Theo, Leonora und Selaf (rechts) berichten von den Höhen und Tiefen in ihrer Schulzeit. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Landesweit machen 46 500 Schülerinnen und Schüler aktuell ihren Realschulabschluss. Darunter sind auch Theo, Selaf und Leonora von der Gemeinschaftsschule Weilimdorf. Wie war Schule für sie – und was haben sie nun vor?

Von Nervosität keine Spur. Am Montag, 24. Juni, erfahren Theo, Leonora und Selaf, wie sie in den Realschulabschlussprüfungen abgeschnitten haben – so wie rund 46 500 Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg. Zumindest die drei Zehntklässler von der Gemeinschaftsschule Weilimdorf sind „ganz entspannt“ – und voller Ideen für ihre Zukunft. Ihr Schulleiter Nikolaus Arndt findet es spannend, welchen Weg sie genommen haben und zu welch selbstbewussten jungen Menschen sie geworden sind. Denn alle drei hatten es zu Beginn ihrer Schullaufbahn nicht gerade leicht.

 

Blickt Theo auf seine Grundschulzeit zurück, erinnert er sich an Misserfolge in der Schule – und an Angst. Er wollte zeitweilig gar nicht hingehen. Die zweite Klasse hat er wiederholt, dann wurde es besser mit der Angst. Als er auf die Gemeinschaftsschule Weilimdorf kam, habe er zunächst Aufgaben auf dem grundlegenden G-Niveau absolviert, weil er sich dort selbst eingestuft hatte. Doch seine Lehrer hätten ihn ermuntert, das mittlere Niveau zu probieren – Tests hätten dieses Niveau für ihn ergeben. „Und dann war ich aus dem Nichts Klassenbester.“ Keinen Druck zu haben und zu wissen, dass er auch immer wieder die leichteren Aufgaben wählen könnte, habe ihm sehr geholfen.

Andere wundern sich, dass er kein Abitur macht

Bis zur zehnten Klasse hat der 17-Jährige sogar im erweiterten gymnasialen Niveau gearbeitet, dann habe er – gegen die Empfehlung seiner Lehrer – wieder auf M gewechselt. „Ich will die Schule nicht weitermachen“, sagt Theo, der mit einem Einser-Abschluss rechnen kann, obwohl er gar nicht so viel Zeit fürs Lernen investiert hat. Gelernt habe er hauptsächlich zuhause, aber auch auf dem Reiterhof. Theo ist Springreiter. Ein zeitintensives Hobby. Aber das habe ihn dazu gebracht, sich beim Lernen zu fokussieren. Nach dem Realschulabschluss beginnt er eine Lehre als Elektroniker für Automatiktechnik bei Bosch, die Zusage hat er in der Tasche. Andere wunderten sich, dass er kein Abitur macht. „Aber ich kann mich hocharbeiten“, meint Theo, den Meister und den Techniker draufsatteln. Und während andere weiter zur Schule gingen und anschließend vielleicht studierten, verdiene er schon längst Geld.

„Das Glück liegt nicht unbedingt im Abitur“, pflichtet ihm sein Schulleiter bei, der nicht versteht, warum die Mittlere Reife gesellschaftlich nicht viel höher angesehen wird – trotz des Fachkräftemangels. Bei ihnen machten zwischen 70 und 80 Prozent der Zehntklässler ihren Realschulabschluss, die übrigen arbeiteten auf E-Niveau und strebten anschließend ihr Abitur an. Sie können zum Beispiel auf die Schickhardt-Gemeinschaftsschule wechseln, die eine Oberstufe hat.

