beginnen genau in neun Monaten. In unserer Serie stellen wir Athletinnen und Athleten vor, die in Frankreich erfolgreich sein wollen. Zu ihnen gehört auch Mountainbiker Luca Schwarzbauer.
Es ist ein wenig frisch an diesem Oktobermorgen am Neckarufer in Nürtingen. Luca Schwarzbauer hat das Rad daher stehen gelassen, ist mit dem Auto gekommen. Man muss ja nicht gleich die nächste Erkältung riskieren, wo doch die Nase ohnehin noch läuft. Es sind die letzten Überbleibsel eines Infekts, wie er viele Leistungssportler trifft – immer dann, wenn die Saison vorüber ist, die Anspannung weicht, der Körper merkt, dass er sich eine Pause nehmen darf. Der Körper von Luca Schwarzbauer hat sie sich redlich verdient.
Kürzlich ist in Kanada die Saison im Weltcup zu Ende gegangen – und der junge Mann aus Nürtingen durfte etwas tun, was vor ihm noch kein anderer deutscher Mountainbiker tun durfte: Er stemmte die Trophäe für den Sieg in der Weltcup-Wertung in die Höhe. Kein anderer Fahrer war 2023 besser gewesen in der Disziplin Shorttrack. Und in der olympischen Cross-Country-Variante verpasste der 27-Jährige als Vierter das Podest im Gesamtweltcup nur um einen Rang. „Die Erfolge dieses Jahres“, sagt Luca Schwarzbauer, „kamen schon etwas überraschend.“ Aber er betont auch: „Irgendwo in mir hatte ich immer dieses tiefe Vertrauen.“ Was nicht ganz selbstverständlich ist. Nicht bei Luca Schwarzbauers Geschichte.
„Grausame Zeit“, aber kein Aus für den Sport
Die beginnt wie so viele im Leistungssport. Angefangen hat das Radfahren im damals heimischen Köngen im Kreis Esslingen als Hobby, das einem kleinen Steppke die Möglichkeit bot, ein bisschen herumzukommen im und um den Ort. Dann ging es in den Verein, es kamen die ersten Erfolge, „und irgendwann hat sich gezeigt, dass ich mehr erreichen kann“. Also investierte er mehr. Es ging weiter bergauf im Mountainbikesport. Doch irgendwann war das Mehr zu viel. Als bei Luca Schwarzbauer diese Erkenntnis reifte, war es im Grunde schon zu spät.
„Ich bin“, sagt der Radsportler heute über die Zeit rund um das Jahr 2015, „in eine mentale Krise gerutscht. Es war eine grausame Zeit.“ Die er sich, das weiß er längst, selbst zuzuschreiben hatte.
Im Streben nach sportlichen Erfolgen ist dem damals jugendlichen Mountainbiker die Balance abhandengekommen. Weil er seit jeher als eher schwerer Athlet galt, sah er in seinem Körpergewicht noch einen Hebel für Leistungssteigerungen. Also hat er „zu wenig gegessen, zu viel trainiert, falsch trainiert, sich zu viel Druck gemacht, das Private vernachlässigt“. Dazu kam eine Sturheit, die ihn resistent gegen Ratschläge machte. „Ich habe mit Halbwissen agiert und dachte trotzdem, dass ich alles besser weiß“, gibt er zu und wirkt dabei durchaus nachdenklich.
Sportlich ging es seinerzeit nicht mehr bergauf – sondern in die gegenteilige Richtung. „2015“, erinnert sich der heutige Maschinenbau-Student an der Hochschule Esslingen, „war mein gesundheitlicher Tiefpunkt, 2017 der sportliche.“ Warum er nicht komplett abschloss mit dem Leistungssport? „Dafür habe ich dem Sport zu viel Bedeutung beigemessen“, sagt er. Dazu kam dieses tiefe Vertrauen, dass mit der richtigen Herangehensweise doch noch eine neue Wendung möglich ist. Die hat seine Karriere längst genommen.
Professionelles Umfeld
Anstatt mit nur noch 63 Kilogramm (bei 1,78 Metern Körpergröße) im Sattel zu sitzen, baute Luca Schwarzbauer wieder Gewicht auf, trainierte unter Anleitung – und merkte, dass gerade dieses Mehr an Gewicht ihm eine gewisse Leistungsfähigkeit garantiert. So arbeitete er sich Schritt für Schritt wieder nach oben, fährt seit 2021 für das Profiteam des deutschen Radherstellers Canyon und hat sein Umfeld ganz anders aufgestellt als früher. Mit Trainer, Ernährungscoach, Management, Mechaniker, Physiotherapeutin – und einem ganz anderen Bewusstsein für den eigenen Körper.
„Die Gesundheit ist mir heute doppelt so viel wert“, sagt Luca Schwarzbauer und konkretisiert: „Die Regeneration, körperlich und mental, spielt für mich heute eine viel größere Rolle.“ Also erholt er sich derzeit gründlich von einer Saison, die zwar extrem erfolgreich, aber eben auch anstrengend war. Ein Umzug steht an, das Studium verlangt nach Aufmerksamkeit, im November beginnt dann die Vorbereitung auf die neue Saison – nach deren Höhepunkt nicht lange gefahndet werden muss.
Am 28. und 29. Juli werden in Paris die Medaillen bei den olympischen Mountainbikerennen vergeben. Zwar nicht in Schwarzbauers Lieblingsdisziplin, dem Shorttrack, doch nach dieser Saison sind die Plaketten für den 27-Jährigen trotzdem kein Tabuthema mehr. „2023 ist mir der Sprung auf das Toplevel gelungen“, sagt er, „hier will ich mich etablieren und nach den großen Erfolgen schauen.“
Gestärkt hat sein Selbstvertrauen vor allem der Cross-Country-Weltcup im österreichischen Leogang Mitte Juni. Luca Schwarzbauer, der im Rennen mittlerweile rund 75 Kilogramm wiegt, wurde Zweiter – „auf einer Strecke, die mir eigentlich gar nicht liegt“. Nun weiß er: „Es fehlt nicht viel.“ Und der große Wurf liegt zumindest im Bereich des Möglichen. Wenn es passt bei Vorbereitung, Tagesform, Material – und Gesundheit.
Kaum einer weiß das besser als Luca Schwarzbauer.
Unsere Serie im Überblick:
Genau ein Jahr vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris haben wir damit begonnen, Sportlerinnen und Sportler aus der Region Stuttgart vorzustellen. Sie alle eint ein Ziel: Sie wollen im Sommer 2024 im Zeichen der Ringe starten. Bisher erschienen:
Der Schorndorfer Ringer Jello Krahmer
Der Ingersheimer BMX-Fahrer Philip Schaub
Die Fellbacher Sportgymnastin Darja Varfolomeev
Bogenschütze Jonathan Vetter aus Deufringen
In den kommenden Wochen und Monaten stellen wir weitere Athletinnen und Athleten in großen Porträts vor.