Neues Motto, neue Ziele: Alexander Gerst stellt in Köln das Logo seiner neuen Mission vor. Foto: dpa

Alexander Gerst präsentiert sein neues Missionslogo – und bleibt seiner Rolle treu: Er wirbt für den Mond, schwärmt von der Familie der Raumfahrer und klammert politische Differenzen aus.

Köln - Noch ist das Logo verdeckt von einem blauen Tuch, und die Europäische Raumfahrtagentur Esa versteht es gut, die Spannung der zahlreichen Pressevertreter bis ins Äußerste zu steigern, so dass man meinen könnte, unter dem Tuch warte ein Alien. Alexander Gerst steht daneben und wartet darauf, dass endlich alle Fotografen bereit sind für den großen Moment: die Enthüllung. „Handys runter“, schreit einer – und Gerst wartet geduldig.

Von den Aliens scheint er für seinen Geschmack genug gesprochen zu haben, diesmal verliert er kein Wort darüber, dass er es für sehr wahrscheinlich hält, dass irgendwo da draußen Leben ist. Nein, es geht ihm um die Menschen. „Am spannendsten finde ich die Experimente im Weltall, die etwas für das Leben auf der Erde bringen“, sagt er. Krebszellen, beispielsweise, die sich in der Schwerelosigkeit des Alls viel eher wie im menschlichen Körper verhalten als in einer zweidimensionalen Petrischale.

„Sind jetzt alle bereit“, fragt er grinsend und voller Verständnis für die Nöte der Fotografen. Schon jetzt, exakt elf Monate vor dem Start der Mission, bei der er auch als erster deutscher Kommandant auf der Raumstation arbeiten wird, wird er dafür gefeiert. Dann zieht er endlich das blaue Tuch weg, und man sieht – nichts, beinahe nichts. Der Bildschirm spiegelt, das Original ist zu klein, als dass es alle sehen können. Nur so viel ist auf den ersten Blick klar: Das Logo ist sehr schlicht. Eine Welle und eine Strichzeichnung, die aussieht, als würde ein Häftling die Tage bis zu seiner Entlassung zählen. Das soll die stilisierte ISS sein, erklärt schließlich Christian Pfestorf, Professor der Hochschule Darmstadt, der das Logo mit einer internationalen Studentengruppe entworfen hat. Dazu eine Welle, der Horizont und ein stilisiertes Gesicht.

Mars und Mond locken Gerst

„Horizons“, das Motto, das Gerst seiner Mission gegeben hat, schließe direkt an seine vorherige an, sagt er: „Immer wenn ich einen Horizont sehe, will ich wissen, was dahinter ist.“ Während es bei „Bluedot“ noch um den Blick von oben auf die Erde ging, will er nun weiter hinaus schauen: Er bezeichnet Mond und Mars als siebten und achten Kontinent der Erde – schließlich sei der Mond nicht viel weiter entfernt als die Antarktis vor 100 Jahren – wenn man nur die Reisezeit betrachtet. Höchste Zeit also, auch hinter diesen Horizont zu schauen, „das ist unsere Verantwortung gegenüber den nächsten Generationen, dass wir den Weltraum verstehen“. Wie nah der Mond ist! „Nur sieben Tagesreisen hin und zurück“, sagt er lockend. „Und alles, was wir über ihn wissen, wissen wir aus sechs kurzen Landungen von vor fast 50 Jahren, bei denen wir ein paar Steine eingesammelt haben.“

Gerst hat immer wieder erklärt, dass Mond und Mars ihn locken, bisher aber vor allem auf Nachfrage. Seine neue Vehemenz bei diesem Thema spiegelt wohl einerseits ein Kommunikationsziel der Esa wider, die in der Öffentlichkeit vorarbeiten muss, denn der Mond mag verhältnismäßig nah sein – eine Reise dorthin ist dennoch teuer. Und andererseits spiegelt der neue Fokus Gersts eigene Evolution vom Raumfahrtanfänger zum Kommandant wider: Alle Astronauten schwärmen bei ihrem ersten Flug vom Anblick der Erde, von ihrer Verletzlichkeit, von der hauchdünnen Atmosphäre, vom Eindruck einer winzigen Murmel in den Weiten des Alls.

Dieses Bild bemüht Gerst auch immer wieder, sobald das Gespräch auf die Umweltproblematik kommt. Auch als ein Journalist ihn nach der Pressekonferenz fragt, ob es ihn sehr trifft, dass es in Sachen Klimaschutz erneut keine Einigung gab: Gerst ignoriert den impliziten Wunsch nach einem politischen Kommentar und spricht wieder vom fragilen Eindruck der Erde, dem sich kein Astronaut entziehen könne.

Politische Aussagen gehören nicht zu seinen Aufgaben

Der künftige ISS-Kommandant hat die Begrenzungen seiner Rolle verinnerlicht – und die sieht keine politischen Statements vor. Auch nicht bei anderen Themen: Wie wird das sein, als Kommandant eine internationale Crew zu leiten, in der Amerikaner und Russen vertreten sind, die sich ja auf der Erde nicht immer gut verstehen? Gerst spricht von einer „Familie“, als die man da zusammen im All lebe, von gemeinsamen Mahlzeiten und einem ähnlichen Humor. Wie wird man überhaupt Kommandant der Raumstation? „Wird das verlost“, fragt ein Journalist – und Gerst antwortet brav: „Das ist Glück.“ Was natürlich nur ein sehr kleiner Ausschnitt der Wahrheit ist, aber vom politischen Geschachere um solche Posten spricht er nicht. „Fragen Sie dazu später Jan Wörner“, entflieht er einer weiteren Bitte nach einer Einschätzung und zeigt auf den Esa-Generalsekretär.

Viele Interviews später rinnen Gerst im Trainingszentrum der Esa die Schweißtropfen von der Stirn, während er die immer gleichen Antworten in verschiedene Mikrofone spricht. „Wie ist es im Weltall zu schlafen“, fragt einer – und diesmal scheint die Antwort von Herzen zu kommen: „Mir fehlt es manchmal, mich ins Bett fallen zu lassen.“ Die Schwerelosigkeit nimmt so manchen Genuss.

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