Szene aus John Neumeiers Ballett „Othello“ bei der Stuttgarter Premiere 2008 mit den Solisten Katja Wünsche und Jason Reilly Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Bedient John Neumeiers Ballett „Othello“ rassistische Stereotypen? Darüber gehen in Kopenhagen und Stuttgart die Meinungen auseinander.

Die Diskussion um kulturelle Aneignung schlägt weiter Wellen, nun steht John Neumeiers Ballett „Othello“ im Fokus. Bedient es rassistische Stereotypen? Das Königliche Ballett in Kopenhagen hat das Stück abgesetzt – und nicht nur das.

 

In der Auseinandersetzung mit dem Choreografen über sein Konzept hat sich die Situation so zugespitzt, dass der dänische Ballettdirektor Nikolaj Hübbe die Beziehung seiner Kompanie zu Neumeier vorerst auf Eis gelegt und auch die Teilnahme an der Feier zu dessen 50-Jahr-Jubiläum beim Hamburger Ballett abgesagt hat. Ursprünglich war geplant, dass die Dänen mit zwei „Othello“-Vorstellungen im Juni zu Gast sein sollten.

Stuttgart ist einzige Gastkompanie bei Neumeiers Jubiläumsfest

Das vierwöchige Fest war als Abschluss von Neumeiers Jubiläumssaison gedacht; drei befreundete Kompanien waren ursprünglich geladen. Angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine hat der Hamburger Ballettchef bereits im September das Bolschoi-Ballett aus Moskau, das sein Stück „Anna Karenina“ tanzen sollte, ausgeladen; die Absage aus Dänemark trifft ihn nicht nur vor diesem Hintergrund hart. „Leider scheint meine lange, harmonische, fruchtbare und freundschaftliche Beziehung zum Ballett, die 60 Jahre zurückreicht, für den Moment beendet zu sein“, schreibt Neumeier in einer Stellungnahme zu seiner Arbeit mit der Kopenhagener Kompanie.

Das Stuttgarter Ballett, wo Neumeiers Karriere als Tänzer und Choreograf begann, ist Stand heute also die einzige Gastkompanie bei seiner Jubiläumsfeier; am 4. und 5. Juli bringt sie die in Stuttgart entstandene „Kameliendame“ nach Hamburg. Neumeiers „Othello“ hat das Stuttgarter Ballett seit 2008 im Repertoire. Der Solist Jason Reilly, der seine Herkunft selbst als „mixed race“ beschreibt und für den mit der Interpretation der Hauptrolle des schwarzen Feldherren ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung ging, kann die Kritik seiner Kopenhagener Kollegen nicht teilen. „Ich kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen“, sagt er, „John Neumeier ist bestimmt kein Rassist.“

Unbehagen mit einem bemalten Krieger

Entzündet hat sich der Vorwurf in Kopenhagen an der Figur des „Wilden Kriegers“, für den Neumeier in den 1980er Jahren afrikanische Jagdtänze recherchiert hatte, und an seiner dunklen Bemalung. Tänzer in Kopenhagen hatten bereits bei Proben für die neue Saison ihr Unbehagen damit geäußert; Neumeiers Vorschlag, die Bemalung durch Tattoos zu ersetzen, kam nicht an; in der Folge wurde „Othello“ auf dem Spielplan durch Neumeiers „Sommernachtstraum“ ersetzt. Am Premierentag kam es bei einer Aussprache zwischen Neumeier und den Tänzern zu einer Situation, die den Bruch nach sich zog – obwohl, so der Choreograf, die anschließende Probe harmonisch verlaufen sei.

Ausführlich wie nun in Kopenhagen hatte Neumeier auch in den Proben mit Jason Reilly seine Absicht begründet. Vivien Arnold, Pressesprecherin und Dramaturgin des Stuttgarter Balletts, erklärt die Funktion des Kriegers im Stück als eine Spiegelfigur Othellos, mit der John Neumeier eben das aufzeigen wolle, was Desdemona und die weiße Gesellschaft in dem schwarzen Feldherren sehe. „Das ist ein antirassistisches Ballett“, sagt Vivien Arnold und betont die Tragik der „Othello“-Debatte.

Tamas Detrich lobt die Vielschichtigkeit von „Othello“

Auch der Stuttgarter Intendant Tamas Detrich bedauert die Entwicklung. „Wie Shakespeares Vorlage ist Neumeiers ,Othello‘ ein zeitloses Stück“, sagt Detrich auf Anfrage unserer Zeitung. Und weiter: „Es ist ein ausgesprochen anti-rassistisches Stück und in seiner Vielschichtigkeit genial. Zu eben dieser Vielschichtigkeit gehört auch die Rolle des Wilden Kriegers. Ich kann natürlich verstehen, dass Nikolaj Hübbe einfühlsam auf die Wünsche und Bedürfnisse seiner Tänzerinnen und Tänzer eingehen wollte. Aber es ist bedauerlich, wenn aus diesem Grund eine jahrzehntelange, erfolgreiche künstlerische Beziehung zerstört wird.“

Respekt für eine neue Tänzergeneration

In einer Dokumentation des dänischen Fernsehens unterstrich auch Ballettchef Nikolaj Hübbe, dass er Neumeiers „Othello“ nicht für rassistisch halte. „Aber ich kann gut verstehen, dass diese Generation der Tänzerinnen und Tänzer das findet.“ Das müsse er respektieren. „Mir gefällt es nicht, junge Tänzer auf die Bühne zu schicken, die sich in einer Rolle unwohl fühlen.“

In Stuttgart muss sich mit dieser Situation so schnell kein Tänzer auseinandersetzen. Die Wiederaufnahme von „Othello“, so Vivien Arnold, sei für die nächsten Jahre nicht geplant.