Recherche mit ZDF Frontal 21 zu Pflegekonzern Das System Alloheim: Rendite um jeden Preis

Von Rafael Binkowski 

Der Pflegekonzern Alloheim mit Sitz in Nordrhein-Westfalen hat in vielen seiner 160 Heime Probleme. Foto: dpa
Der Pflegekonzern Alloheim mit Sitz in Nordrhein-Westfalen hat in vielen seiner 160 Heime Probleme. Foto: dpa

Die Schließung des Alloheims in Ludwigsburg war kein Einzelfall: Wie Recherchen unserer Zeitung und von Frontal 21 belegen, steckt dahinter ein System von Profitmaximierung auf Kosten der Patienten.

Ludwigsburg - Was die Patienten in der Seniorenresidenz Anna Maria in Ludwigsburg über drei Jahre hinweg aushalten mussten, liest sich wie das Drehbuch aus einem Gruselfilm. Recherchen unserer Zeitung und des ZDF-Magazins Frontal 21 belegen: Die Hygiene war mangelhaft, in den Gängen stank es nach Urin, das Heim war personell unterbesetzt und das Fachpersonal fehlte oft. Zu häufig wurden Senioren ans Bett gefesselt. Spätestens seit 2015 war das bekannt, nach einem jahrelangen Hickhack hat die Heimaufsicht im Ludwigsburger Landratsamt im Herbst 2017 die Zwangsschließung des Heimes verfügt.

Das Seniorenheim gehörte bis Dezember 2017 zur Alloheim-Gruppe aus Nordrhein-Westfalen, die bundesweit über 160 Heime betreibt und durch Zukäufe ständig gewachsen ist. Die Alloheim-Dependance in Ludwigsburgist kein Einzelfall – hinter den Missständen steckt nach Überzeugung der Gewerkschaft Verdi und von Pflegeexperten ein breit angelegtes System zur Steigerung der Rendite.

Altenheime werden von Finanzinvestoren durchgereicht

Der Eigentümer, die US-amerikanische Carlyle-Gruppe, hat Alloheim 2008 vom Finanzinvestor Star Capital Partners in London gekauft, die Heime auf Rentabilität getrimmt – und das ganze Unternehmen im Dezember 2017 für 1,1 Milliarden Euro an Nordic Capital mit Sitz auf der Kanalinsel Jersey verkauft. So wurde das 1973 in Bad Marienberg als einzelnes Heim gegründete Unternehmen von Finanzinvestor zu Finanzinvestor weitergereicht.

Das Beispiel des Alloheims in Ludwigsburg zeigt die Schwierigkeiten dieser Geschäftsstrategie. Die Missstände wurden bereits im Jahr 2015 offenkundig, wie ein Bericht der Heimaufsicht vom 11. Juni dokumentiert, der der Redaktion vorliegt. „Strukturelle Defizite“ wurden festgestellt, und „grobe Mängel“ bei Personal und Hygiene. „Bei Betreten des Heimes und in Fluren haben wir deutlichen Uringeruch wahrgenommen“, heißt es. Geschirr sei unter „hygienisch unzulässigen Umständen“ gespült worden, Schimmel wurde auf den Möbeln gefunden. Die Heimaufsicht mahnt: „Fixierungen stellen kein geeignetes Mittel zur Sturzprophylaxe dar.“ Vor allem aber mangelte es an Fachpersonal. So fehlten bei einer Kontrolle 2,09 Personalstellen, die Fachpersonalquote von 50 Prozent wurde nicht eingehalten.

Das deckt sich mit Berichten der Mitarbeiter, die sich an unsere Zeitung gewandt haben. „Die Besetzung mit Fachkräften war so schwach, dass zwei Mitarbeiter bis zu 32 Patienten betreuen mussten“, erzählt eine ehemalige Angestellte.

Alloheim weist alle Vorwürfe zurück

Auf Anfrage weist ein Sprecher der Alloheim-Gruppe die Vorwürfe zurück und betont, das Wohl der Patienten genieße „oberste Priorität“. So heißt es: „Die Versorgungsqualität der Bewohner entsprach zu jeder Zeit den Vorgaben, so zum Beispiel Betreuung und Hygiene.“ Allerdings räumt der Sprecher ein, dass es bis Herbst 2016 Probleme gegeben habe: „In der Vergangenheit wurden die Qualitätsvorgaben nicht in allen Punkten eingehalten.“ Es sei eine neue Heimleitung eingesetzt und mehr Fachpersonal eingestellt worden. Im Jahr 2017 habe man alle Anforderungen erfüllt.

Schlagzeilen gemacht hat auch der Fall von Agnes Ster aus Frankfurt, deren Mutter im Ludwigsburger Alloheim wohnte: Die 87-jährige Maria Ster wurde kurz vor Weihnachten 2016 mit Blutergüssen und einem gebrochenen Arm gefunden und kam ins Krankenhaus; nach einigen Wochen starb sie an Hirnblutungen. Agnes Ster ist sicher: „Die Verletzungen sind ihr vorsätzlich zugefügt worden.“ Sie stellte Strafanzeige, die bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart zur Prüfung liegt, wie ein Sprecher bestätigt: „Wir ermitteln wegen Körperverletzung und Misshandlung.“

Alloheim erklärt, es sei ein Gutachten angefordert worden. Die Untersuchungen hätten keine Hinweise auf eine Fremdeinwirkung ergeben: „Alloheim hat diesen bedauerlichen Vorfall sehr ernst genommen.“

Über drei Jahre hinweg hat die Heimaufsicht das Ludwigsburger Alloheim überprüft. Im September 2017 verlor das Landratsamt Ludwigsburg die Geduld und versagte die Betriebserlaubnis für Alloheim. „Trotz intensiver Gespräche ist es nicht zu einer Verbesserung gekommen“, sagt Andreas Fritz, der Sprecher des Landrats.

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