Die Eigentümerlobby findet die miserablen Neubauzahlen weniger dramatisch, der Mieterverein fordert mehr Fördergeld vom Land für den Sozialwohnungsbau.
Die Tatsache, dass in der Landeshauptstadt 2022 nur noch 775 Wohnungen in Neubauten entstanden sind (41,3 Prozent weniger als 2021) , wird von Marktbeobachtern sehr unterschiedlich interpretiert. Der Eigentümerverein Haus und Grund Stuttgart sagt, der unlängst noch vorhandene Druck am Wohnungsmarkt habe „spürbar nachgelassen“, trotz des Zuzugs von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine liege die Einwohnerzahl mit rund 610 000 in Stuttgart auf „stabil niedrigem Niveau“. Die niedrigen Fertigstellungszahlen seien daher „deutlich weniger dramatisch zu beurteilen, als dies noch in den Vorjahren geboten war“.
Was ist die Rolle der Stadt beim Wohnungsbau?
Der Verein der Eigentümerlobby hat für den Einbruch dennoch Verantwortliche ausgemacht. Es gebe hausgemachte Stuttgarter Faktoren, so der Vorsitzende Joachim Rudolf. Er schreibt sie den Grünen und „linken Ideologen“ zu. K.o.-Kriterium für Investitionen in den Wohnungsbau seien die SIM-Auflagen. Gemeint ist ein Mindestanteil an gefördertem Wohnraum bei Neubauten in Stuttgart, für die ein neuer Bebauungsplan geschaffen wird. Der falsche Schluss wäre, so Rudolf und der Vereinsgeschäftsführer Ulrich Wecker, wenn man glaube, die Stadt müsse nun alles alleine machen. Die Stadt könne „auch nicht billiger und mit besserer Rendite bauen als private Investoren“, so Rudolf. Für diese nennt er eine Verzinsung von vier Prozent. Wer heute baue, benötige rechnerisch eine Quadratmeter-Miete von 20 Euro, weil die Grundstücke wegen der verfügten Knappheit so teuer seien. Dass in Stuttgart so gut wie nicht mehr auf der grünen Wiese, sondern möglichst im Innenbereich gebaut wird, war eine Mehrheitsentscheidung des Gemeinderates. Eine Stadt müsse keine Gewinne erzielen, es sei ihre Aufgaben, den Bürgerinnen und Bürgern bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen, sagt Johanna Tiarks vom Linksbündnis im Gemeinderat. „Im Prinzip dürfen ab sofort ausschließlich Sozialmietwohnungen gebaut werden“, so Tiarks. Die Lage für Familien werde immer prekärer.
Stuttgart wartet auf Rosenstein-Areal
Der Mietervereins-Vorsitzende Rolf Gaßmann sieht die Lage anders. Der private Mietwohnungsbau sei wegen der explodierenden Zinsen und Preise tot, so Gaßmann. Um so wichtiger sei daher der Bau von Sozialwohnungen. Die Mittel dafür sollten vom Land ausgeweitet werden, so der Mietervereinschef. Die Wohnraumfördermittel betrugen 2021 noch 250, 2022 schon 427 Millionen Euro. In diesem Jahr waren es 463 Millionen landesweit, der Topf ist bereits voll ausgeschöpft. Das Geld kommt überwiegend – seit 2023 zu 65 Prozent – vom Bund. Gaßmann fordert von der Landesregierung, mit ihrer Förderung in absoluten Zahlen mit der des Bundes gleichzuziehen. Die Bindefrist (Begrenzung der Miethöhe) für die Sozialwohnungen solle auf 30 Jahre verlängert werden. Auch Gaßmann sieht in Stuttgart „hausgemachte Ursachen“ und führt als Vergleich Freiburg mit 914 und in Heilbronn mit 392 neuen Wohnungen in 2022 an.
Allerdings sind solche Vergleiche schwierig. Stuttgart hat mit 207 Quadratkilometern für 610 000 Einwohner eine vergleichsweise kleine Markungsfläche, Freiburg stehen für 231 000 Einwohner 153 Quadratkilometer zur Verfügung, Heilbronn für nur 125 000 Einwohner 99 Quadratkilometer. Die Freiburger haben sich in einem Bürgerentscheid für den neuen Stadtteil Dietenbach ausgesprochen, in dem 6900 Wohnungen für 16 000 Menschen gebaut werden sollen. In Stuttgart wartet man darauf, dass die Bahn ihr Projekt Stuttgart 21 abschließt und die Stadt, voraussichtlich in den 2030er-Jahren, auf der Gleisbrache das Rosenstein-Wohnviertel angehen kann.