Die Polizei riegelt Teile der Innenstadt ab, um Gegendemonstranten von der Kundgebung fernzuhalten. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie. Foto: Peter-Michael Petsch

Die Stadt Stuttgart hatte aus juristischen Gründen auf ein Verbot der Kundgebung verzichtet.

Stuttgart - Die Situation hat etwas von einer makabren Schnitzeljagd. Keiner weiß so genau, wo es als nächstes hingeht. Die NPD befindet sich mit einem Lastwagen, den sie selbst Flaggschiff nennt, einen Monat lang auf Deutschlandtour und hat für den Montagvormittag ihren Besuch in Stuttgart angekündigt. Wo, ist unklar. Auf der Internetseite der rechtsextremen Partei ist der Weilimdorfer Löwenmarkt vermerkt. Am Telefon spricht man vom „Königsplatz“. Bei Stadt und Polizei heißt es, die Pläne könnten sich „ständig ändern“.

Auch die 150 Gegendemonstranten tappen im Dunkeln. Sie müssen zunächst vom Schlossplatz zum Karlsplatz umziehen, weil der Aufbau fürs Sommerfest auf vollen Touren läuft. Dort, vor dem Mahnmal für die Opfer des Faschismus, herrscht Rätselraten. „Die Gegendemo dient nur als erster Anlaufpunkt“, sagt Michael Wittmaier vom antifaschistischen Aktionsbündnis. „Von hier wollen wir die Leute zur NPD bringen.“

Nach einer Stunde geht plötzlich alles ganz schnell. Im Bereich Kronprinz-, Calwer und Gymnasiumstraße rückt die Polizei mit einem Großaufgebot an. Mehrere Hundert Beamte mit Helm und Schlagschutz sind im Einsatz, riegeln ganze Straßenzüge ab. Um kurz vor 12 Uhr mittags wird der Rotebühlplatz gesperrt. Der Lkw ist da, der Beifahrer filmt die Szenen, die sich draußen abspielen. Gruppen von Demonstranten werden eingekesselt, es kommt zu ersten Rangeleien mit der Polizei. Der Verkehr staut sich in alle Richtungen. Im Schritttempo rollt der Lastwagen auf den Kronprinzplatz, der hermetisch abgeriegelt ist.

Kundgebung im Pfeifkonzert und Eierhagel

Unter gellenden Pfiffen und Sprechchören beginnt die Kundgebung. Ein Dutzend NPD-Leute samt eigenem Sicherheitsdienst stehen Hunderten Gegendemonstranten und Schaulustigen gegenüber. Eier und Tomaten fliegen aus den Reihen der Antifaschisten, Flaschen und eine mit Tränengas oder Pfefferspray gefüllte Rauchbombe. „Alle, die hinter der Polizeiabsperrung stehen und Wurfgeschosse auf uns schleudern, sollten für die Volksgemeinschaft kämpfen“, brüllt ein Redner vom Lastwagen herüber. Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei. Von der Polizei eskortiert rollt die NPD aus der Stadt. Sitzblockaden werden aufgelöst.

Unter den Gegendemonstranten herrscht großer Unmut nicht nur gegen die NPD. Auch Polizei und Stadt kommen nicht gut weg. „Dass man denen diesen Aufmarsch erlaubt ist unglaublich“, sagt eine Frau, „der Staat schützt die, die ihn abschaffen wollen.“

Die Stadt freilich hatte vorher versucht, strengere Auflagen für die Rechtsextremen durchzusetzen – und war damit juristisch nicht durchgekommen. Ein komplettes Verbot erwog man deshalb nicht. „Da werden dann sofort Rechtsmittel eingelegt, die vor Gericht fast immer erfolgreich sind“, sagt Rudolf Scheithauer vom Ordnungsamt, „und das heizt die Stimmung weiter auf.“ Ein Verbot der Stadt Ulm etwa wurde am Montag tatsächlich gerichtlich kassiert.

Als Bilanz bleiben Verletzte und diverse Anzeigen

Die Bilanz am Ende des Katz-und-Maus-Spiels: Sieben Polizisten und mehrere Demonstranten sind leicht verletzt. Gegen diverse Personen wird wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Nötigung und Landfriedensbruchs ermittelt. Der Verkehr ist über Stunden ausgebremst worden. Die Linkspartei klagt, antifaschistischer Widerstand werde kriminalisiert. Die zwölf NPD-Anhänger und ihre Gegenspieler haben an diesem Tag ganze Arbeit geleistet.

  
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