Der Pflegekonzern Alloheim mit Sitz in Nordrhein-Westfalen hat in vielen seiner 160 Heime Probleme. Foto: dpa

Die Schließung des Alloheims in Ludwigsburg war kein Einzelfall: Wie Recherchen unserer Zeitung und von Frontal 21 belegen, steckt dahinter ein System von Profitmaximierung auf Kosten der Patienten.

Ludwigsburg - Was die Patienten in der Seniorenresidenz Anna Maria in Ludwigsburg über drei Jahre hinweg aushalten mussten, liest sich wie das Drehbuch aus einem Gruselfilm. Recherchen unserer Zeitung und des ZDF-Magazins Frontal 21 belegen: Die Hygiene war mangelhaft, in den Gängen stank es nach Urin, das Heim war personell unterbesetzt und das Fachpersonal fehlte oft. Zu häufig wurden Senioren ans Bett gefesselt. Spätestens seit 2015 war das bekannt, nach einem jahrelangen Hickhack hat die Heimaufsicht im Ludwigsburger Landratsamt im Herbst 2017 die Zwangsschließung des Heimes verfügt.

Das Seniorenheim gehörte bis Dezember 2017 zur Alloheim-Gruppe aus Nordrhein-Westfalen, die bundesweit über 160 Heime betreibt und durch Zukäufe ständig gewachsen ist. Die Alloheim-Dependance in Ludwigsburgist kein Einzelfall – hinter den Missständen steckt nach Überzeugung der Gewerkschaft Verdi und von Pflegeexperten ein breit angelegtes System zur Steigerung der Rendite.

Altenheime werden von Finanzinvestoren durchgereicht

Der Eigentümer, die US-amerikanische Carlyle-Gruppe, hat Alloheim 2008 vom Finanzinvestor Star Capital Partners in London gekauft, die Heime auf Rentabilität getrimmt – und das ganze Unternehmen im Dezember 2017 für 1,1 Milliarden Euro an Nordic Capital mit Sitz auf der Kanalinsel Jersey verkauft. So wurde das 1973 in Bad Marienberg als einzelnes Heim gegründete Unternehmen von Finanzinvestor zu Finanzinvestor weitergereicht.

Das Beispiel des Alloheims in Ludwigsburg zeigt die Schwierigkeiten dieser Geschäftsstrategie. Die Missstände wurden bereits im Jahr 2015 offenkundig, wie ein Bericht der Heimaufsicht vom 11. Juni dokumentiert, der der Redaktion vorliegt. „Strukturelle Defizite“ wurden festgestellt, und „grobe Mängel“ bei Personal und Hygiene. „Bei Betreten des Heimes und in Fluren haben wir deutlichen Uringeruch wahrgenommen“, heißt es. Geschirr sei unter „hygienisch unzulässigen Umständen“ gespült worden, Schimmel wurde auf den Möbeln gefunden. Die Heimaufsicht mahnt: „Fixierungen stellen kein geeignetes Mittel zur Sturzprophylaxe dar.“ Vor allem aber mangelte es an Fachpersonal. So fehlten bei einer Kontrolle 2,09 Personalstellen, die Fachpersonalquote von 50 Prozent wurde nicht eingehalten.

Das deckt sich mit Berichten der Mitarbeiter, die sich an unsere Zeitung gewandt haben. „Die Besetzung mit Fachkräften war so schwach, dass zwei Mitarbeiter bis zu 32 Patienten betreuen mussten“, erzählt eine ehemalige Angestellte.

Alloheim weist alle Vorwürfe zurück

Auf Anfrage weist ein Sprecher der Alloheim-Gruppe die Vorwürfe zurück und betont, das Wohl der Patienten genieße „oberste Priorität“. So heißt es: „Die Versorgungsqualität der Bewohner entsprach zu jeder Zeit den Vorgaben, so zum Beispiel Betreuung und Hygiene.“ Allerdings räumt der Sprecher ein, dass es bis Herbst 2016 Probleme gegeben habe: „In der Vergangenheit wurden die Qualitätsvorgaben nicht in allen Punkten eingehalten.“ Es sei eine neue Heimleitung eingesetzt und mehr Fachpersonal eingestellt worden. Im Jahr 2017 habe man alle Anforderungen erfüllt.

