Rebecca von Lipinski Foto: Sigmund

Im Dezember 2008 hatte Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ in Waltraud Lehners Inszenierung Premiere an der Oper Stuttgart. An diesem Freitag wird das Stück wieder aufgenommen – mit der Sopranistin Rebecca von Lipinski als Tatjana.

Stuttgart - Manche Szenen wirken wie Fotos, die fest an die Wände unseres Operngedächtnisses geklebt sind. Eine von ihnen ereignet sich in Jossi Wielers und Sergio Morabitos Inszenierung von Leos Janáceks „Osud“ („Schicksal“), die im Juni 2012 an der Oper Stuttgart Premiere hatte. Da sitzen ein Mann und eine Frau im Wirtshaus. Er, Zivny, ergeht sich weitschweifig in Gedanken über die Liebe und die Kunst, sie, Mila, legt, praktisch, vorsorgend, ganz das Hausfrauen-Klischee, Bierdeckel unter den wackelnden Tisch – und als sie endlich selbst spricht, hört ihr Gegenüber ihr vor lauter Speis und Trank nicht zu.

Wenn das mal gutgeht, sagt warnend diese Szene, dieses Foto im samtrot eingeschlagenen Kabinett unseres Operngedächtnisses, und vielleicht erinnert sich mancher auch noch an die Frau, die Mila war: Rebecca von Lipinski, Sopranistin aus England, seit 2011 Mitglied des Stuttgarter Opernensembles, singt klar, genau, eine präzise, irgendwie pragmatische Stimme. Wenn Rebecca von Lipinski erzählt, dass sie vor ihrem Stuttgarter Engagement in ihrem Heimatland jahrelang als Spezialistin für zeitgenössische Musik galt, dann passt das dazu.

Es gibt aber noch ein anderes Bild. Es stammt ebenfalls aus einer Inszenierung Jossi Wielers und Sergio Morabitos, und es zeigt die Sopranistin, wie sie auf dem Bühnenboden liegt, bedeckt von einem Meer von Blumen. In Edison Denisovs Oper „Der Schaum der Tage“ spielt die Sängerin die kranke Chloë, der eine tödliche Seerose aus der Brust wächst. Das Sterben der rätselhaften Schwester von Puccinis Mimi dauert ganze zwei Akte, ist schrecklich und wunderschön.

Und es ist Kunst. Eine Kunst, die kaum weiter weg sein könnte von der Lebenswirklichkeit eines englischen Mädchens, dessen Vater Bergmann und dessen Mutter Hausfrau ist und das klassische Musik nur ein bisschen aus dem Radio kennt. Aber das Mädchen singt den ganzen Tag vor sich hin – so lange und so auffällig, dass die Mutter das Kind in ihren eigenen Laienchor mitnimmt. Später, als Rebecca elf ist, wirbt ein bekannter Mädchenchor in einer Zeitungsanzeige für Nachwuchs; die kleine Rebecca wird angenommen, bekommt Gesangsstunden, wechselt später die Schule, um mehr Zeit für die Musik zu haben. Die Lehrerin empfiehlt ein Gesangsstudium – „aber ich war mir“, sagt Rebecca von Lipinski heute, „lange nicht sicher, ob das ein richtiger Beruf sein kann und ob ich gut genug dafür bin“. Am Ende ist sie aber doch zum Studium nach Manchester gegangen, anschließend für ein Jahr ins Opernstudio in London. 2003 war ihre Ausbildung beendet, als freiberufliche Sängerin begann sie mit Gilbert & Sullivans „Pirates of Penzance“.

Dann kam die Neue Musik, die Schublade, die sich auch deshalb anbot, weil die Sopranistin in ihrem Chor gelernt hat, sich jede Partie rasch nur durch mehrmaliges Hören anzueignen. „Aber ich hatte doch noch keine Donna Elvira gesungen, keine Fiordiligi“, sagt Rebecca von Lipinski.

In Stuttgart singt sie jetzt Mozarts „komplett psychotische“ Donna Elvira. Und Thalie in „Platée“, Glucks Eurydike („Ich hätte nie gedacht, dass ich Opern aus der Zeit vor Mozart singen könnte“). Und Mila, die Pragmatische. Und Chloë, die Sterbende. „Diese Partie“, sagt die Sängerin über Denisovs Oper, „und dieses Stück hätte ich auch umsonst übernommen: So wundervoll war die Arbeit daran.“ Die Kollegen: toll! Und die Regisseure: Teamplayer! „Man darf etwas ausprobieren und wird gefragt, was man dabei empfindet, wie man selbst den Charakter sieht, den man spielen soll. Das liebe ich!“

In Stuttgart will Rebecca von Lipinski ihr deutsches, tschechisches und russisches Repertoire erweitern – und beginnt Letzteres mit der Tatjana in Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“: Waltraud Lehners äußerlich wenig spektakuläre, aber durchdachte Inszenierung aus dem Jahr 2008, die an diesem Freitag wieder aufgenommen wird, ist die erste russische Oper der Sopranistin: „Ich genieße es, diese junge, natürliche, einsame, immer aufrichtige Figur zu spielen, denn alles, was sie fühlt, habe ich irgendwann auch schon einmal empfunden.“

Überhaupt gehe es in der Oper ja vor allem darum, „Menschlichkeit durch Musik“ zu zeigen – und mit Hilfe spannender Geschichten über besondere Menschen dem Publikum zwei unterhaltsame Stunden zu bereiten. Abheben dürfe man dabei nicht. Zumindest in sich selbst findet Rebecca von Lipinski keinerlei Anzeichen von Divenhaftigkeit. „Notfalls“, sagt sie, „sorgt mein Mann dafür, dass ich den Boden unter den Füßen nicht verliere.“ Ihr Mann, dies zur Erklärung, arbeitet in der IT-Branche – allerdings in London, weit weg. So begleitet nur ihr Hund, ein kleiner Shetland Sheepdog, die Sängerin auf ihren Spaziergängen durch die Wälder rund um Schloss Solitude. Das härtet ab („ich lehne es ab, eine Erkältung zu haben“) und ersetzt den Sport, den sie als Teenager liebte. Mit 16 hat Rebecca von Lipinski für England gespielt – im englischen Netball-Team („Netball ist statischer Basketball für Frauen“). Nicht im Angriff, sondern in der Verteidigung. „Ich war nie gut im Treffen“, sagt die Sängerin, „aber ich war immer zur rechen Zeit am rechten Ort.“

„Eugen Onegin“ in der Oper Stuttgart: am 7. und 13. Februar, 6. und 13. März. Karten gibt es unter: 07 11 / 20 20 90.

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