Schriftlesung beim feierlichen Morgengottesdienst in der Stiftskirche: Ministerpräsident Winfried Kretschmann Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der Reformationstag zum Abschluss des Jubiläumsjahr wirkte wie ein Brennglas: Die Absichten beider Konfessionen auf dem Weg zur christlichen Gemeinschaft bekamen scharfe Konturen.

Stuttgart - Um die Dinge besser einschätzen zu können, lohnt es sich zurückzublicken. In diesem Fall auf den 31. Oktober 2016, den Start ins Reformationsjubiläum. Damals beteten in der Stiftskirche der evangelische Stadtdekan Sören Schwesig und der katholische Weihbischof Thomas Maria Renz gemeinsam „um das Geschenk der größeren Einheit“. Renz fragte: „Müssen nicht alle konfessionellen Unterschiede angesichts dieser radikalen Liebe Gottes in den Hintergrund treten und verblassen?“

Damals nickten alle Besucher in der Stiftskirche zustimmend. Doch zwischen dem Wollen und dem Gelingen ist oft ein großer Spalt. Ebenso groß wie der, der die christlichen Glaubensbrüder und -schwestern über Jahrhunderte getrennt hatte und noch trennt. Doch nun, ein Jahr später, sollte es sich zeigen: Was ist aus den Absichtserklärungen geworden?

Symbolkräftigen Verbindungen strahlen aus

Wer diesen Reformationstag vom morgendlichen Gottesdienst über den Abendgottesdienst in der Stiftskirche bis hin zum Abschluss im Innenhof des Alten Schlosses verfolgt hat, der kommt zu dem Schluss: Es wurden viele bedeutungsvolle Predigten gehalten, viele Bekenntnisse abgegeben, aber am Ende sind es die Gesten, die überzeugend wirken. Vor allem aber sind es die gelebten Gemeinschaften. Sei es die vertragliche Vereinbarung zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche in Bad Cannstatt, nie mehr hinter diesen Status quo der Zusammenarbeit zurückgehen zu wollen,. seien es die herzlichen Verbindungen zwischen Landesbischof Frank Otfried July und seinem katholischen Amtsbruder Gebhard Fürst sowie die Duz-Freundschaft zwischen den Stadtdekanen Schwesig und Monsignore Christian Hermes. Ihre symbolkräftigen Verbindungen strahlen aus.

Deutlich wird es auch, wenn Bischof July sagt, „dass Reformation weit mehr als eine innerkirchliche Angelegenheit ist“, sondern auf das öffentliche Leben Auswirkungen habe. July erlaubte sich daher, in seiner Predigt gesellschaftskritische Töne anzuschlagen. Er verurteilte die Maßlosigkeit der Menschen im Großen wie im Kleinen. Die Despoten dieser Welt ebenso wie den Nachbarn, den Chef oder Kollegen: „Gut ist, wenn Menschen in diesem Land Gottesfurcht haben: Wenn sie wissen: Jeder andere Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Wenn sie wissen, dass sie von Voraussetzungen leben, die sie selbst nicht schaffen können. Wenn sie verstehen, dass sie Verantwortung für die kommenden Generationen tragen.“

Katholik Kretschmann setzt Zeichen

Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann lauschte diesen Worten in der voll besetzten Kirche aufmerksam. Nicht nur das: Der Katholik ließ es sich nicht nehmen, zweimal symbolträchtig im Festgottesdienst aufzutreten. Liturgisch, indem er die Schriftlesung hielt – und als Teilnehmer des Abendmahls. Für Schwesig war das eines der stärksten Bekenntnisse zur Ökumene überhaupt: „Als Katholik darf er das eigentlich gar nicht – und doch hat er es getan.“ Damit trifft Schwesig den Kern. Für beide Konfessionen scheint nun zu gelten: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. So wie es Christian Hermes im Hof des Alten Schloss scherzhaft auf den Punkt brachte: „Ich habe mein ganzes Leben nicht so viel für die evangelische Kirche gearbeitet wie in diesem Reformationsjahr.“

Ein Zeichen anderer Art haben die beiden Bischöfe bereits gegeben. Bei einem ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Biberach knieten sie zum Ausdruck der Buße vor dem Altar. Für Fürst war es das „stärkste Erlebnis“, wie er in seiner Predigt am Abend in der Stiftskirche emotional sagte, „kniend um Vergebung für all die Verletzungen der vergangenen 500 Jahre zu bitten“. Fürst weiß: „Unsere Glaubwürdigkeit in der Welt hängt von diesem Miteinander ab. Das christliche Zeugnis ist wichtiger als die Konfession. Oder wie Hermann Hesse es gesagt hat: Gestaltlose Schatten begegnen sich nicht.“

Nun hat die Ökumene Gestalt angenommen. Man hat ein Jahr lang Christus in den Mittelpunkt gerückt, Martin Luthers zentrale Gnaden-Botschaft (Sola Gratia) gegenseitig aufleben lassen. Für Stiftspfarrer Matthias Vosseler ist das Grund für grenzenlosen Optimismus: „Es tut sich was. Vielleicht gibt es bald ein neues Datum, das wir gemeinsam feiern. So wollen wir uns gemeinsam auf den Weg machen.“

Am Tag eins nach dem Jubeljahr hat Sören Schwesig den Stiftspfarrer beim Wort genommen: Sein Weg führte ihn an Allerheiligen zu den Katholiken. Der evangelische Stadtdekan predigte im Eberhards-Dom.

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