Mit Erleichterung reagiert die deutsche Wirtschaft auf die Handels-Vereinbarungen zwischen der EU und Großbritannien. Besser als gar kein Abkommen sei die Einigung in letzter Minute. Die Verantwortlichen befürchten allerdings kompliziertere Handelsbeziehungen mit der britischen Insel – und kritisieren, dass man den Abschluss nun unter Zeitdruck prüfen müsse.
Stuttgart - Die deutsche Wirtschaft reagiert mit Erleichterung auf die Handels-Vereinbarungen zwischen der EU und Großbritannien. Experten befürchten allerdings zusätzliche Bürokratie; unter anderem komplizierte und zum Teil überflüssige Grenzformalitäten könnten den Unternehmen das Leben unnötig erschweren, heißt es. Der Chef der deutsch-britischen Industrie- und Handelskammer (AHK), Ulrich Hoppe, geht davon aus, dass sich die Wirtschaft trotz des Deals auf „tief greifende Veränderungen“ einstellen müsse. „Ab dem ersten Tag nach der Brexit-Übergangsphase wird der Handel mit Gütern und Dienstleistungen teurer werden und in einigen Fällen deswegen unter Umständen sogar zum Erliegen kommen“, sagt Hoppe.
„Ein mühsam errungener Kompromiss“
Der Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands BDI, Joachim Lang, betont: „Das Abkommen ist besser als kein Abkommen.“ Die gerade für die Südwest-Wirtschaft wichtigen Maschinen- und Anlagenbauer sehen den Handelsvertrag „als ein wichtiges Signal für alle Unternehmen auf beiden Seiten des Kanals“. Nach unzähligen Verhandlungsrunden sei dieses Abkommen „jedoch ein mühsam errungener Kompromiss, der im Detail noch analysiert werden muss“, sagt Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes VDMA. Schon jetzt absehbar ist für Brodtmann aber, dass der Handel zwischen der EU und Großbritannien „in vielen Bereichen eigene Regeln entwickeln“ werde. Daher sei zu erwarten, „dass trotz des Abkommens der Handel zum Beispiel aufgrund sich auseinander entwickelnder Standards deutlich schwieriger wird“. Unternehmen und Behörden auf beiden Seiten des Kanals bräuchten nun Zeit, um sich auf neue Prozesse und Regelungen einzustellen, so der Verbandschef. Marija Kolak, Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), sagt bezüglich der Einigung: „Die ökonomische Vernunft hat sich gegen die populistische Kurzsichtigkeit durchgesetzt.“
Die LBBW sagt es mit Churchill
Auch der Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg, Uwe Burkert, begrüßt die Vereinbarung, „die aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass nur das Allerschlimmste vermieden wurde“. Der Wirtschaft auch in Baden-Württemberg tue es gut, wenn endlich wieder Vernunft das Miteinander bestimme. „Oder um es mit Winston Churchill zu sagen: ‚It is not enough that we do our best; sometimes we must do what is required’.“ Es reicht nicht, dass wir unser Bestes geben; manchmal müssen wir tun, was erforderlich ist, so der legendäre ehemalige britische Premierminister Churchill.
Keine zusätzlichen Roaminggebühren
Für Handynutzer wird sich übrigens nach Angaben von Mobilfunkanbietern nichts ändern. Zusätzliche Roaming-Gebühren werde es nicht geben, wie die deutschen Anbieter mitteilten. „Bei uns bleibt Großbritannien in den EU-Tarifen, so wie jetzt etwa schon die Schweiz inkludiert ist“, sagt ein Sprecher der Deutschen Telekom.
Handelspakt soll im Januar in Kraft treten
Die EU und Großbritannien hatten sich am Donnerstag nach insgesamt jahrelangen zähen Verhandlungen auf einen Handelspakt geeinigt. Der Vertrag soll die Beziehungen beider Seiten von Januar 2021 an neu regeln. Die beiden zentralen Punkte sind: die Vermeidung von Zöllen und unbegrenzter Handel.
Großbritannien war bereits Ende Januar aus der EU ausgetreten, ist während einer Brexit-Übergangsphase bis Jahresende aber noch Mitglied im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion. Ohne Abkommen wären Zölle und aufwendigere Kontrollen notwendig geworden. Für diesen Fall hatten Wirtschaftsvertreter beider Seiten vor dem Verlust Zehntausender Arbeitsplätze gewarnt.
Auf EU-Seite müssen die Regierungen aller 27 Mitgliedstaaten das Verhandlungsergebnis billigen. Angestrebt wird ein vorläufiges Inkrafttreten des Abkommens zum 1. Januar, wenn Großbritannien auch den EU-Binnenmarkt und die Zollunion verlassen hat. Die Ratifizierung durch das Europaparlament soll Anfang 2021 im Nachhinein erfolgen. In Großbritannien muss das Parlament zustimmen, es soll noch am 30. Dezember zusammenkommen.
Nur wenig Zeit, das Handelsabkommen durchzuarbeiten
Sorgen bereitet den Verantwortlichen zudem die sehr kurze Zeit, die noch bleibt, um sich in das umfassende Dokument einzulesen. „Viele Unternehmen werden gegen Regularien verstoßen, weil sie mit der neuen Regelflut noch nicht vertraut sind“, sagt York-Alexander von Massenbach von der britischen Handelskammer in Deutschland. „Der Deal kommt für Unternehmen ausgesprochen spät. Sich in wenigen Tagen durch 2000 Seiten Text zu arbeiten und zu identifizieren, welche Konsequenzen drohen, ist schwer zu leisten“, kritisiert von Massenbach.
Gemischte Reaktionen von britischen Verbänden
Nach Einschätzung von Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), „haben die Verhandlungen Spuren hinterlassen“. Unternehmen hätten ihre Investitionen aufgeschoben, um zunächst Klarheit über den Ausgang der Verhandlungen zu bekommen. Die EU sei mit Abstand der wichtigste Handelspartner für das Vereinigte Königreich. „Auch für Deutschland steht einiges auf dem Spiel – das Vereinigte Königreich liegt auf Rang 5 der wichtigsten Exportländer Deutschlands. Jetzt sind die Weichen gestellt, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit weiter vorankommt“, sagt Wambach.
Auch bei den britischen Verbänden fallen die Reaktionen zum Abkommen gemischt aus. Das Abkommen werde „den Verbrauchern in ganz Großbritannien einen kollektiven Seufzer der Erleichterung entlocken“, sagt etwa die Chefin des Handelsverbandes BRC, Helen Dickinson.
Dagegen warnt der Verband der Lebensmittel- und Getränkehersteller FDF vor zu schnellem Jubel. „Wir werden mit den Feierlichkeiten warten, bis wir die Details geprüft haben“, sagt FDF-Chef Ian Wright. Auch er kritisiert, dass der Branche zu wenig Zeit bleibe, um sich auf neue Regeln einzustellen.