Schlagzeilen gemacht hat auch der Fall von Agnes Ster aus Frankfurt, deren Mutter im Ludwigsburger Alloheim wohnte: Die 87-jährige Maria Ster wurde kurz vor Weihnachten 2016 mit Blutergüssen und einem gebrochenen Arm gefunden und kam ins Krankenhaus; nach einigen Wochen starb sie an Hirnblutungen. Agnes Ster ist sicher: „Die Verletzungen sind ihr vorsätzlich zugefügt worden.“ Sie stellte Strafanzeige, die bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart zur Prüfung liegt, wie ein Sprecher bestätigt: „Wir ermitteln wegen Körperverletzung und Misshandlung.“

Alloheim erklärt, es sei ein Gutachten angefordert worden. Die Untersuchungen hätten keine Hinweise auf eine Fremdeinwirkung ergeben: „Alloheim hat diesen bedauerlichen Vorfall sehr ernst genommen.“

Über drei Jahre hinweg hat die Heimaufsicht das Ludwigsburger Alloheim überprüft. Im September 2017 verlor das Landratsamt Ludwigsburg die Geduld und versagte die Betriebserlaubnis für Alloheim. „Trotz intensiver Gespräche ist es nicht zu einer Verbesserung gekommen“, sagt Andreas Fritz, der Sprecher des Landrats.

Weitere Alloheim-Einrichtungen haben Probleme

Es ist nicht das erste Heim der Alloheim-Gruppe, das wegen Mängeln geschlossen wurde. In Simmerath (Nordrhein-Westfalen) gab es ähnliche Vorwürfe, bis die Heimaufsicht im Oktober 2016 den Betrieb untersagte. Das Gesundheitsministerium in Nordrhein-Westfalen ließ nach der Schließung alle Pflegeheime im Land überprüfen, ein Sprecher erklärte 2016 dazu: „Es liegen Informationen vor, nach denen es in mehreren Einrichtungen der Alloheim-Gruppe Schwierigkeiten gibt, die wir als gravierend einstufen.“

In Hannover machte ein spektakulärer Notfall Schlagzeilen: Im Juni 2017 fühlte sich ein Pfleger aus Verzweiflung über die Personalsituation derart überfordert, dass er sich nicht mehr anders zu helfen gewusst hat und über den Notruf Polizei und Feuerwehr alarmiert hat.

Überforderter Mitarbeiter ruft die Polizei

Daraufhin wurde er entlassen. Alloheim sagt zu diesem Vorgang: „Der Vorgang hat sich nicht so abgespielt.“ Es habe drei Krankheitsausfälle und Verspätungen an dem Tag gegeben, daher hätten Mitarbeiter aus anderen Wohnbereichen einspringen müssen. Zu einem Polizeieinsatz sei es nicht gekommen – der Mitarbeiter sei „aus anderen Gründen“ entlassen worden.

Unter welchen Umständen die Mitarbeiter im Alloheim Hannover arbeiten mussten, wurde in einer internen Betriebsversammlung berichtet, deren Protokoll der Redaktion vorliegt. „Das Heim ist angeblich überbesetzt, im Dienstplan stehen aber Leute, die es gar nicht gibt“, heißt es. Die Patienten könnten aufgrund des dramatischen Personalmangels nicht ausreichend mit Flüssigkeit versorgt werden. In einem Fall seien sogar Maden in der Dekubitus-Wunde eines Patienten gefunden worden, wie ein Video zeige. Das bestätigt auch der Hannoveraner Verdi-Sekretär Thilo Jahn. Eine Alloheim-Sprecherin weist die Vorwürfe zurück: „Für Wund- und Flüssigkeitsversorgung gibt es klare Regeln. Wir pflegen eine kooperative Arbeitskultur.“ Von einem Video sei nichts bekannt, allerdings schreibt Alloheim an ZDF-Frontal 21: „In einem Einzelfall kam es zu einem Vorfall wie dem von Ihnen geschilderten. Wir bedauern dies zutiefst.“

