Aus einer ungewöhnlichen Idee ist eine gute Lösung geworden: In der

Aus einer ungewöhnlichen Idee ist eine gute Lösung geworden: In der Jakobstraße haben Stricher und Prostituierte eine gemeinsame Begegnungsstätte. Sie ist am Mittwoch mit rund 200 Festgästen offiziell ihrer Bestimmung übergeben worden.

Von Barbara Czimmer-Gauss

STUTTGART. Im Leonhardsviertel, eingequetscht zwischen in die Jahre gekommene Altbauten, sticht die Hausnummer 3 mit strahlend weißer Fassade heraus. Große Fenster lassen drinnen Sonnenlicht auf die Primeln und auf die Küchentheke fallen, wo große Platten mit kleinen Häppchen auf Festgäste warten. Es wird gefeiert, und zwar ein Zusammenschluss: In der Jakobstraße, mitten im Animierviertel Stuttgarts, haben weibliche und männliche Prostituierte jetzt ein gemeinsames Refugium.

Seit 1993 treffen sich die Damen, geschützt vor Männern und Freiern, im Treff Maria, den die Franziskanerin Schwester Margret eingerichtet hatte. Daraus wurde 1996 der gefälligere Namen La Strada, ansässig in einem Untergeschoss an der Leonhardstraße. Das ehemalige Leonhardsbad wurde mit Hilfe zahlreicher Ehrenamtlicher und des Gesundheitsamts zu einem Rückzugsraum, in dem es bei Bedarf medizinische Beratung, eine Kleiderkammer, eine Waschmaschine und eine Dusche für die Prostituierten gab. Das La Strade gilt als Platz, wo die Frauen sich unterhalten und sich helfen lassen konnten, ohne dass eine Gegenleistung eingefordert worden wäre.

Für die Stricher, die männlichen Prostituierten, stellten der Verein zur Förderung von Jugendlichen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten und die Katharinenkirche 1997 einen kleinen Nebenraum zur Verfügung. Dort konnten die jungen Männer eine "Auszeit nehmen", wie es der Caritas-Bereichsleiter Manfred Blocher nannte, und die Beratung der Aidshilfe in Anspruch nehmen. Viele der Stricher stammen aus Osteuropa, haben Sprachschwierigkeiten, wissen wenig von der Aids-Problematik und sind laut Gabriele Müller-Trimbusch "aufgrund ihrer Erfahrungen in der Heimat misstrauisch gegenüber Ämtern".

Doch warum zwei ungenügende Lösungen in derselben Stadt, wenn es auch anders geht? Seit drei Jahren feilen Sozialverwaltung, Vereine und Caritasverband an einer gemeinsamen Anlaufstelle, das passende Haus fand das Amt für Liegenschaften und Wohnen in der Jakobstraße 3. Jetzt ist das Gebäude umfassend saniert und mit Hilfe von knapp 1000 Arbeitsstunden der Ehrenamtlichen sowie zahlreichen Spenden liebevoll eingerichtet und freundlich ausgestattet.

Die Frauen und Männer werden dennoch unter sich bleiben. An vier Abenden ist das La Strada geöffnet, an zwei Vor- und Nachmittagen ist das Café Strichpunkt in Betrieb. Jeweils im Wechsel sind die Büros vom Caritasverband oder von der Aidshilfe besetzt. Darüber hinaus ist eine gynäkologische Praxis ansässig, in der ein Arzt des Gesundheitsamts einmal wöchentlich eine Sprechstunde für die Frauen hält.

"Wir wünschen uns, dass die Fäden, die für diese Nahtstelle gesponnen wurden, künftig halten", sagte Joachim Stein, der Vorstand der Aidshilfe.

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