Raupe Nimmersatt-Autor Eric Carle Von Stuttgart in die Welt

Von Alexander Ikrat 

Geht es nach Verkaufszahlen, ist Eric Carle einer der erfolgreichsten Buchautoren mit deutschen Wurzeln überhaupt. Prägende Jahre der Kindheit, Jugend und als junger Mann erlebte der Schöpfer der kleinen Raupe Nimmersatt in Stuttgart-Feuerbach.

Stuttgart - Eric Carle ist zwischen Extremen aufgewachsen: Hier die Familie mit einem feinsinnigen Vater, der selbst Künstler werden wollte, aber nicht durfte, und dem Sohn seine Liebe zur Natur näherbrachte. Dort die strenge Erziehung in der Schule mit Stockhieben und verstörende Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges. In diesem Spannungsfeld entwickelte sich ein großes Talent des Erzählens und Gestaltens von Geschichten für Kinder, das sich vergleichsweise spät in seinem ersten Buch „1, 2, 3 ein Zug zum Zoo“ zeigte. Dieses veröffentlichte der damals auch schon 39-Jährige vor 50 Jahren zunächst in einem New Yorker Verlag. Von seiner Vergangenheit erzählt der Bilderbuchautor und -illustrator bei einem Telefonat in seinem Haus auf den Florida Keys. Hier verbringt der verwitwete 89-Jährige den größeren Teil des Jahres, den kleineren in seiner vorigen US-Heimat Massachusetts, wo auch sein Büro und Studio sowie das Eric Carle Museum of Picture Book Art stehen.

Vater Erich wandert nach Amerika aus und kehrt nach Stuttgart zurück

Vater Erich Carle war 1925 von Feuerbach nach Syracuse im US-Bundesstaat New York ausgewandert, zwei Jahre später gefolgt von seiner Jugendliebe Johanna Oelschläger, die weitere zwei Jahre darauf den gemeinsamen Sohn Eric gebar. Erich zeigte dem kleinen Eric früh auf Spaziergängen die Tierwelt, auch nach der Rückkehr nach Feuerbach 1935. Eric, der auch nach Jahrzehnten in den USA noch breites Schwäbisch sprechen kann, erinnert sich daran, wie die beiden durch den Wald im Westen von Feuerbach bergan in Richtung Schloss Solitude gingen, wie sie im nassen Gras einen Salamander entdeckten, unter alter Baumrinde Käfer und Tausendfüßler beobachteten und unter einer Eiche einen Fuchsbau fanden. Dazu erzählte der Vater Geschichten. „Er liebte Tiere“, schrieb Eric Carle später, „und von ihm habe ich meine Liebe zu allen Lebewesen geerbt.“ Auf dem Rückweg machten die beiden Rast im Gasthof Muckenstüble, das noch heute von Nachkommen der damaligen Wirte an der Solitudeallee in Stuttgart-Bergheim betrieben wird. Hier beschäftigten sich die beiden mit einem Schwalbennest, das der Vater beim Blick durchs Fenster an der Scheune gegenüber entdeckt hatte – und der kleine Eric aß dazu ein Schmalzbrot mit Zwiebeln und Äpfeln.

Zuhause in der Bachstraße, wo die junge Familie bald im vierstöckigen Haus von Erics Großvater Karl Oelschläger lebte, gab es ebenfalls tierische Erlebnisse. Der Opa, der in einem alten Holzbau hinter dem Haus Autoteile für Porsche in Zuffenhausen presste, schaffte auch ein paar Hühner und eine Ziege an, die er im Garten hielt. Nach Eric Carles Schilderung tat die übermütige Ziege nichts lieber, als seine Großmutter zu besuchen. „Die Ziege stürmte ins Haus, ging am Parterre und ersten Stock vorbei, kletterte drei Treppen hoch und klopfte mit ihrem Kopf an Omas Tür.“ Erst wenn sie eine Handvoll Haferflocken oder frische Kräuter bekommen hatte, trollte sie sich wieder. Carle erinnert sich auch an einen Streich, den er der geliebten Oma Anna gespielt hat. Eines Tages schaffte er es, dass sich vier Hühner tot stellten, indem er einem nach dem anderen eine Zeit lang die Hand vor die Augen hielt. Dann rief er die Oma, die bestürzt auf die Szenerie starrte und die Treppen hinunterjagte. Da klatschte der Enkel in die Hände und die Hühner sprangen wieder auf. Die Oma zog ihn am Ohr die Treppe hinauf in die Küche, wo sie ihm trotz allem heißen Kakao und selbst gebackene Kekse vorsetzte.

Zeichnen zuhause – Schläge in der Schule in Stuttgart-Feuerbach

Auch sein Talent hat Eric dem großen Erich zu verdanken: „Mein Vater zeichnete gern, und von ihm erbte ich meine Freude am Bildermachen.“ Er las ihm die Comics aus der Sonntagszeitung vor. Schon im ersten Schuljahr in Syracuse beflügelten zudem große Bogen Papier, bunte Farben und dicke Pinsel in einem sonnigen Klassenzimmer Erics Lust an der Malerei. Als die Mutter in die Schule gebeten wurde, ging es nicht darum, dass der Sohnemann etwas ausgefressen hatte. Die laut Carle gutherzige Lehrerin regte an, Erics Talent und Freude am Malen und Zeichnen zu fördern. Das beeindruckte die Mutter, die ansonsten vor allem Wert auf Disziplin legte – und sie befolgte es fortan. Anders war die Situation an der Grundschule in Feuerbach. Das Klassenzimmer klein, die Fenster schmal, ein harter Bleistift und ein kleines Blatt weißes Papier. An das Vergehen erinnert Carle sich nicht mehr, nur daran, dass es klein gewesen sein muss. „Ich war der Erste, der nach ein paar Tagen Bekanntschaft mit dem Prinzip ,Drei auf jede Hand’ machte“, sagt Carle heute, „mit einem dünnen Bambusstöckchen schlug der Lehrer mit aller Kraft dreimal auf meine ausgestreckte Hand.“ Und dann auf die zweite. „Danach habe ich die Schule gehasst und gefürchtet“, erinnert sich der Vater zweier längst erwachsener Kinder, dessen 21 Jahre jüngere Schwester Christa in Leonberg-Gebersheim lebt.