Viele Einzelfälle ergeben ein klares Bild

Die Vielzahl von Fällen erweckt den Eindruck, dass bei dem Pflegekonzern Profitmaximierung an oberster Stelle steht. Wollte der Eigentümer die Bilanzen aufhübschen, um für den Verkauf an Nordic Capital mehr herausschlagen zu können? Ein Blick in die Finanzunterlagen für das Ludwigsburger Heim zwischen Januar und Juni 2016 lässt diese Vermutung plausibel erscheinen. Die Unterlagen liegen unserer Zeitung und ZDF-Frontal 21 vor. In dem Zeitraum wurde ein Gewinn von 190 000 Euro in dem Heim gemacht. Das würde pro Patient im Monat etwa 300 Euro Gewinn ausmachen. Lediglich vier Euro je Tag und Bewohner wurde für die Ernährung ausgegeben.

Alloheim erklärt gegenüber Frontal 21 dazu: „Am Essen wurde nicht gespart.“ Zu den Geschäftszahlen will man sich aber nicht äußern. Generell erklärt das Unternehmen, dass es in „wenigen bedauerlichen Einzelfällen“ dazu gekommen sei, dass einzelne Einrichtungen zeitweise die „hohen Qualitätsanforderungen von Alloheim nicht vollständig erfüllten“. Man habe umgehend entschieden und gehandelt.

Gewerkschaften und Betriebsräte sind nicht erwünscht

Auch auf Gewerkschaften und Betriebsräte ist die Geschäftsleitung von Alloheim nicht gut zu sprechen. Das mussten die Mitarbeiter der Einrichtungen in Berlin feststellen. Dort hat Alloheim die Altenheime des Unternehmens Poli Care gekauft. Nach der Übernahme klagten die Mitarbeiterinnen im Jahr 2016 über die zu hohe Arbeitsbelastung. „Ich nenne es Gewalt in der Pflege, was wir tun müssen“, sagte damals eine ehemalige Angestellte. Auch die Betriebsratschefin äußerte offen Kritik. Als sie gegen die Missstände aufbegehrt habe, sei sie „rausgeekelt“ worden, man habe ihr Fehler in der Dokumentation unterstellt und sie letztlich gekündigt. Ein Alloheim-Sprecher widersprach: „Die Qualität der Pflege und das Wohl der Bewohner haben für Alloheim oberste Priorität. Um beides sicher zu stellen, legt Alloheim auch großen Wert auf zufriedene und motivierte Mitarbeiter.“

Schließung der Heime durch Verkauf abgewendet

Die Schließung der beiden Alloheim-Einrichtungen in Simmerath und Ludwigsburg ist jedenfalls ein Problem für das Image des Unternehmens. Deswegen griffen die Geschäftsführer Rainer Hohmann und Thomas Kupczik zu einem Trick: Sie verkauften kurz vor dem angedrohten Schließungstermin die Einrichtung an eine andere Firma. In Nordrhein-Westfalen an die „Itertal-Seniorenresidenzen“, in Ludwigsburg an die Convivo-Gruppe in Bremen. Beide Male entschied die Heimaufsicht, den Pflegeheimen unter neuer Leitung den Weiterbetrieb zu ermöglichen.

Inzwischen attestiert das Landratsamt Fortschritte, Sprecher Fritz erklärt aber: „Die Einrichtung wird noch Zeit brauchen.“ Der Convivo-Geschäftsführer Timm Klöpper erklärte bei der Übernahme: „Wir haben eine andere Unternehmenskultur.“ Man wolle die Probleme aufarbeiten. Pikant ist, dass der andere Convivo-Geschäftsführer Torsten Gehle zeitweilig mit einem anderen Mitstreiter geschäftsführender Gesellschafter der Senator-Gruppe war, deren 48 Heime im Jahr 2016 an Alloheim verkauft wurden.

An einer Teilgesellschaft mit Alloheim besaß er für einige Monate sogar 50 Prozent Anteile, Gehle und Kupczik haben sich die Klinke in die Hand gegeben. Nun rettet Gehle das Ludwigsburger Alloheim vor der Schließung – und behält die Heimleitung bei. Nur ein Zufall? Für die Bewohner der Ludwigsburger Seniorenresidenz bleibt zu hoffen, dass der neue Eigentümer nicht die gleichen Geschäftspraktiken betreibt wie die ehemaligen Geschäftspartner.

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