Wenn mal wieder körperlich gerauft wird, regt das meist vor allem die Eltern auf. Foto: imago images/Westend61

Kinder klären Konflikte oft körperlich, Erwachsene sehen lieber sprachliche Auseinandersetzungen. Greifen Eltern aber immer ein, kann das sogar schaden.

Auf einem Spielplatz. Zwei Kindergartenkinder spielen friedlich nebeneinander im Sandkasten. Plötzlich nimmt das Mädchen dem Jungen die Schaufel aus der Hand. Der zerrt an ihrem Ärmel, sie tritt zurück. „Aufhören!“, rufen die Eltern entsetzt. Und: „Redet doch miteinander und teilt die Spielsachen!“

 

In einer Grundschule. Die Schüler dürfen noch nicht ins Klassenzimmer. Ein Junge drängt trotzdem zur Tür, ein anderer hält ihn am Schulranzen fest – eine wilde Rangelei beginnt. Die Lehrerin trennt die beiden Streithähne und setzt sie im Klassenzimmer weit auseinander.

Kindern fehlt es oft noch an sprachlichen Kompetenzen

Beide Beispiele zeigen: „Erwachsene haben sehr klare Vorstellungen davon, welches Sozialverhalten sie sich von Kindern bei Konflikten wünschen“, sagt Birgit Ertl, die als Familien- und Kitacoach in Stuttgart tätig ist. Also ruhig und sachlich miteinander reden statt handgreiflich werden. Fragen statt einfach wegnehmen. Gemeinsame Lösungen finden, teilen, tauschen, Kompromisse suchen. „Erwachsene können idealerweise auf eine Vielzahl kreativer Problemlösungsstrategien zurückgreifen, die Kinder im Laufe ihrer Entwicklung erst schrittweise erlernen müssen“, sagt die Wiener Kinderpsychologin Simone Fröch, die auch online arbeitet.

Kindern dagegen fehlt es oft schlicht noch an den ausreichenden sprachlichen Kompetenzen. „Auch können sich jüngere Kinder noch nicht so gut in andere hineinversetzen und ihre Gefühle regulieren“, sagt Simone Fröch. Deshalb sei es für Kinder ganz normal, bei Konflikten auch ihren Körper einzusetzen. „Kleine Schubser und Rangeleien können die Kinder gut aushalten, ja, sie brauchen es sogar, ihre Kräfte zu spüren“, sagt Birgit Ertl.

Eine Herausforderung sei das meist vielmehr für die Erwachsenen, die ihrer Meinung nach oft zu schnell einschreiten würden, wenn Kinder untereinander handgreiflich werden. „Viele Eltern haben den Anspruch, dass sie ihre Kinder zu sozialen Wesen erziehen müssten. Aber Kinder sind von Geburt an sehr sozial“, sagt Birgit Ertl.

Auch Daniel Duddek, Gründer, Cheftrainer und Entwickler des Anti-Mobbing-Konzepts „Stark auch ohne Muckis“, beobachtet bei seiner Arbeit, dass Erzieher wie Eltern körperliche Auseinandersetzungen meist sehr schnell unterbinden würden – aus Angst, es könnte ein gewalttätiges Verhalten dahinter stecken. „Natürlich darf sich keiner verletzen, es darf nicht zu schmerzhaft werden und von den Kräfteverhältnissen her ungerecht zugehen“, sagt er.

„Mein Handy!“ – Anlässe für Streits gibt es genug. Foto: IMAGO/Westend61

Er sagt aber auch: „Wenn wir jede kleine Rangelei unterbinden, dann ist der Drang der Kinder, sich auch körperlich auszuprobieren nicht weg, sondern mündet in ganz andere Formen von Gewalt.“ Zudem würden Kinder in solchen Rangeleien lernen, auch mal eine Niederlage einzustecken, die Grenzen des anderen zu erkennen und sehen, was passiert, wenn diese auch mal überschritten würden. „Dann setzt bei den Kindern in aller Regel eine ganz natürliche Scham ein, was sozial auch ein sehr wichtiger Lernprozess ist“, so Duddek.

