Am IT-Campus von Bosch sorgt der Plan, dort rund 550 Stellen zu streichen, zwischenzeitlich geradezu für einen mentalen Systemabsturz. Zwei Betroffene berichten.
Einfach nach Hause gehen, so wie immer nach getaner Arbeit, als wäre nichts gewesen, das wollen die beiden Computer-Experten am Donnerstag nicht. Dazu seien sie einfach noch zu aufgewühlt, sagen Michele und Daniel, die ihre Nachnamen lieber nicht nennen wollen. Drei Stunden zuvor hatten sie per Mitteilung erfahren, was seitdem alle 2300 Beschäftigten am Bosch IT-Campus in Stuttgart-Feuerbach beschäftigt.
Nicht allein bleiben mit der Hiobsbotschaft
Bundesweit will der Konzern 830 Stellen bei Bosch Digital abbauen, davon rund 550 am Campus in Feuerbach; also dort, wo seit 2017 die Kompetenzen in diesem Bereich gebündelt werden. Eine Hiobsbotschaft, mit der Michele und Daniel jetzt nicht allein bleiben wollen. Deshalb beteiligen sie sich an einer Mahnwache, die vor Tor 1 des Bosch-Werks Feuerbach abgehalten wird.
Dort erhalten die IT-ler Zuspruch von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bosch-Bereichen und können darüber reden, was sie gerade beschäftigt. Es sei nach der Mitteilung an ihren Arbeitsplätzen sehr ruhig geworden, erzählt Daniel: „Und es gab Tränen.“ Dann spricht er darüber, dass sein Bereich eine vergleichsweise junge Bosch-Sparte sei, mit einem Durchschnittsalter von Mitte 40. „Viele von uns haben sich eine Immobilie gekauft, die abbezahlt werden muss“, sagt Daniel: „Da ist doch klar, dass es jetzt um existenzielle Sorgen geht.“
Sein Kollege Michele ergänzt: „Viele fragen sich jetzt gerade: was ist aus meinem Betrieb geworden?“ Er erinnere sich noch genau an sein Bewerbungsgespräch vor acht Jahren in Anschluss an sein Werkstudium. „Damals wurde mir gesagt, ‚auf Bosch als Arbeitgeber kannst Du Dich verlassen, wir sind hier eine große Familie’“, berichtet er und meint: „Mit Corona ist das Sicherheitsgefühl verloren gegangen.“
Damals ging es langsam los mit dem Stellenabbau. Der Sparplan bei Bosch sieht aktuell vor, an den Standorten in Deutschland 13 000 Stellen zu streichen. An den Standorten der Automobilsparte soll dies sozial verträglich geschehen, dort also, wo in der Regel ein Jobsicherungsprogramm betriebsbedingte Kündigungen bis 2027 ausschließt. Diese Regelung endet dagegen im IT-Bereich bereits Ende kommenden Jahres. „Uns wurde mitgeteilt, dass der Stellenabbau auch ohne betriebsbedingte Kündigungen erfolgen soll“, sagt Daniel: „Aber kann man sich da wirklich sicher sein?“
Schon jetzt am Anschlag
So richtig vorstellen können sich beide nicht, wie es in ihrem Bereich mit über 500 Stellen weniger überhaupt weitergehen soll. „Wir arbeiten ja jetzt schon am Anschlag“, erzählt Daniel. Mit der Folge, dass heute schon einige dem Arbeitsaufkommen nicht mehr gewachsen seien. In seinem Arbeitsumfeld träten gehäuft mentale Probleme und entsprechend krankheitsbedingte Fehltage auf. „Jetzt kommt noch die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes hinzu.“ Michele und Daniel selbst wollten nicht resignieren und beschreiben ihre Gemütsverfassung als „kämpferisch“.