Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen fordert die Reaktivierung von früheren Trassen – wie der Bottwartalbahn, die sich bundesweit in einem Punkt von allen anderen potenziellen Projekten abhebt.
Die Allianz pro Schiene und der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) fordern vom Bund und den Ländern, größere Anstrengungen zum Ausbau des Schienennetzes zu unternehmen. In einer gemeinsamen Presseerklärung beklagen die Initiativen, dass die Wiederbelebung von früheren Strecken nicht in die Gänge komme. Bei 325 Strecken warte man inzwischen auf die Umsetzung.
Und die Verbände haben auch aufgelistet, durch welche Routen die meisten Einwohner neu an eine Schienenverbindung angedockt würden. Bundesweit ganz vorne in der Tabelle: die Bottwartalbahn.
Beim Nachfragepotenzial im Land auf dem zweiten Platz
In den Kommunen, die über die Trasse von Marbach nach Heilbronn für den Zugverkehr erschlossen werden könnten, leben demnach etwas mehr als 69 000 Frauen, Kinder und Männer. Diese Spitzenposition im Ranking und die positive Bewertung kommt für die Ludwigsburger Landkreisverwaltung nicht überraschend, wie die Pressesprecherin Franziska Schuster sagt. „Bereits bei der Potenzialanalyse des Landes zur Reaktivierung von Schienenstrecken im Jahr 2020 war die Schozach-Bottwartalbahn hinsichtlich des Nachfragepotenzials im Landesranking auf Platz zwei“, konstatiert Schuster.
Außerdem sei die Prognose der Machbarkeitsstudie sehr positiv ausgefallen. Insofern habe die Erklärung der beiden Verbände „keinen Einfluss auf unsere weitere Vorgehensweise“. Heißt: die Angelegenheit wird dadurch auch nicht zusätzlich forciert.
Schuster erklärt, dass die Vorbereitungen für die anvisierte standardisierte Bewertung, die es braucht, um Fördermittel abzuschöpfen, laufen. Es sei geplant, dass sich die kommunalen Gremien mit dem Thema noch im Herbst befassen.
Einen Schub könnte die mögliche Reaktivierung der Bahntrasse über Marbach, Murr, Steinheim, Großbottwar, Oberstenfeld im Landkreis Ludwigsburg sowie weiter im Landkreis Heilbronn über Beilstein, Ilsfeld, Talheim und Heilbronn-Sontheim auch über die Gründung eines Zweckverbands erfahren. Die Grünen im Ludwigsburger Kreistag machen sich dafür stark. „Der Antrag soll in der nächsten Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Technik behandelt werden“, kündigt Schuster an. Das wäre dann im November.
Spannend könnte jedoch selbst bei einem positiven Votum die Suche nach einem Geschäftsführer werden. Der Markt an Fachkräften scheint leer gefegt zu sein, wie der Blick nach Ludwigsburg zeigt. Dort hatte Frank von Meißner, offenbar auch wegen interner Querelen, die Brocken hingeschmissen. Der Chefposten des Zweckverbands Stadtbahn im Landkreis Ludwigsburg ist mittlerweile zwar mit dem früheren Ludwigsburger Bürgermeister Michael Ilk wieder besetzt, aber nur interimsweise.
Noch keine Suche nach Geschäftsführer
Gleichwohl wird es daran nach Ansicht der Kreisverwaltung bei der Bottwartalbahn nicht scheitern. „Das positive Votum der Allianz pro Schiene und die Potenzialanalyse des Landes zeigen, wir hochattraktiv die Bottwartalbahn ist. Noch sind wir in einer frühen Planungsphase der Bottwartalbahn, weshalb wir keine Geschäftsführung suchen. Die Attraktivität des Bahnprojekts ist aber die mitunter beste Grundlage, um in Zukunft geeignete Kandidaten für die Geschäftsführung zu begeistern“, sagt Schuster.
Sie vertritt auch die Überzeugung, dass sich trotz knapper Kassen die geplanten Schienen-Projekte im Bottwartal und in Ludwigsburg nicht gegenseitig ausbremsen. Die Wiederbelebung der Verbindung zwischen Marbach und Heilbronn befinde sich in einem frühen Planungsstadium, anders als die Stadtbahn in und um Ludwigsburg herum. Folglich ließen sich die beiden Vorhaben „nicht miteinander vergleichen und beeinflussen sich nicht“.
Hans-Joachim Knupfer von der Bürgeraktion Bottwartalbahn sieht trotz der positiven Bewertung durch die Allianz pro Schiene und den VDV ebenfalls keinen Anlass, in Aktionismus auszubrechen. „Es scheint nach meiner Kenntnis aktuell keinen Grund und auch keine Möglichkeit zu geben, das Verfahren zu beschleunigen“, konstatiert Knupfer. „De facto müsste ein Bau in Heilbronn beginnen und würde sich in mindestens drei Bauabschnitte aufgliedern, die Stadtstrecke in Heilbronn durch die City, der zweite Bauabschnitt bis Beilstein und ein dritter bis Marbach. Demgemäß kommt auf den Kreis Ludwigsburg noch kein unmittelbarer Handlungsdruck zu“, erklärt er.
Rasche Umsetzung der Strecke Ludwigsburg-Markgröningen gefordert
Umso wichtiger wäre es aber aus Sicht des Fachmanns, die Zeit zu nutzen, rasch die geplante Schienenverbindung von Ludwigsburg nach Markgröningen zu realisieren. Das könne auch zunächst im herkömmlichen Eisenbahnbetrieb als Regionalbahn geschehen. „Da kann man im zweiten Ausbauschritt immer noch die Stadtbahn draufsetzen“, sagt Hans-Joachim Knupfer.
Zudem würde er sich wünschen, dass die Deutsche Bahn solche Reaktivierungsstrecken „ohne großen Akt“ an die Kommunen weitergibt. Dies sei aktuell leider nicht der Fall, stattdessen türme der Konzern immer neue Forderungen auf. Wären die Kommunen Eigentümer, müssten sie sich damit nicht auseinandersetzen und könnten loslegen. „Andererseits scheint sich die Deutsche Bahn – wie ich seit Längerem höre – in Sachen Pachtvertrag auch nicht zu bewegen“, kritisiert Hans-Joachim Knupfer.
Drei Vorhaben aus dem Landkreis auf der Liste
Vorschläge
Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen und die Allianz pro Schiene legen regelmäßig eine aktualisierte Liste mit Vorschlägen vor, welche Bahnstrecken revitalisiert werden könnten. Inzwischen umfasst der Katalog 325 Routen mit einer Länge von 5426 Kilometern. Innerhalb von zwei Jahren seien zuletzt aber nur 21 Streckenkilometer wiederbelebt worden, kritisieren die Initiativen und fordern, die Planungsverfahren zu vereinfachen und Fördermittel aufzustocken.
Reaktivierung
Für den Landkreis Ludwigsburg stehen drei Reaktivierungsprojekte auf der Vorschlagsliste der Verbände, die Bottwartalbahn von Marbach nach Heilbronn, die Stadtbahn von Ludwigsburg nach Markgröningen sowie die Verbindung von Sersheim über Vaihingen an der Enz nach Enzweihingen.