Blick in die Zukunft: Uta Wagner sieht die Gleichstellung auf einem guten Weg. Foto: Leif Piechowski

Uta Wagner hat Grund zum Feiern. Das autonome Frauenhaus Stuttgart, das sie mit gegründet hat, feiert 30. Geburtstag. Grund zum Zurücklehnen sei das aber nicht. Der Kampf um Gleichberechtigung müsse weiter gehen, sagt sie.

Stuttgart - In Uta Wagners Wohnzimmer fällt als Erstes der schwarze Flügel auf. „Für eine Frau hab’ ich früher mal ganz gut Klavier gespielt“, sagt die 63-Jährige. „Für eine Frau?“ Aus dem Mund einer gestandenen Feministin kann das nur ironisch gemeint sein. Ironie und Humor, das sind Wagners Waffen, um ihre Ideen an den Mann zu bringen

Ihr Weg zum Feminismus begann nach dem Jurastudium. Damals stellte sie fest, dass in der Gesellschaft der 70er Jahre keine Rede sein kann von einer Gleichbehandlung der Geschlechter. „Als ich 1977 in den Beruf ging, gab es nur vier Prozent Anwältinnen. Die Kollegen haben uns von oben herab behandelt, uns zum Beispiel mit ‚Frau Collega‘ angeredet. Wollten wir mit ihnen über einen Fall diskutieren, hieß es: Lest die Paragrafen.“ Ihre Bewerbungen in Kanzleien wurden damit abgelehnt, dass Frauen unerwünscht seien. Diese Ausgrenzung war für sie eine neue Erfahrung. „Im Studium gab es das nicht. Da hatten Frauen und Männer die gleichen Probleme mit Klausuren.“

Zu der Zeit, in der Uta Wagner Ungleichbehandlung im Beruf erlebte, rückte auch das Thema Gewalt gegen Frauen in die öffentliche Diskussion. „Betroffen waren und sind Frauen aus allen Schichten. Am schlimmsten dran sind aber immer die mit wenig Geld, die vor prügelnden Männern nicht ins Hotel oder in die Ferienwohnung fliehen können.“ Die Folge der Sensibilisierung für das Thema: Statt auf Flower-Power, die Ideologie der Gewaltlosigkeit Ende der 60er Jahre, setzten Frauen jetzt auf Frauenpower. Das Motto: „Gemeinsam sind wir stark.“ Auch die 28-jährige Berufsanfängerin wollte sich für Frauenrechte einsetzen – zusammen mit Gleichgesinnten: 1978, kurz nach dem der Verein „Frauen helfen Frauen“ gegründet war, stieß sie dazu. Ihre Ziele: durch politische Debatten mit dem Finger auf Formen der Diskriminierung zu zeigen und Frauen in Not handfeste Hilfe anzubieten.

„Frauen vor Gewalt zu schützen ist öffentliche Aufgabe“

„Anfangs waren unsere Diskussionen, wie sich gesellschaftliche Strukturen verändern lassen, zäh. Und wir waren sehr mit unserer Selbstfindung beschäftigt“, erinnert sich Wagner. Dass die Frauen in der Frauenbewegung zu eifrigen Strickerinnen wurden, erklärt sie mit der „manchmal zermürbenden Langeweile“ der Treffen. „Man musste etwas tun, um das zu ertragen.“ Bei den Treffs hat sie es so zu unzähligen Pullovern gebracht. Aber es wurden auch konkrete Projekte gestrickt: 1983 wurde mit dem autonomen Frauenhaus das erste große Vorhaben von „Frauen helfen Frauen“ realisiert. 40 misshandelten Frauen und deren Kindern konnten Wagner und ihre Mitstreiterinnen in Bad Cannstatt in der selbst verwalteten Unterkunft Zuflucht bieten. „Gemeinsam waren wir unausstehlich. Vermutlich war das ein Grund, dass die Stadt mitgemacht hat“, sagt Wagner. Denn eins war klar: Das autonome Frauenhaus sollte von der Stadt und nicht durch Spenden finanziert werden. „Frauen vor Gewalt zu schützen ist öffentliche Aufgabe. Deshalb muss das Geld von der Öffentlichkeit kommen“, stellt Wagner fest.

Dass Wagner verbindlich im Ton, aber hart in der Sache ist, sollten die Stadträte auch erfahren, nachdem sie 1989 als Parteilose auf der Liste der Grünen in den Gemeinderat gewählt worden war. Als „Bürger“ wollte sie nicht vereidigt werden, sondern als „Bürgerin“. „Obwohl mich die Grünen als feministische Rechtsanwältin aufgestellt hatten, hielten sie meine frauenpolitischen Forderungen für überzogen“, erinnert sie sich an ihre fünf Jahre als Stadträtin. Dass sie den Posten des Ordnungsbürgermeisters für eine Frau beansprucht hat, sei nicht gut angekommen. Gar zur Spaßbremse abgestempelt wurde Wagner im Sportausschuss. In den Sitzungen des bislang nur von Männern besetzten Gremiums wurde geraucht, Wein getrunken. Als sie dazu kam, musste das aufhören. Diskriminierung hin oder her: Humor ist, wenn man trotzdem lacht, hat sich Wagner gesagt – und die alltägliche Missachtung von Frauen mit Witz entlarvt: „In Einladungen zu Empfängen stand oft, was die Gäste anzuziehen hatten – nämlich ‚Anzug‘. Aber keine Rede von der Garderobe der Frauen“, sagt sie und setzte die Kleiderordnung prompt um: „Ich kam im Männeranzug mit Krawatte.“ Einige Herren fühlten sich kräftig auf den Schlips getreten.

Und heute, 30 Jahre nach Gründung des autonomen Frauenhauses? „Wir haben viel erreicht. Aber die Frauenbewegung braucht es noch. Denn sonst dauert es weitere 200 Jahre mit der Gleichberechtigung. So geht es schneller“, prognostiziert sie. Selbst sei sie nicht mehr so aktiv wie früher: „Mir ist das Streiten abhandengekommen.“ Glauben mag man das Uta Wagner nicht so recht.

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