Ein im bosnischen Bosanski Novi geborener Muslim betritt mit seiner verschleierten Ehefrau die Gebetsräume der „Mesdschid Sahabe“ in der Regerstraße 60 in Stuttgart-Botnang Foto: SRF

Innenminister Reinhold Gall will den als salafistisch geltenden Moscheeverein in der Regerstraße in Botnang verbieten. Eine Razzia sollte nun die Beweise bringen, mit denen er das tun kann.

Stuttgart - Im September 2013 schleppte Elvis Hajric noch silberne Platten, auf denen sich Hackfleischbällchen und mit Safran gefärbter Reis türmten. Schließlich sollte es den 150 Gästen gut gehen, die zu der Gala nach Stuttgart-Feuerbach gekommen waren, um im Namen Allahs Geld, Kleider und Medikamente für notleidende Menschen in Syrien zu spenden. Wenige Tage später reichten die gottgefälligen Gaben dem ­Ditzinger nicht mehr: Über sein Heimatland Bosnien setzte sich Hajric nach Syrien ab, wo er sich einer Kampfgruppe der Jaish al-Muhajireen wal-Ansar (Jamwa – „Armee der Einwanderer und Unterstützer“) anschloss. Die Jamwa ordnete sich im Herbst 2013 der Terrorgruppe Islamischer Staat unter.

Der Bosnier ist nur einer von mindestens sechs regelmäßigen Besuchern des „Islamischen Kultur- und Bildungszentrums Mesdschid Sahabe“ in der Botnanger Regerstraße, die ihren Weg auf die Schlachtfelder Syriens und des Irak gingen. Staatsschützer des Polizeipräsidiums Stuttgart wie auch Verfassungsschützer beobachteten den Verein intensiv. „Die Mehrzahl der ­Personen“, die aus dem Südwesten „nach Syrien ausgereist sind“, heißt es in einem ­internen Papier der Geheimen, waren Be­sucher der Mesdschid Sahabe. Deren ­Vereinsräume im Erdgeschoss des grauen Hochhauses durchsuchten jetzt Ermittler. So wollten sie Beweise finden, mit deren ­Hilfe Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) die Gruppe verbieten kann.

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Denn in deren Gebetsräumen tritt die Crème de la Crème der deutschen wie bosnischen Predigerszene auf, die im Dschihad, im sogenannten Heiligen Krieg, den Weg zum Paradies ­sehen: Ibrahim Abou Nagie, Mohammed Seyfundin Ciftci, Pierre Vogel, der frühere bosnische Dschihadist Bilal Bosnic, der Wiener Extremist Hafidh Muhammad Fadil Porca.

Oder Scharfmacher Brahim Mohamed Belkaid, der sich „Abu Abdullah“ nennt. Spenden, rief er noch im vergangenen Jahr in der Botnanger Moschee seinen Zuhörern zu, „sind ja ganz schön“. Aber „im Moment ist die Pflicht eines wahren Muslims der Dschihad“. Allah liebe diejenigen, die für ihn auf seinem Weg kämpften. So, wie es Haris Causevic tat, als er 2010 vor der Polizeistation der zentralbosnischen Stadt Bugojno eine Autobombe zündete. Bei der Flucht versuchte er, sich den Weg frei zu schießen. Ein Polizist starb, sechs wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt, bevor der Attentäter überwältigt werden konnte. Vor anderthalb Jahren verurteilte ihn der oberste Strafgerichtshof Bosniens zu einer 45 Jahre langen Gefängnisstrafe. In der Verhandlung drohte der Attentäter, so lange „gegen die Ungläubigen zu kämpfen, solange noch ein Tropfen Blut“ in ihm sei.

Causevics Bruder Enes tritt immer wieder als Vorbeter in der Regerstraße auf. Verwandte des Geschwisterpaares gehören zur radikalisierten Islamistenszene in Pforzheim und Augsburg. Und Besucher der beiden Spendengalas für Syrien, zu denen die Besucher der „Mesdschid Sahabe“ 2013 einluden. Im März sammelten die extremistischen Muslime in der Regerstraße Geld für das „Projekt Krankenwagen Sindelfingen“. Mit von der Partie: Der Prediger Izzudin Jakupovic, einer der Männer, die in der „Sahabe“ das Wort ergreifen.

Jakupovic meldete ausrangierte Ambulanzen auf seinen Namen an, die Freiwillige nach Syrien überführten. Dort wurde mindestens eines dieser Fahrzeuge genutzt, um bewaffnete Kämpfer der „Scharia-Polizei“ zu transportieren. Dorfbewohner berichten, dass diese maskierten Krieger die fragwürdigen Urteile von Richtern der Terrororganisation Islamischer Staat vollstreckten: Peitschenhiebe, abgehackte Hände, Exekutionen.

Zur selben Zeit etablierte sich die Moschee in der Regerstraße als zentraler Anlaufpunkt für Stuttgarter Muslime, die hier Hilfsgüter ablieferten. Mit denen sollten, beteuerten die Vereinsmitglieder, notleidenden Menschen in Syrien geholfen werden. Bei gemeinsamen Recherchen des Schweizer Radios und Fernsehens (SRF) und unserer Zeitung im Kriegsgebiet fiel jedoch auf, dass die Hilfslieferungen oft an Dschihadisten und deren Familien verteilt wurden. Deutlich geringer war der Teil der Spenden, der normalen Menschen in den Dörfern gegeben wurde.

„Die zahlreichen Ausreisen in Richtung Syrien aus dem Umfeld des Moscheevereins deuten auf eine entsprechende Einflussnahme des Vereins auf seine Besucher hin“, begründet Minister Gall seinen Plan, den Verein zu verbieten. Er scheint recht zu haben: Mindestens ein weiterer Besucher der Stuttgarter Spendengala reiste wenig später mit Elvis Hajric zu den Terroristen des Islamischen Staates. Der Ditzinger kämpfte erst nördlich von Aleppo. Im vergangenen Oktober wurde er bei den Kämpfen um die Kurdenstadt Kobane an der Grenze zur Türkei erschossen – ein Jahr nach seinem letzten Besuch in der „Mesdschid Sahabe“.

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