Von ihrem Traumberuf musste sie sich verabschieden

Selaf wollte ursprünglich ebenfalls nicht weiter zur Schule gehen. Ihr Traumberuf war es, Polizeibeamtin zu werden, am liebsten bei der Bundespolizei. Sie hatte intensiv für die Sportprüfungen trainiert. Doch letztlich erhielt sie noch in der neunten Klasse eine Absage. Nicht aus fachlichen Gründen, sondern wegen ihrer Kurzsichtigkeit – ihre Dioptrien-Zahl ist zu hoch. Minus 5 darf nicht überschritten werden. Das habe sie sehr getroffen, sagt Selaf, die sich aus dem Tief erst mal herauskämpfen musste. Aber letztlich habe der Rückschlag sie stärker gemacht, glaubt sie.

Man hört Selaf nicht an, dass sie nicht in Deutschland geboren wurde. Sie war sechs, als die Familie aus dem Irak nach Deutschland kam. Sie sei zunächst sehr schüchtern gewesen, erinnert sie sich und habe sich nicht getraut, sich in der Grundschule am Unterricht zu beteiligen. Die erste Klasse musste sie wiederholen. „Insgesamt habe ich zweimal wiederholt“, erzählt die 18-Jährige. Auch sie habe in der fünften Klasse auf G-Niveau gearbeitet, sich aber auf das mittlere Niveau gesteigert und wie Theo zwischenzeitlich auch auf E-Niveau gearbeitet. Aber M-Niveau sei ihr dann sicherer erschienen. Sie ist stolz, wie locker sie in den Prüfungen gewesen ist, vor allem mündlich sei es „super“ gelaufen. Selaf hat sich bei einem Wirtschaftsgymnasium beworben. „Ich habe vor, das Abitur zu machen.“

Leonora will Erzieherin werden

Bei Leonora lief es nach der Einschulung zunächst ganz gut in der Schule, obwohl sie schon mit fünf Jahren eingeschult wurde. Die Probleme fingen erst in der dritten Klasse an. Vor allem die Textaufgaben in Mathematik fielen ihr schwer. Denn Leonora hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. In der vierten Klasse stand im Raum zu wiederholen – „oder auf die Hauptschule zu gehen“. Ihre Mutter habe sie bestärkt: „Und wenn Du den Hauptschulabschluss machst – du bist von großem Wert.“

Sie kam auf die Gemeinschaftsschule, für sie „eine sehr gute Entscheidung“. Ohne Nachteilsausgleich hat sie es im mittleren Niveau geschafft. Ausgerechnet in Mathe hatte sie angefangen, sich mehr zuzutrauen, eine Lehrerin habe sie angespornt. Während manche Mitschüler fürs Lernen in die Stadtbibliothek gingen, habe sie gerne im Jugendhaus gelernt. Im dortigen PC-Raum sei es ruhiger als bei ihr zuhause. Nun werde Leonora einen guten Abschluss machen, berichtet Arndt. Anschließend geht es für die 15-Jährige im Rahmen einer Ausbildung zur Erzieherin aufs Berufskolleg. Die Entscheidung habe sie Ende der neunten Klasse gefällt. Bei einem Ferienjob in der Krippe habe sie gemerkt: „Das gefällt mir.“

Schriftliche und mündliche Prüfungen

Rahmenbedingungen
Schülerinnen und Schüler, die eine Realschulabschlussprüfung ablegen, werden in den Fächern Deutsch, Mathematik, in der Pflichtfremdsprache – in der Regel Englisch – und in ihrem Wahlpflichtfach geprüft. Die Deutschprüfung war am 14. Mai, am 16. Mai erfolgte in der Pflichtfremdsprache Englisch. Die schriftliche Prüfung im Fach Mathematik fand nach den Pfingstferien am 4. Juni statt, die Pflichtfremdsprache Französisch war am 5. Juni dran. Wer Technik oder Alltagskultur, Ernährung, Soziales gewählt hatte, war am 6. Juni dran.

Notenverbesserung
Am Montag, 24. Juni, erfolgt die Notenbekanntgabe. Wer sich noch verbessern will, weil er zum Beispiel zwischen zwei Noten steht, kann optional noch eine mündliche Prüfung anschließen.