Das Einkaufscenter will in Zukunft seine Nahversorgerrolle stärken und setzt neben dem klassischen Handel auf eine alternative Flächennutzung durch Freizeitangebote. Zum Beispiel durch einen Escape-Room-Anbieter.
Stuttgart - Heute an übermorgen denken. Diese Maxime hat sich nicht nur Breuninger verordnet, sondern viele Handelsunternehmen, die durch die Coronakrise navigieren. So hat Breuninger schon vor Jahren seinen Online-Handel professionalisiert und profitiert nun seit den pandemiebedingten Lockdowns. Auch Deutschlands größter Betreiber von Shoppingcentern, die ECE Group in Hamburg, denkt jetzt an Übermorgen. Soll heißen: Den rund 200 Centern der ECE dürfte ein gravierender Wandel bevorstehen. Davon geht auch Dirk Keuthen, Centermanager des Milaneos aus: „Die ECE ist sehr flexibel. Wir sind mit Veränderungen am Markt immer gut zurecht gekommen. Aber langfristig wird das schon eine Herausforderung.“
Die Frage ist nur, wie das Milaneo durch die Krise kommt. Erst jüngst erklärte ECE-Chef Alexander Otto im „Handelsblatt“: „Die Pandemie ist ein echter Schock für das System. Wir sind ja gewohnt, uns regelmäßig anzupassen, und das ist auch eine unserer Stärken. Aber jetzt ist die Situation schon eine besondere, weil sehr viele Flächen auf einmal auf den Markt kommen. Wir werden daher schneller und intensiver den Weg fortsetzen, neue Ideen und Angebote zu integrieren, die etwa mehr Erlebnis schaffen. Wir denken da beispielsweise an E-Sports-Angebote oder innovative Gastronomiekonzepte, aber auch Konzepte aus dem Bereich Medizin und Beauty. Auch kleine Baumärkte könnten wieder in die Center zurückkommen.“
ECE lässt 150 Millionen Euro Miete nach
Die Veränderungen der Malls ist nicht nur der augenblicklichen Lage geschuldet. Und die wird der ECE nach Auskunft des Chefs wohl in diesem Geschäftsjahr rote Zahlen bescheren. Schon 2020 habe man bei der ECE nur durch Gewinne aus anderen Immobilienbereichen die Verluste aus dem Handelsgeschäft ausgleichen können. Denn um die Mieter der Center vor der Insolvenz zu retten, habe die Gruppe auf über 150 Millionen Euro an Miete verzichtet. Dennoch konnte dies die Pleite von einigen Mietern nicht verhindern. Rund zehn Prozent der Flächen in Deutschland seien von Händlerinsolvenzen betroffen gewesen. „Selbst unser Lebensmittler ist von der Krise tangiert“, berichtet Keuthen, „weil die Grundfrequenz fehlt.“
Gleichwohl sehen die Zahlen des Milaneo laut Dirk Keuthen besser aus, als die der anderen Center im Schnitt. Auch hier hat man den 185 Händlern 50 Prozent nachgelassen. „Wir haben das mit Sicht nach vorne getan“, sagt Keuthen, „wir wollen mit unseren Partnern auch noch in Zukunft zusammenarbeiten.“ Die Alternative wäre ein noch höherer Leerstand. Auch bei dieser Ziffer steht das Milaneo im Bundesvergleich angeblich besser da: Bei den ECE-Centern stehen im Schnitt zehn Prozent der Flächen leer, im Milaneo seien es knapp fünf. Und während man in der ECE-Zentrale auch über Schließungen von Standorten nachdenkt, ist der Milaneo-Centermanager zuversichtlich: „Wir kämpfen wie die Löwen, dass es wieder in eine andere Richtung geht.“ Angeblich hat er fünf neue Mieter an Land gezogen.
Kein Hotel wie im Gerber
Nicht nur aus diesem Grund zeichnet Keuthen ein positives Zukunftsszenario. Seine Hoffnung setzt er dabei auch darauf, dass um das Milaneo herum ein neues Stuttgart heranwächst. Hotels in der Nachbarschaft sprießen aus dem Boden, und es entstehen noch mehr Wohnungen im Stuttgarter Norden. Aus diesem Grund will Keuthen die Rolle des Centers als Nahversorger stärken. „Das heißt aber nicht, dass wie unsere klassische Händlerstruktur aufgeben“, sagt er. Denn die habe weit über die Stadtgrenzen hinaus Magnetwirkung. Und diese Anziehungskraft aus dem Umland soll dem Milaneo auch in Zukunft den Rücken stärken. „An den Wochenenden haben wir bis zu 25 Prozent Kunden aus der Schweiz“, sagt er.
In der Summe der Faktoren komme so ein Wert heraus, den nur wenige Center vorweisen könnten: rund drei Stunden Aufenthaltsdauer pro Kunde. Zum Vergleich: In Keuthens vorigem Center, dem Marstall, bleiben die Kunden etwa eine Stunde lang. Das mag auch an der „jungen Zielgruppe“ (Keuthen) liegen. Nicht umsonst hat das Milaneo den Spitznamen „Jugendhaus Mitte“. Und damit dürfte sich im Gegensatz zur Konzernstrategie der ECE, die in neue Bereiche investiert, für das Milaneo in Zukunft weit weniger ändern als bei anderen Konsumtempeln.
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Als Beispiel für ein Center, das stets um Frequenz kämpft, dient das Gerber, das nun in Teilen zu einem Hotel umgebaut wird und in der oberen Etage Co-Working-Büros installiert. Beides ist für Keuthen keine Alternative und nicht notwendig. Seine Marschroute für die Zukunft lautet: Das bestehenden Center besser zu machen. Für das Milaneo heißt das: Neben dem gewohnten Handel und der Verbesserung der Nahversorgung wird am Mailänder Platz auch auf den Faktor Erlebnis und die alternative Nutzung von Handelsflächen durch Freizeitangebote umgesetzt. „Bei uns wird mit Plan B ein Escape-Room einziehen“, bestätigt Keuthen. Nicht auszuschließen sei auch, dass es irgendwann ein E-Sports-Angebot geben wird. Geplant wurde all das bei der ECE vermutlich schon vorvorvorgestern.