Fünf Tage bezahlter Sonderurlaub für Bildung im Jahr? Die wenigsten Beschäftigten wollen davon wissen – oder kennen ihn nicht. Die Unternehmer Baden-Württemberg (UBW) würden ihn am liebsten ganz abschaffen.
Seit 2015 haben Beschäftigte in Baden-Württemberg einen Rechtsanspruch von bis zu fünf Tagen Bildungszeit pro Jahr bei vollen Bezügen. Doch nur sehr wenige nutzen die Möglichkeit, sich beruflich oder politisch weiterzubilden oder für ehrenamtliche Tätigkeiten zu qualifizieren.
Bei Mercedes, dm und EnBW nutzen bis zu zwei Prozent den Sonderurlaub
Laut einer Befragung, die das ifo-Institut für Randstad im Frühjahr 2023 unter bundesweit 640 Personalabteilungen durchführte, nahmen in Baden-Württemberg im Schnitt 3,6 Prozent der Beschäftigten die Bildungszeit in Anspruch. Eine aktuelle Umfrage unsere Zeitung unter Großunternehmen im Südwesten ergab eine noch geringere Resonanz. So betrug der Anteil bei Mercedes-Benz, SAP, der EnBW, Würth sowie Kärcher im vergangenen Jahr jeweils nur rund zwei Prozent. Etwas mehr war es bei Ritter Sport. Bei den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) waren es gar nur knapp ein Prozent, bei dm noch weniger.
„Viele Beschäftigten haben noch nichts vom Recht auf Bildungszeit gehört, weil nur wenige Unternehmen sie aktiv darüber informieren“, sagt Lara Körber von der bildungslurlauber.de, der größten Internetplattform zu diesem Thema. „Wir fordern eine Kommunikationspflicht für Unternehmen, dass sich die Leute auch trauen, die Weiterbildung in Anspruch zu nehmen. Sie sollte zum Baustein eines jeden Berufslebens gehören.“
„Wir müssen Weiterbildung einfordern“, heißt es bei der SPD
Stefan Fulst-Blei (56), Bildungsexperte und SPD-Vize im Landtag, fordert ein Umdenken in den Unternehmen: „ Wir brauchen ein Selbstbewusstsein, Weiterbildung auch einzufordern, heute muss das lebenslange Lernen selbstverständlich sein.“
„Ein unnötig belastendes Gesetz“, klagt der Verband UBW
Heftige Kritik gibt es derweil von den Unternehmern Baden-Württemberg (UBW), dem Dachverband der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände im Land. Die Bildungszeit sei durch den finanziellen und bürokratischen Aufwand für die Unternehmen ein „unnötig belastendes Gesetz“, sagte ein Sprecher unserer Zeitung. Der UBW fordert, dass die Bildungszeit stärker auf die „tatsächlichen betrieblichen Belange“ ausgerichtet wird.