Auch Marlene Dietrich wusste – Die Femme fatale ist nur echt mit lasziv gerauchter Zigarette. Foto: imago/Cinema Publishers Collection/HA

Die Vernunft sagt, dass es keinen vernünftigen Grund zu rauchen gibt. Geraucht wird trotzdem. Über die Lust am Widersprüchlichen – und wenn zwischen Genuss, Laster und Romantik ein Aschenbecher steht.

Stuttgart - Es ergibt schon Sinn, dass Rauchen bei den Neujahrsvorsätzen immer auf dem Prüfstand steht: Rauchen ist teuer, es stinkt, ist wahnsinnig ungesund und gilt weitläufig als lästiges Laster. Während das gelegentliche Glas Rotwein ab und an noch zur Wellness verklärt wird, gibt’s keine Fürsprecher, die der Zigarette einen Mehrwert für die Gesundheit bestätigen würden. Geraucht wird trotzdem.

 

Zarte Schätzungen gehen derzeit in Deutschland von rund 31 Prozent Rauchern unter den Menschen ab 14 Jahren aus. Seit Beginn der Coronapandemie sind die Zahlen erstmals wieder leicht gestiegen. Die Studien der „Deutschen Befragung zum Rauchverhalten“ (DEBRA) deuten darauf hin, dass es sich dabei auch um rückfällige Nichtraucher im Coronastress handeln könnte. Und das bei einer Pandemie, die die Atemwege angreift.

Zur Romantik verklärte Unvernunft

Rauchen wurde in den vergangenen Jahrzehnten stetig aus dem gesellschaftlichen Leben getilgt. Völlig zu Recht. Das wissen auch Raucher. Die Vernunft sagt, dass es keinen vernünftigen Grund zu rauchen gibt. Man weiß aber auch, dass zu viel der Vernunft auch ein bisschen langweilig ist. Und wo Lust, Laster und Raucher sind, ist nicht nur Rauch, sondern auch jede Menge zur Romantik verklärte Unvernunft.

Überhaupt: Was ist denn Vernunft? Man denke nur an damals, als noch im Flugzeug in den hinteren vier Sitzreihen geraucht wurde. Als würde der Rauch an der magischen Grenze zu den Nichtraucher-Sitzen wieder kehrtmachen.

Man weiß, dass es nicht gut ist

„Ich habe geraucht, weil ich glücklich war, und ich habe geraucht, weil ich niedergeschlagen war. Aus Einsamkeit habe ich geraucht und aus Freundschaft, aus Angst und aus Übermut“, schreibt der Schriftsteller Gregor Hens 2011 in seinem Essay „Nikotin“.

Als neuer Nichtraucher fügte Hens hinzu, sein früheres Leben sei so verqualmt gewesen, er müsse sehr nah herangehen, um es überhaupt betrachten zu können. Er beschreibt das Rauchen als die Geschichte des kunstvollen Abers, des Widerspruchs und der Widersprüchlichkeit. Man weiß ja, dass es nicht gut ist.

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Eine Zigarettenlänge durchatmen

Doch die Raucherei ist eben auch Genuss und die Gelegenheit, Zeit von der Uhr zu nehmen, eine Zigarettenlänge lang stehen zu bleiben, während sich der Rest der Welt einfach weiterdreht – sich die Zeit zu nehmen, die man ohne Zigarette nicht gehabt hätte.

Und das Rauchereck ist der Ort, an dem man Menschen kennenlernt, die man sonst nie getroffen hätte. Raucher wissen: Es gibt keinen Anlass, zu dem eine Zigarette nicht passen würde. Also, irgendwie.

