Rund 40 Neonazis zählen zum harten Kern im Kreis Böblingen. Foto: dpa

Immer wieder ist der Kreis Böblingen wegen rechtsextremer Umtriebe in den Schlagzeilen. Der einzige NPD-Kreisrat im Land, Janus Nowak aus Gäufelden, dient immer noch als Bindeglied zum rechtsextremen Milieu.

Kreis Böblingen - Immer wieder ist der Kreis Böblingen wegen rechtsextremer Umtriebe in den Schlagzeilen. Lange Zeit durch den radikalen Liedermacher Frank Rennicke, aktuell durch den Gaspistolenprozess in Leonberg, früher auch durch die Bauwagenkultur im Oberen Gäu. Der einzige NPD-Kreisrat im Land, Janus Nowak aus Gäufelden, dient immer noch als Bindeglied zum rechtsextremen Milieu.

Insgesamt rechnet der Staatsschutz der Böblinger Polizeidirektion mit rund 40 Rechtsextremisten, die dem harten Kern zugeordnet werden. „Eine organisierte Gruppe gab es bislang nur in Leonberg“, erklärt der Polizeisprecher Uwe Vincon. Die anderen seien lose verstreut, teilweise angebunden an rechte Strukturen im Land, teilweise Einzelkämpfer. „Es ist zum Glück gerade relativ ruhig“, sagt Vincon. Dennoch gibt es ein beträchtliches Potenzial.

Feste Strukturen in Leonberg: Einen Schwerpunkt gibt es nach wie vor im Raum Leonberg. Die Polizei spricht von bis zu 15 Jugendlichen im Alter zwischen 20 und 22 Jahren. Seit dem Jahr 2009 werden immer wieder Vorfälle gemeldet, der spektakuläre Gaspistolenprozess, bei dem ein Neonazi vor dem Landgericht verurteilt wurde, war nur die Spitze des Eisbergs. So gab es in Weil der Stadt in den Jahren 2010 und 2011 jeweils ein Skinhead-Konzert auf dem gleichen Gartengrundstück. „Wir waren mit großer Präsenz vor Ort“, berichtet Uwe Vincon.

Neonazi-Konzerte rund um Leonberg

Zwischen 80 und 100 Teilnehmer kamen jeweils zu diesen Konzerten, ein großer Teil davon aus ganz Baden-Württemberg. In Leonberg existiert eine lockere Gruppe, die sich lange Zeit regelmäßig getroffen hat. „Inzwischen hat sich das etwas zerstreut“, berichtet die Polizei. Viele seien älter geworden, hätten eine Familie gegründet, seit dem Gaspistolenprozess sitzt ein Anführer in Haft. Die Polizeidirektion hat im vergangenen Jahr mit ihrer Aktion „Big Rex“ auch potenzielle Aussteiger gezielt angesprochen. „Das hat durchaus Wirkung gezeigt“, sagt Vincon.

Dennoch gibt es Verbindungen zur rechten Szene im ganzen Land. Leonberger wurden bei den jüngsten Demonstrationen in Göppingen von der Polizei beobachtet, der dortige Anführer Wolfgang B. (Name von der Redaktion geändert) hat mehrfach Demonstrationen in Leonberg angemeldet. Er gilt als Kopf der „Autonomen Nationalisten“ in Göppingen, die der NPD-Jugend nahestehen und im Outfit der linken Antifa-Aktivisten rechte Parolen schwingen.

Ein führender Kopf der Leonberger, der 28-jährige Valentin D., wurde auch im Winterbach-Prozess wegen der bekannten Hetzjagd auf Migranten in einer Hütte verurteilt und war früher bei der NPD in Böblingen aktiv. Er stand immer wieder vor Gericht, etwa weil er 2004 „Heil Hitler“ vor einer Kneipe in Leonberg gerufen hat oder in Holzgerlingen wegen Körperverletzung aufgefallen ist. Einige Leonberger Rechtsextremisten sollen auch Kontakte nach Stuttgart haben. Beim Gaspistolenprozess war Nicole Schneiders die Verteidigerin, die früher mit dem NSU-Anwalt Steffen Hammer eine Kanzlei in Stuttgart hatte.

