Trainer Jesse Marsch fordert am Freitag den VfB Stuttgart – und will wieder den Fußball seines Mentors Ralf Rangnick spielen lassen. Der RB-Coach denkt auch an VfB-Kollege Pellegrino Matarazzo.
Stuttgart/Leipzig - Man kennt das ja von späteren Liebespaaren, manchmal sogar von Ehepaaren, die ihr Leben dann komplett miteinander verbringen: Beim Kennenlernen kracht es, warum auch immer, und oft denkt der eine (oder die eine) vom anderen, was sie oder er denn bitte für eine Idiotin oder ein Idiot ist. Oder zumindest, was er oder sie hier gerade für einen Stuss erzählt hat. Der oder die? Herrje, niemals!
Später aber funkt es doch – so ähnlich, wie das vielleicht bei Jesse Marsch und Ralf Rangnick nach dem ersten Kennenlernen war. Bei Marsch, dem neuen Trainer von RB Leipzig, der an diesem Freitag in seinem ersten Bundesligaheimspiel den VfB Stuttgart fordert (20.30 Uhr), und Rangnick, dem jahrelangen Vordenker im Red-Bull-Fußballkosmos, war es jedenfalls keine Liebe auf den ersten Blick.
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Am Anfang stand ein deftiges Streitgespräch – so erzählte das Marsch kürzlich im Interview der „SZ“. Der Fußballlehrer aus Wisconsin stand vor dem Eintritt ins Universum der Roten Bullen und traf da auf Rangnick. „Mein Vorstellungsgespräch verlief kurios“, sagte Marsch also im Rückblick auf den Start bei den New York Red Bulls im Jahr 2015.
Hitzige Diskussionen
Rangnick, so Marsch, sagte da lange gar nichts, es sprach nur Gerard Houiller: „Ich dachte, Ralf spräche kein Englisch, aber es stellte sich heraus, dass sein Englisch hervorragend war: Als er sah, wie ich tickte, fing er plötzlich an, mich herauszufordern.“ Was folgte, sei laut Marsch eine „heftige inhaltliche Auseinandersetzung über taktische Details“ gewesen: „Es war ein Kampf. Um Fachthemen, aber wirklich hitzig. Als ich rausging, rief ich meine Frau an und sagte: ‚Den Job kann ich vergessen. No way, dass ich den kriege.‘ 15 Minuten später bekam ich einen Anruf von New Yorks Präsident, und er sagte: Sie lieben dich. Ich dachte nur: Wie bitte?“
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Ja, es war also doch Liebe, mit Marsch, Rangnick und dem Fußballimperium von Red Bull – und diese Liebe hält bis heute an. Denn Marsch (47) ist am vorläufigen Ziel seiner Träume angekommen: in der Bundesliga, bei RB Leipzig. Bis 2018 war der US-Amerikaner vorher bei den Bullen aus New York an der Seitenlinie gestanden, anschließend holte der damalige Coach Rangnick ihn für eine Saison als seinen Co-Trainer nach Leipzig. Dann trainierte Marsch als Chefcoach RB Salzburg, in diesem Sommer kehrte er nun als Trainer nach Sachsen zurück.
Und dort soll Marsch, wen wundert’s, bei so viel Bullenblut in den Adern, wieder den typischen Bullenfußball spielen lassen. Denn Julian Nagelsmann, sein Vorgänger in Leipzig, war davon ja etwas abgerückt, der jetzige Coach des FC Bayern setzte mehr auf Ballbesitz denn auf die klassische Leipziger (oder Salzburger oder New Yorker) Balleroberung samt Überfall. Jetzt sagt Marsch, der Neue: „Wir nehmen diese Dinge nicht raus, wollen aber vertikaler und schneller mit mehr Pressing und Gegenpressing nach vorne spielen.“
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Diese Mischung war beim Liga-Auftakt am Sonntag beim FSV Mainz (0:1) nicht austariert, die Abläufe passten nicht. Jetzt, gegen den VfB, und auf Sicht soll alles besser werden – und das immer mit dem Geiste des Förderers Rangnick, der seit etwas mehr als einem Jahr nicht mehr für Red Bull arbeitet. Der Backnanger aber ist bis heute Inspiration für Marsch: „Das Jahr mit ihm in Leipzig war nur Fußball, Ideen, Philosophie“, sagt er. „Ralf saß im Cockpit und ist ziemlich schnell geflogen. In den seltenen ruhigen Stunden war er sehr sympathisch, hilfsbereit und ein guter Zuhörer. Sagen wir es so: Ohne diese sehr intensive, inspirierende und schöne Zeit mit Ralf und seinem Mentor Helmut Groß wäre ich ein anderer Trainer.“
Kennenlernen mit Matarazzo
Die württembergische Fußballschule der Marke Groß/Rangnick also steckt auch in Marsch – der auch die Ansichten des aktuellen Trainers des VfB Stuttgart bereits kennengelernt hat. Vor dem US-amerikanischen Trainerduell mit Pellegrino Matarazzo an diesem Freitag berichtete Marsch nun, dass „Rino und ich gegeneinander in der Universität gespielt haben“. Matarazzo hatte als Student im US-College für die Columbus Lions gespielt, Marsch war für die Princeton Tigers aktiv.
Vor zwei Jahren dann kam es zum Wiedersehen und zum nächsten Duell in Deutschland. In der Saison 2018/19 standen Marsch und Matarazzo als Co-Trainer in Leipzig und bei der TSG Hoffenheim unter Vertrag. „Da kam ein großer Mann zu mir und sagte: ‚Hello Jesse, how are you?‘ in perfektem amerikanischem Akzent. Dann dachte ich: ‚Wer ist das‘“, sagte Marsch. „Wir haben uns dann besser kennengelernt und über die Erfahrungen in Deutschland gesprochen. Pellegrinos Deutsch ist viel besser als meins – von seinem Deutsch her und auch als Trainer ist er ein Vorbild für mich.“
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