Ein Kiosk in der Hoppenlaustraße wirbt für Schweizer Zigarren der Marke Burger. Allerdings wird der Verkauf von Tabakwaren seit 1942 streng reguliert. Foto: Stadtarchiv

Seit Januar 1942 kann man Zigaretten und Tabak nicht mehr einfach so im Laden kaufen. Rauchwaren gibt es nur gegen Bezugsschein – oder wenn man ausgebombt wird.

Stuttgart - 1942 erleichtern Zigaretten den Soldaten an der Front und den Frauen in den Rüstungsbetrieben ihr hartes Leben scheinbar. Längst haben sie die bis dato in Deutschland beliebtere Zigarre verdrängt, Pfeife rauchen nur noch wenige Menschen. Doch sie alle haben ein Problem: Im Stuttgart des Jahres 1942 kann nicht mehr einfach so Rauchwaren kaufen.

 

„Die Tabakkarte kommt“, titelt das „Neue Tagblatt“ im Januar 1942. Der Bezugsschein ist nicht nur ein tiefer Eingriff in das Genuss- und Suchtbedürfnis der vielen Raucher, sondern auch Ausdruck massiver Lieferschwierigkeiten – und vermutlich jener Funken, der bis Kriegsende und darüber hinaus den Schwarzmarkt befeuert, mit Zigaretten als inoffizieller Leitwährung.

Bereits Ende 1941 wird in Stuttgart wie in anderen Teilen Deutschlands eine „Raucherkarte“ eingeführt. Zum Jahresbeginn 1942 folgt im ganzen Reich die Tabakkarte. Kunden bekommen im Geschäft nur so viele Zigaretten, Zigarren und Tabak, wie auf der Karte steht – sofern überhaupt etwas vorrätig ist.

Mehr Nachfrage, aber es fehlt an Tabak

Das ist beileibe nicht immer der Fall. Schon vor der Regulierung per Bezugsschein ist Rauchen wegen einer Sondersteuer bereits deutlich teurer als vor dem Krieg. Dennoch steigen Verbrauch und Produktion. Allerdings fehlt es bald an Tabak und Arbeitskräften. Etliche Zigarettenfabriken werden kriegsbedingt stillgelegt, dazu beansprucht die Wehrmacht einen immer größeren Anteil der Produktion. Vor den Läden bilden sich lange Schlangen, es wird gehamstert. Als alle Appelle nichts mehr helfen, greift das Wirtschaftsministerium zum aus seiner Sicht letzten Mittel: Es reguliert den Absatz mittels Karten, so wie es damals schon für Lebensmittel, Klamotten und andere Güter Usus ist.

1942 kriegen Männer über 18 und Frauen zwischen 25 und 55 Jahren auf Antrag regelmäßig eine Tabakkarte ausgehändigt. Die Idee, nur beim Händler bekannten Stammkunden eine Karte auszuhändigen, verwirft die Regierung. Stattdessen erhalten auch Nichtraucher einen Anspruch auf die tägliche Ration Tabak. Das befeuert schon lange vor Kriegsende den Schwarzmarkt. Die Karte wird „rasch zu einem begehrten Geschenk- und Tauschgegenstand“, schreibt der Schweizer Historiker Christoph Maria Merki in einem 1998 in den „Vierteljahresheften für Zeitgeschichte“ erschienen Beitrag.

Einstiegsdroge für den Schwarzhandel

1942 können sich die Menschen für ihr Geld immer weniger kaufen, weil die Wirtschaft voll auf Kriegsproduktion umgestellt ist. Anstelle der Reichsmark tritt in Deutschland, wo die Hyperinflation der 1920er in den Köpfen noch sehr präsent ist, zunehmend die Zigarette als Währung. So werden Nichtraucher „geradezu gezwungen, die für sie wertlosen Karten einzutauschen, sei es gegen Geld, sei es gegen andere Lebensmittelkarten oder sei es, indem sie die Tabakwaren bezogen und diese dann gegen andere Konsumgüter veräußerten“, so Christoph Maria Merki: „Dadurch gewann das Karussell des Tauschhandels zusätzlichen und vielleicht entscheidenden Schwung.“

Der Beitrag des Schweizer Historikers ist mit „Die nationalsozialistische Tabakpolitik“ überschrieben. Seit 1933 verhängen die Machthaber, angetrieben nicht zuletzt vom Nichtraucher Adolf Hitler, weitreichende Werbeverbote und brandmarken Tabakkonsum als ungesund. Das Regime spricht von „Genussgiften“ und erinnert an die „Gesundheitspflicht“ der Volksgenossen. Im Krieg lässt sich das angesichts Millionen Gefallener und durch Luftangriff obdachlos gewordener Familien nicht durchhalten, zumal andere Genussmittel wie Schokolade und Kaffee quasi nicht mehr verfügbar sind. Nach 1945 sind viel mehr Menschen als davor nikotinsüchtig, auch das eine Folge dieser traumatischen und entbehrungsreichen Zeit.

Jedenfalls bleibt kaum eine Tabakkarte ungenutzt. Der „NS-Kurier“ berichtet im Juni 1942 von weiterhin „langen Schlangen vor den Zigarrenläden“ – und von Klagen, dass man sich alle zwei bis drei Tage für eine Handvoll Zigaretten anstellen soll. Dass etliche Läden separate Frauen- und Männertage einführen, hilft kaum weiter.

48 Zigaretten im Monat

Wie viel man für seine Tabakkarte bekommt, ist jeweils der Zeitung zu entnehmen. Anfangs erhält jeder Mann 48 Zigaretten, drei Zigarren und 19 Gramm Rauchtabak im Monat. Frauen bekommen nur die Hälfte, nicht zuletzt mit dem Argument, dass Nikotin der Fruchtbarkeit schade. Im Frühjahr 1945 stehen einem Mann noch zwei Zigaretten pro Tag zu. Sonderkontingente gibt es nach Bombenangriffen. Im Sommer 1944 sollen den Stuttgartern zwei, drei tägliche Extrazigaretten helfen, den Verlust von Angehörigen oder des Hausstands zu verkraften.

Mit dem Verlust der besetzten Gebiete in Jugoslawien wird Tabak immer öfter knapp, die Anbauflächen in Deutschland machen das nicht wett. In den Stuttgarter Zeitungen ist von holländischen „Ersatzzigarren“ zu lesen, 1944 wird eine Einheitszigarette „unter voller Ausnutzung der in- und ausländischen Tabake“ eingeführt – das klingt nicht gerade nach höchster Qualität. Seit 1944 müssen zudem leere Zigarettenschachteln wieder abgegeben werden. Auch sie sind bereits standardisiert, zudem ein Großteil der bis dato knapp 500 Zigarettenmarken vom Markt genommen. 1942 verändert sich in Stuttgart vieles und das Rauchen ganz besonders.

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