Die strenge und gewalttätige Schulerziehung ist nicht das Einzige, was Carle verstörte. Zweimal musste er im Sommer ins sogenannte Erholungsheim, wo resolute „Tanten“ scheinbar zu dünne Kinder mit Grießbrei vollstopften. Am Tag nach der Reichskristallnacht im November 1938 befremdete ihn auf dem Schulweg, dass der Laden auf der Adolf-Hitler-Straße (heutige Stuttgarter Straße), in dem er manchmal Spielzeug oder Garn für die Mutter kaufte, total demoliert war, zerrissene Kleider, zerbrochene Möbel und kaputte Spielsachen herumlagen. Sein Vater wurde gleich am ersten Kriegstag 1939 eingezogen und sollte erst 1947 als gebrochener Mann aus russischer Gefangenschaft zurückkehren. Er verbrachte viele Bombennächte im Schutzstollen und musste 1944 zusammen mit Zwangsarbeitern am Westwall entlang des Rheins Schützengräben bauen. Niemand sorgte sich um seine Verpflegung, doch Kriegsgefangene gaben ihm etwas von ihrer kargen Ration ab.

Die Leckereien von Tante Mina – Grundlage für die „Raupe Nimmersatt“

Nicht alles außerhalb des Wohnhauses in Feuerbach war in den 30er und 40er Jahren düster: Eric fuhr oft mit der Straßenbahn über den Pragsattel nach Stuttgart und ging vom Schlossplatz zu Fuß in die Altstadt zwischen Rathaus und Tagblattturm. Irgendwo in den verwinkelten Gässchen, die es heute nicht mehr gibt, wohnten Onkel August und Tante Mina. Der Onkel malte an Sonntagen an einer Staffelei Ölbilder und erzählte ihm Geschichten, die Tante stopfte ihn mit Leckereien voll. „Wie man sieht, ist das viele Essen, das in meinem Buch ,Die kleine Raupe Nimmersatt’ eine so wichtige Rolle spielt, keineswegs eine reine Erfindung meiner Fantasie“, schrieb Carle einmal. Zu Kriegszeiten war das Essen dann auch ein Dauerthema – weil nie genug da war, oder zumindest nicht das, was man wollte. Wenn Eric wieder nach Hause ging, machte er oft noch einen Umweg zum Tagblattturm, „wo ich mit anderen Jungs so lange im Paternoster auf und ab fuhr, bis man uns verjagt hat“.

Auch die Kunst spielte außerhalb des Elternhauses eine Rolle: Der einzige Lehrer, auf dessen Stunden er sich freute, war der Kunstlehrer, Herr Krauss. Der lud ihn eines Tages in seine Wohnung ein, zog eine Schachtel aus einem Versteck und zeigte ihm Reproduktionen sogenannter entarteter Kunst von Picasso, Matisse, Kandinsky und anderen. Carle fühlte sich geblendet von der fremdartigen Schönheit, und der Lehrer warnte: „Erzähl niemandem, was du heute gesehen hast, erinnere dich nur an die Freiheit ihres Ausdrucks und die Qualität ihrer Ausführung.“

Erfolge an der Kunstakademie in Stuttgart

Nach Kriegsende bewarb sich Eric Carle an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste am Weissenhof und wurde als einer von 50 unter 300 Bewerbern in der grafischen Abteilung auserwählt. Professor Schneidler sah seine Arbeiten und nahm ihn auf, obwohl er mit 15 drei Jahre jünger als üblich war, nicht einmal die Mittlere Reife, geschweige denn das Abitur und auch keine Lehre absolviert hatte. „An der Akademie habe ich endlich wieder geatmet“, sagt Carle rückblickend, „das Kreative, das in mir gestaut war, kam frei, und ich konnte endlich loslegen.“ Eric Carle geriet auf die richtige Bahn, arbeitete nach dem Studium als Grafiker und Plakatkünstler für das Amerika-Haus und für ein Modemagazin in Wiesbaden, bevor er 1952 zurück in die USA ging und eine Anstellung in der Werbeabteilung der „New York Times“ bekam. Seine endgültige Bestimmung fand Eric Carle dann in den 60er Jahren, als ihn der Pädagoge Bill Martin bat, ein Buch für Kinder zu illustrieren. „Brauner Bär, brauner Bär, siehst du wen?“ beflügelte die Fantasie des 38-Jährigen derart, dass er sich dem Kinderbuch verschrieb. Ein Jahr später erschien „1, 2, 3 ein Zug zum Zoo“ und wieder ein Jahr später „Die kleine Raupe Nimmersatt“. Sie wurde ein Welterfolg, und Eric Carle konnte noch viele weitere Bilderbücher für Kinder schreiben und gestalten – gespeist aus den Erfahrungen seiner Stuttgarter Jahre.

Eric Carles Werke weltweit

Eric Carle hat über 80 Bilderbücher geschrieben und illustriert, in deutscher Sprache sind 50 Titel lieferbar, allein die Raupe Nimmersatt gibt es in 28 unterschiedlichen Ausgaben. Von dieser wurden weltweit über 50 Millionen Exemplare in 62 Sprachen verkauft, mehr als 8 Millionen davon in Deutschland.

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