Rauchstopp, Depressionen und Co. Mit Hypnose zur Heilung

Von füss 

Trancezustände sind seit Jahrtausenden in allen Kulturen der Welt bekannt. Foto: picture alliance / PHOTOPQR/LA M
Trancezustände sind seit Jahrtausenden in allen Kulturen der Welt bekannt. Foto: picture alliance / PHOTOPQR/LA M

Im Internet kursieren viele Angebote zur Hypnose. Doch lässt sich dieser Trancezustand wirklich therapeutisch nutzen? Tatsächlich gibt es da einige positive Beispiele, bestätigen Experten.

Stuttgart - „Ihre Augenlider werden schwer. Ihr Atem wird ruhig. Ihre Beine, Ihre Arme werden schwer. Sie werden müde. Gaaaaanz müde.“ Ruckzuck klappen dem kräftigen Mittfünfziger die Augen zu, er sackt auf seinem Stuhl zusammen und reagiert auch nicht, als der Hypnotiseur mit ihm allerlei ulkige Verrenkungen anstellt, die die 200 Leute im Publikum höchst amüsant finden. Auf demütigende Art werden Menschen bei solchen Hypnoseshows vorgeführt, scheinbar willenlos sind sie bereit und in der Lage, absurdeste Tricks vorzuführen.

Solche Veranstaltungen sind der Grund, weshalb ein ernst zu nehmendes und hochwirksames therapeutisches Verfahren noch immer um seinen Ruf kämpfen muss. Doch langsam ändert sich dies. Dank der Arbeit vieler Ärzte, die gute Erfahrungen mitHypnose im klinischen Alltag gemacht haben, und der Veröffentlichung zahlreicher positiver Studienergebnisse wächst die Akzeptanz der Hypnotherapie stetig.

Zwischen Therapeut und Patient braucht es vor allem Sympathie und Vertrauen

Patienten, die zum ersten Mal kommen, sitzen häufig sehr angespannt vor Christian Lüdke. Was wird er gleich mit ihnen anstellen? „Da merkt man, wie sehr die Showhypnose das Bild von Hypnose geprägt hat“, sagt der Psychotherapeut von der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie. „Dann muss ich erst einmal aufklären und Vertrauen aufbauen.“ Das Gefühl einer inneren Sympathie zwischen Therapeut und Patient sei die wichtigste Voraussetzung. Und das Wissen, dass der Patient jederzeit die Kontrolle behält. „Sie sind mir nicht ausgeliefert“, versichert Lüdke.

Hypnose ist ein Zustand, in dem der Mensch seine Aufmerksamkeit stark auf das innere Erleben und Empfinden fokussiert, während der Körper äußerlich entspannt. Jeder hat das schon einmal erlebt, etwa beim kleinen Tagtraum im Büro, den Blick sinnierend aus dem Fenster, bis der Kollege einen aufschreckt.

Für Trancezustände braucht es keine Drogen

Trancezustände sind seit Jahrtausenden in allen Kulturen der Welt bekannt. Sie können ganz ohne Rauschmittel initiiert werden, mit mantraartig wiederholten Tönen, Gesängen, Tänzen und Berührungen. Dass dies weder Wachsein noch Schlaf darstellt, haben Untersuchungen gezeigt. Forscher fanden vor allem Veränderungen in zwei Bereichen, dem präfrontalen Kortex und dem anterioren cingulären Kortex. Letzterer spielt unter anderem eine Rolle bei autonomen Funktionen des Körpers wie Blutdruck oder Herzschlag.

Aber er ist auch an komplexeren Vorgängen wie der Entscheidungsfindung und der Impulskontrolle beteiligt. Und er steht im Zusammenhang mit Handlungsplanung, einer situativ angepassten Handlungssteuerung und emotionalen Prozessen. Experten vermuten daher, dass Informationen, die einen unter Hypnose erreichen, auf körperlicher und emotionaler Ebene anders verarbeitet werden als im normal wachen Zustand.

Hypnotisierte Patienten brauchen weniger Schmerzmittel

„Die Kunst der modernen Hypnosebesteht darin, die Trance therapeutisch lösungsorientiert zu nutzen“, sagt der Hypnotherapeut Michael Teut von der Berliner Charité-Hochschulambulanz für Naturheilkunde. Weltweit erhalten etwa Patienten vor Operationen eine Hypnotherapie, mit sehr guten Ergebnissen. Nicht nur für den Kranken, der dank der Hypnose weniger Angst hat, auch für die Kliniken zahlt es sich aus, wenn ihre Anästhesisten in der Hypnotherapie geschult sind. Offenbar brauchen hypnotisierte Patienten weniger Beruhigungsmittel – ein wirtschaftlicher Faktor. „In einer Studie mit an Brustkrebs erkrankten Frauen konnte gezeigt werden, dass der Heilungsverlauf deutlich unterstützt wird, wenn diese Frauen regelmäßig eine ihnen beigebrachte Selbsthypnose angewandt haben“, so Teut.

Patienten sollen sich nicht selbst therapieren

Chronische Schmerzen lindern, eine Chemotherapie erträglicher machen, Ängste reduzieren, traumatische Erlebnisse besser verarbeiten, Depressionen weniger dunkel erleben, von der Zigarette loskommen, Schlafstörungen beseitigen – die Einsatzgebiete der Hypnose sind vielfältig und gehen weit über das klassische psychotherapeutische Spektrum hinaus. Wer bei Youtube „Hypnotherapie“ eingibt, findet Hypnoseanleitungen für viele Lebenslage. Experten wie Christian Lüdke und Michael Teut warnen aber davor, sich selbst zu therapieren. Sicher, nichts spricht gegen eine entspannende Hypnotherapie an stressigen Tagen. Doch das, was die meisten Leute zu solchen Videos treibt, ist weitaus schwerwiegender: Angststörungen, Depressionen oder psychische Krisen. All das können nur Fachleute behandeln. „Zu einer guten Hypnose gehört immer auch die sogenannte hypnotische Kommunikation“, sagt Michael Teut, „die bekommt man nicht im Internet.“ Hinzu kommt: Bei Menschen mit ernsthaften psychiatrischen Störungen wie einer akuten Psychose kann eine Hypotherapie Schaden anrichten, sie verursacht bei Betroffenen ein wahnhaftes Erleben.

Nicht bei jedem gelingt die Hypnose

Hypnose funktioniert bei sehr vielen, aber nicht allen Menschen. Während gut ein Fünftel der Menschen besonders suggestibel und besonders schnell im hypnotischen Zustand sind, schätzt Michael Teut, dass die Hypnotherapie bei einem weiteren Fünftel nicht gelingt. Das liegt oft daran, dass die beiden wichtigsten Voraussetzungen nicht erfüllt sind: Derjenige, der hypnotisiert werden soll, muss in der Lage sein, sich zu konzentrieren, und er muss ein gutes Vorstellungsvermögen haben. Allerdings gibt es Ausnahmen. Demente Menschen beispielsweise können den Anweisungen des Hypnotherapeuten oft nicht mehr folgen. „Hier gelingt es allerdings oft, die Menschen in einer nicht sprachlichen Form, zum Beispiel mit Berührungen und Tönen, in eine Beruhigungstrance zu bringen“, berichtet Teut.

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