NPD-Aktivisten in Böblingen-Sindelfingen

Raum Böblingen/Sindelfingen: Hier wohnen zwei bekannte NPD-Aktivisten. Der Bankkaufmann Thomas W. aus Böblingen, Jahrgang 1969, war früher in der CDU, später in der NPD aktiv, in den 90er-Jahren im Landesvorstand der „Republikaner“. Und dann Klemens Lockfisch, langjähriger Landesschatzmeister der NPD, der auch eine rechtsextreme Bürgerinitiative „Pro Landkreis Böblingen“ gegründet hat. Dies berichtet Lucius Teidelbaum, ein Journalist, der unter diesem Tarnnamen seit Jahren in der rechten Szene recherchiert.

Am 4. September 2010 fand auf einem abgelegenen Wiesengelände ein Neonazi-Konzert statt, berichtet Lucius Teidelbaum. Als im Juli 2011 landesweit Razzien gegen die Wehrsportgruppe „Standarte Württemberg“ vorgenommen wurden, wurden auch in Böblingen Wohnungen durchsucht und dabei Waffen gefunden. Auffällig waren auch zwei Mitglieder der Böblinger Bereitschaftspolizei, die zugleich Mitglieder im rassistischen Ku-Klux-Klan (KKK) in Schwäbisch Hall waren. Einer war der Vorgesetzte der Polizistin Michele Kiesewetter, die 2007 von der Terrorgruppe NSU ermordet wurde. Die Böblinger Kneipe „Kachelofen“ wird von Lucius Teidelbaum als Treffpunkt für den KKK genannt. Ob es Querverbindungen zur NSU gibt, ist offen.

NPD-Kreisrat Nowak ist das Gesicht der Nationaldemokraten

NPD-Kreisrat Janus Nowak: Ein entscheidender Brückenkopf ist der NPD-Kreisrat Janus Nowak, der in Gäufelden wohnt. Er ist das öffentliche Gesicht der Nationaldemokraten. Seit 2009 sitzt er im Kreisparlament und nutzt diese öffentliche Bühne geschickt und eloquent, um seine Partei bekannt zu machen. Im vergangenen Jahr hielt er eine flammende Haushaltsrede vom „Märchen vom Deutschen Michel“. In diesem Jahr gab er sich betont moderat, stellte Anträge auf einen Familienpass und auf Zuschüsse für kinderreiche Familien, auch für ausländische.

Die Polizei kennt Nowak schon lange als NPD-Aktivisten. „Er hat sich immer geschickt von Straftaten ferngehalten“, sagt der Sprecher Uwe Vincon. Dennoch kann er die Strukturen des Mandats nutzen, ohne direkt mit der Szene in Verbindung gebracht zu werden. Nowak ist auch ein guter Bekannter von Frank Rennicke, der bis 2006 in Ehningen gewohnt hat. Der Liedermacher wohnt inzwischen in Franken, ist aber bundesweit ein bekannter Rechtsextremist. „Er ist eine Ikone, ein Multitalent, das Musik und Gesang nutzt“, erklärt der Polizeisprecher Uwe Vincon. Auch wenn Rennicke weggezogen ist, bleiben viele NPD-Kameraden im Kreis wohnen. Erst vor wenigen Wochen ist ein Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht zu Ende gegangen. Dabei ging es um eine Schlägerei beim Abschiedskonzert von Frank Rennicke mit Antifa-Mitgliedern.

Herrenberg und Gäu: In den 90er Jahren gab es im „Dreiländereck“ zu den Kreisen Rottenburg und Calw eine rege Bauwagenkultur. Charakteristisch war, dass dort rechte Musik gehört und viel Alkohol getrunken wurde. Im vergangenen Jahr wurden einzelne Hakenkreuze in Bondorf in die Hauben von Autos gekratzt. „Die Täter sind oft alkoholisiert und teilweise minderjährig“, sagt Uwe Vincon, der das Obere Gäu lange Zeit selbst als Sachbearbeiter betreut hat.

Die Szene hat sich inzwischen „ausgewachsen“, wie Vincon berichtet: „Viele sind schon im mittleren Alter, haben Familie.“ Sie hätten zwar noch eine rechte Gesinnung, seien aber nicht mehr aktiv. Allerdings gab es bis vor Kurzem noch in Mötzingen einen Bauwagen, der von rechten Jugendlichen als Treffpunkt genutzt wurde.

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