Die Nähe zum Großen

Wo der Rauch zum Lebensgefühl romantisiert wird, ist auch die Nähe zum Großen greifbar: Kunst, Kultur, Boheme. Während sich der Dichter Max Jacob im Paris des frühen 20. Jahrhunderts die Hacken wund lief, um seinen Freund Pablo Picasso bei Galeristen zu bewerben, malte der wie ein Besessener und hüllte die gemeinsame Bleibe in einen blickdichten Schleier aus Rauch. Max Frisch, Günter Grass – wie viele Zigaretten oder Pfeifenladungen sie wohl pro publizierter Seite benötigten?

Für den Schauspieler Humphrey Bogart wurde in den USA eigens die Redewendung „to bogart“ erfunden: Es bedeutet, eine Zigarette lediglich in der Hand zu halten und nicht an ihr zu ziehen. Privat hat Bogart oft gezogen. Er starb an Kehlkopfkrebs.

Rauch über dem alten Hollywood

Im alten Hollywood war klar: Verwegene Kerle tragen Kippe und verwegene Frauen sowieso. Die Femme fatale beispielsweise – echt und überzeugend wirkte sie erst mit Zigarette. Marlene Dietrich ging in dieser Rolle gleich mehrfach auf: 1950 wurde sie in den USA zum Reklamegesicht für Zigaretten der Marke Lucky Strike.

Jahrelang hielt sich auch der Ulk, Altkanzler Helmut Schmidt führe immer einen Juso mit sich, der ihm den Aschenbecher halten müsse. Schmidt rauchte seine Reyno-Zigaretten bis ins hohe Alter. Welch schöne Mystik.

Und da sind Musiker wie der Rolling Stone Keith Richards oder Slash von Guns N’ Roses, Gesamtkunstwerke aus brennender Kippe und Gitarre. Filme wie „Blue in the Face“ und „Smoke“ von Wayne Wang und Paul Auster oder „Coffee & Cigarettes“ von Jim Jarmusch retteten diese Romantik gerade noch so ins neue Jahrtausend.

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Die neuen Helden rauchen nicht

Jugendlichen scheint das egal zu sein. Umfragen von DEBRA bestätigen den Trend unter 12- bis 17-Jährigen, sich das Laster gar nicht erst anzueignen. Vielleicht auch weil die großen Ikonen des Tabakgenusses die Helden von gestern sind. Heute raucht man nicht mehr. Es gilt nicht als verwegen, eher als uncool. Adieu Mystik.

Längst verschwunden auch die Mystik der Entdecker. 1492 bekamen die Europäer Wind vom Rauch. Christoph Kolumbus und sein Gefolge brachten den Tabak nach Europa. In Süd- und Nordamerika wurde der Tabak damals geschnupft, gekaut, verkocht, Tabakblätter wurden gerollt oder in Pfeifen geraucht.

Heidnisch, mystisch, rituell

Dieser frühe überlieferte Gebrauch von Tabak war rituell, feierlich und auch ein bisschen mystisch – sogar medizinisch, was heute allerdings eher der Wirkung des Nervengiftes Nikotin zugeschrieben wird, das unter anderem dazu führt, dass der Körper Adrenalin ausschüttet.

Nach dem Kulturexport des Tabaks ging das Rituelle schnell verschütt. Man rauchte eben – oder nicht. Als heidnischer Brauch galt die Raucherei dennoch. Ein bisschen verwegen.

Ein Kulturgut im Aschenbecher

Etwas kulturpessimistisch lässt sich festhalten, das Problem beim Rauchen könnte nicht etwa der Tabak, sondern der verlernte rituelle Umgang damit sein. Die hastige Zigarette unterwegs, schnell noch viermal ziehen, weil der Bus gleich kommt, bei minus vier Grad auf dem Balkon bibbern – das sind sie: die wirklich dummen Zigaretten. Die „guten“ Zigaretten werden mit Genuss, Romantik und Feuer geraucht.

„Rauchen ist ein Kulturgut“, sagt der Besitzer des Kiosks an der Ecke. Dann lacht er. Weil er auch weiß, dass niemand zur Oper oder zum Fußball geht, nur weil’s ein Kulturgut ist.