Nach 15 Jahren rückt das Ende der Ära Kretschmann näher. Zu seiner Buchvorstellung in Marbach sind auch viele gekommen, die den Ministerpräsidenten nochmal live erleben wollen.
Man stelle sich einmal vor, Markus Söder würde in dem altmodischen Sessel sitzen, hinter sich ein Bild von Hannah Arendt, über die Lehren der politischen Theoretikerin philosophieren und über sein eigenes Buch erzählen. Eigentlich unvorstellbar – ganz abgesehen davon, dass ein Söder-Buch wohl eher ein Food-Guide wäre. So etwas funktioniert eben nur beim Philosophen unter den Ministerpräsidenten: Winfried Kretschmann.
Sein besonderer Charme, sein eloquentes Auftreten – all das gehört zu den Dingen, warum der 77-Jährige landesweit geschätzt wird und er es bislang als einziger Grüner zum Ministerpräsidenten gebracht hat. Kurz bevor er nach 15 Jahren im Amt abtritt, machte Kretschmann am Mittwochabend in der Stadthalle Schillerhöhe in Marbach Station, um sein Buch „Der Sinn von Politik ist Freiheit“ zu präsentieren, das bereits im September vergangenen Jahres erschienen ist. Wehmut ist bei ihm nicht zu erkennen, dafür aber bei seinen Anhängern.
Glaube an Aufholjagd
Volker Hammer aus Rielingshausen etwa ist vor allem wegen Kretschmann gekommen: „Ich wollte ihn nochmal sehen, bevor er nicht mehr da ist.“ Auch wenn er sagt, dass das Leben weitergehe, in Erinnerung bleiben wird ihm Kretschmann schon: „Das war eine Sensation vor 15 Jahren: ein grüner Ministerpräsident in Deutschland. Er wird wahrscheinlich über lange Zeit der einzige bleiben.“
Wobei Hammer, der einst für die Grünen im Marbacher Gemeinderat saß, optimistisch ist, dass seine Partei mit Spitzenkandidat Cem Özdemir den Rückstand auf die CDU noch aufholen kann. „Die CDU schießt sich ja selbst ab mit ihrer Lifestyle-Debatte.“
Erst die Wiederwahl sieht Kretschmann als Leistung an
Vornehmlich sollte es an diesem Abend darum gehen, welche Lehren Kretschmann aus dem Werk von Hannah Arendt für sein eigenes Schaffen gezogen hat. Doch Kretschmann ließ dabei auch immer wieder Anekdoten aus seiner Zeit als Ministerpräsident einfließen – ohne mit Kritik an der eigenen Partei zu sparen.
Dass er 2011 Ministerpräsident wurde, habe mit „externen Faktoren“ zu tun gehabt. Dazu zählt Kretschmann die Reaktor-Katastrophe in Fukushima, den Streit um Stuttgart 21 – und seinen Gegenkandidaten von der CDU, Stefan Mappus. „Mit Mappus hatte ich einen Mitbewerber, der nicht mal in CDU-Kreisen beliebt war“, erinnert sich Kretschmann. Erst die Wiederwahl 2016 sei eine echte Leistung gewesen. Verantwortlich macht er dafür seine „Politik des Gehörtwerdens“, eine Umkehrung der Politik des Zuhörens, bei der die Menschen nur Objekt und nicht Subjekt sind.
Apropos Stuttgart 21: Als Kretschmann einst eine Audienz bei Papst Benedikt XVI. bekommen hatte, stellte der ausgerechnet die Frage, wie es zu Stuttgart 21 kommen konnte. Darauf hat Kretschmann heute eine eindeutige Antwort: „Das hat die Gesellschaft gespalten, weil es eine Top-Down-Entscheidung war.“ Heutzutage sei es ausgeschlossen, ein Projekt wie Stuttgart 21 auf diese Weise durchzuziehen.
Bei untergeordneten Zielen müsse man „elastisch“ sein
Auch die Grünen nimmt er aus seiner Kritik nicht aus: „Meine Partei hat immer einen Reformüberschuss. Aber ein Ziel braucht auch die Mittel, um es zu erreichen“, sagte er mit Blick auf die immer ambitionierteren Klimaziele. Man müsse auch bereit sein, seine Ziele zu korrigieren. Zum Beispiel sei er nie ein Anhänger der Rückkehr zum G9 gewesen, „aber wenn es eine Mehrheit will, dann gibst du das Ziel eben auf“. Bei den untergeordneten Zielen müsse man „auch elastisch sein, da kann man viel von der CSU lernen“.
Die Arbeit mit dem Koalitionspartner CDU sei in den vergangenen Monaten dagegen schwieriger geworden. Das liegt seiner Meinung nach auch daran, dass seine Partei nach der letzten Wahl 2021 zehn Prozent vor der CDU gelegen ist, während sie in den Umfragen der vergangenen Monate zehn Prozent hinter den Christdemokraten lag. „Das merkt man sofort, wenn man Ministerpräsident ist. Dann wird es zäher, schwieriger, und manches bekommen sie nicht mehr hin in der Koalition.“
Auch als Buchautor erfolgreich
Der Applaus ist Kretschmann aus den vollen Reihen in der Schillerhalle sicher. Auch nach 15 Jahren erfreut sich Kretschmann noch immer großer Beliebtheit. Womit sich auch die Frage stellt: Sind die Zuschauer nun wirklich nur gekommen, um Kretschmann nochmal live zu sehen – oder waren sie auch inhaltlich interessiert?
„Beides, aber zu 80 Prozent wegen Kretschmann“, sagt Hans Martin Gündner und lacht. Dem ehemaligen Marbacher Gemeinderat wird von Kretschmann in Erinnerung bleiben, „dass er das Gehörtwerden in den Vordergrund seiner Politik stellt. Wenn sich das andere auch als Maxime nehmen würden, dann würden wir heute besser dastehen.“ Und wird das Land Kretschmann vermissen, wenn er bald nicht mehr Ministerpräsident ist? „Ich hoffe es – ich werde ihn auf jeden Fall vermissen.“
Die wiederholten Fragen der Moderatorin Christina Häußler über Hannah Arendt werden vom Publikum teilweise mit Stöhnen bedacht. Es gibt allerdings auch Menschen, die gekommen sind, um wirklich etwas über Hannah Arendt zu erfahren. Wie Elsbeth Majer aus Sachsenheim, die sich nach dem Vortrag Kretschmanns Buch kaufen wollte. Zu dieser Zeit saß der Ministerpräsident bereits am Verkaufsstand, das Jackett hatte er abgelegt, und signierte ein Buch nach dem anderen.
Aber Majer findet Kretschmann nicht nur als Philosophen, sondern auch als Politiker einprägsam: „Ich bin eigentlich sehr froh, dass wir ihn diese lange Zeit in Baden-Württemberg hatten“, sagt sie. Als „klug und uneitel“ wird sie ihn in Erinnerung behalten. Ob es einen wie ihn nochmal geben wird?