Gleichzeitig ist es Daniel Duddek aber auch ein großes Anliegen, Kinder dabei zu begleiten, ihre Streitereien auch mit Worten lösen zu lernen. „Denn natürlich sollte das irgendwann das Ziel sein“, so Duddek. Manche Kinder könnten das – je nach Temperament, sprachlichen Fähigkeiten und Vorleben durch die Eltern schon früher, andere halten länger an rein körperlichen Lösungen fest.

Kinder schauen sich das Verhalten der Eltern genau an

Und auch wenn die meisten Eltern nun wohl der Meinung sind, dass sie ihre eigenen Konflikte zu Hause nicht handgreiflich austragen, lohnt es sich Birgit Ertl zufolge, ein wenig genauer hinzuschauen. „Wie häufig nehmen wir Erwachsenen zum Beispiel kleinen Kindern etwas einfach weg, weil es kein Spielzeug für sie ist oder kaputt gehen könnte?“ Wenn die Kinder ihrerseits auch jemandem etwas aus der Hand reißen, würden sich die Eltern aber wünschen, dass sie fragen, ob sie es bitte haben könnten. „Und wenn Eltern zu Hause bei Streit viel schreien oder einer immer schnell nachgibt oder dem Konflikt ganz aus dem Weg geht, sind das eben auch Strategien, die sich die Kinder abschauen“, sagt Daniel Duddek.

Neben dem Vorleben ihres eigenen Streitverhaltens können Eltern aber noch mehr tun, um Kinder auf dem Weg zum verbalen Konfliktlösen zu begleiten. Mit am wichtigsten findet es Birgit Ertl, sich grundsätzlich erst einmal zurückzunehmen und den Kindern die Chance zu geben, eigene Lösungen zu finden. „Am Ende soll das Ziel ja sein, dass das Kind von sich aus teilt oder nicht sofort schlägt und ich da nicht jedes Mal einschreiten muss als Eltern“, so Ertl.

Eher etwas Abstand zu halten und die Kinder machen zu lassen, könne auch dazu führen, dass sich Streitereien gerade unter Geschwistern sogar entschärfen. „Wir wissen aus der Forschung, dass Geschwisterkinder umso heftiger streiten, je näher dran die Eltern dabei sind“, sagt Birgit Ertl.

Auch Daniel Duddek beobachtet, dass es oft die Erwachsenen sind, die einer Auseinandersetzung unter Kindern eine unnötige Schärfe verleihen. „Es lohnt sich immer, in den offenen Austausch zu gehen und die Kinder auch einfach mal zu fragen, ob sie das, was gerade passiert ist, schlimm fanden“, so Duddek. Häufig sei das nämlich gar nicht der Fall, sondern würde nur von den Eltern so empfunden – weil diese sich eben ein anderes Sozialverhalten wünschen.

Eltern rutschten oft in die Rolle des Richters

Kommen die Kinder allein mit dem Konflikt nicht weiter oder wird die Auseinandersetzung körperlich zu heftig, kommt Erwachsenen die Rolle der sogenannten Ko-Regulation zu. „Wir benennen die Gefühle, die gerade eine Rolle spielen und erkennen sie auch an“, sagt Daniel Duddek. Gleichzeitig werden aber auch klare Grenzen bei den Verhaltensweisen aufgezeigt – und gemeinsam überlegt, wie sich die Situation auch anders lösen lassen könnte. „Dazu kann man auch ruhig mal kleine Rollenspiele machen zu Hause, dann wird es für die Kinder anschaulicher“, rät er.

Birgit Ertl zufolge rutschen viele Eltern in Konflikt-Situationen unter Kindern in die Rolle eines Richters und urteilen, wer was falsch gemacht hat. „Sie sollten sich aber vielmehr als Mediatoren sehen, die das Ganze begleiten“, findet Ertl. Und wenn dann doch mal wieder die Fäuste fliegen, sich auch bewusst machen: Selbst Erwachsene regeln nicht alles mit Worten und kennen den Drang, sich körperlich messen zu wollen – sonst würde es ganz viele Sportarten gar nicht geben.