Die rasterartige Ausstellungsarchitektur reflektiert das Rasterdenken, das den Rassetheorien zugrunde liegt. Foto: David Brandt

Vermessen, versklaven, vernichten: Das Hygienemuseum Dresden untersucht den Begriff „Rasse“ als ein Konstrukt von Kolonialismus und Faschismus, das bis heute nachwirkt.

Dresden - In der Schule galt das 18. Jahrhundert als Zeitalter der Vernunft. In vielerlei Hinsicht hat aber keine Epoche unter dem Deckmantel rationaler Wissenschaft so viel Unsinn produziert wie die Aufklärung. Zum Beispiel, dass es am Südpol schön warm sein soll oder dass vom Onanieren das Rückenmark weich wird. Der einflussreichste Nonsense jedoch, den sich einige Zeitgenossen von Kant und Voltaire ausdachten, bestand in der Unterteilung der Menschheit in „Rassen“. Ein Wort, das ursprünglich aus der Pferdezucht kommt, bildete plötzlich eine Kategorie, die über Leben und Freiheit ganzer Gesellschaften entscheiden sollte.

Ursprung und Konsequenzen dieser Begriffsverschiebung sind Thema einer engagierten Schau im Deutschen Hygiene­museum Dresden. Der Leitgedanke, den die Sachsen mit rund vierhundert Exponaten entwickeln, lautet: Rassismus konnte nur entstehen, weil jemand „die Rassen“ erfand – Ärzte und Anthropologen wie Franz Josef Gall, Johann Friedrich Blumenbach oder der auch als Maler tätige Carl Gustav Carus. Sie alle haben Hände, Füße und immer wieder Schädel vermessen, um Menschengruppen nach körperlichen Merkmalen zu sortieren. Europäer, Afrikaner, Asiaten.

Im ersten und umfangreichsten Raum der Schau ist alles versammelt, die Werkzeuge wie die Demonstrationsobjekte dieser rassenkundlichen Pseudowissenschaft. Zirkel und Schieblehren, Abgüsse von Köpfen und Gliedmaßen, Schaubilder und Bestimmungshilfen wie Felix von Luschans Skala menschlicher Hauttöne. Eine Farbtafel mit 36 Feldern von elfenbeinweiß bis dunkelbraun, die aus dem Schminkköfferchen einer Maskenbildnerin stammen könnte.

Man brauchte eine Rechtfertigungsideologie für die Sklaverei

Nicht ohne Grund präsentieren die Dresdner Kuratoren all das in einer rasterartigen Regalarchitektur mit kubischen Einzelelementen. Rasterdenken lag schließlich auch den Rassentheorien zugrunde. Die Bewohner der unterschiedlichen Kontinente sollten in ein ähnliches Ordnungsgefüge gebracht werden, wie es der schwedische Naturkundler Carl von Linné für Blumen und Schmetterlinge erstellt hatte. Doch eine harmlose Orchideenwissenschaft war die Rassenlehre keineswegs. Aus rein äußerlichen Merkmalen zog sie Rückschlüsse auf Intelligenz, Charakter und Moral und begründete damit eine ethnische Hierarchie, in der weiße Europäer ganz oben standen.

Dass diese inhumanen Vorstellungen mit der Begründung des bürgerlichen ­Humanismus zusammenfallen, klingt ­widersprüchlich, folgt aber einer historischen Logik. Nachdem die Amerikanische und die Französische Revolution die Gleichheit ­aller Menschen betont hatten, brauchte man eine Rechtfertigungsideologie, um die daraus resultierenden Rechte einem Teil der Welt­bevölkerung vorzuenthalten. Schließlich wollte man ruhigen Gewissens weiterhin Sklaverei sowie koloniale Ausbeutung zu betreiben. Zumeist lief dies ideologisch darauf hinaus, die Unzivilisiertheit dunkelhäutiger Menschen zu postulieren. Ein Gemälde von 1797 zeigt den ersten schwarzen Abgeordneten der französischen Nationalversammlung, einen ehemaligen Sklaven, in vornehmer Pariser Kleidung, doch seine Hand zeigt auf das Geschlecht. Ein heimlicher Hinweis des Malers auf die vermeintlich animalisch-triebhafte Natur des Porträtierten. Längst sind solche Denkmuster wissenschaftlich als reinrassiger Humbug entlarvt, dennoch haben sie sich tief ins kulturelle Unterbewusstsein gegraben. Bei der Diskussion um die Kölner Silvesternacht etwa kroch er wieder hervor, der Mythos vom sexuell unersättlichen Afrikaner.

Kritik in eigener Sache

Mit ihrem Rassismusprojekt betreiben die Dresdner nicht zuletzt Institutionenkritik in eigener Sache. Denn das 1912 gegründete Hygienemuseum wurde nach 1933 zur zentralen Vermittlungsinstanz für die biopolitischen Pläne des NS-Regimes. Während der Kolonialismus der vorhergehenden Jahrhunderte zunächst noch unter dem ethischen Vorwand einer „Zivilisierungsmission“ angetreten war, propagierte Hitler etwas anderes: die Vernichtung fremder „Rassen“, um das eigene „Volk“ im darwinistischen Überlebenskampf an die Spitze zu stellen. Sprachlos steht man heute vor Unterrichtsmaterialien zur „Rassenhygiene“ oder den Tafeln der antisemitischen Wanderausstellung „Blut und Rasse“, die einst in dem Haus am Lingnerplatz konzipiert wurden – als didaktische Beihilfe zum Massenmord.

Deckhengste im Dienste des Führers

Die Herkunft des Rassebegriffs aus der Nutztierwirtschaft erreichte in der staatlich organisierten Menschenzucht der Nazis ihren grotesken Höhepunkt. Himmler ermunterte SS-Männer zu Affären außerhalb der bürgerlichen Ehe. Als Deckheng­ste im Dienste des Führers sollten sie alles, was die arischen Hoden an Genmaterial hergaben, an die blonde deutsche Frau bringen. In die kultur- und medizinhistorische Rückschau arbeiten die Dresdner auch Ton- und Filmbeiträge über zeitgenössische Alltagsdiskriminierung ein. Dokumentationen wie die der afrodeutschen Regisseurin Mo Asumang, die sich unter Neonazis wagte, machen gewiss betroffen. Welche wirtschaftlichen und politischen Strukturen aber den Rassismus des Jahres 2018 tragen, ist in der Geburtsstadt der rechtspopulistischen Pegida-Bewegung nicht zu erfahren. Viele Vorurteile gegenüber dem Anderen, Fremden mögen in Kontinuität zu den Jahrhunderten davor stehen, die sozioökonomische Gemengelage scheint sich mittlerweile aber doch entscheidend gewandelt zu haben.

Das Hygienemuseum gibt klare Antworten, woher die provokante Vorliebe einiger AfD-Vertreter für Ausdrücke wie „völkisch“ oder „Umvolkung“ stammt. Warum aber auch ein Linkspolitiker wieOskar Lafontaine (noch vor Gründung der Gauland-Truppe) den kontaminierten Begriff „Fremdarbeiter“ in den Mund nahm, wagt in Dresden niemand zu erklären.

Einige künstlerische Arbeiten lockern die geballte Informationsflut des Parcours auf, finden jedoch nur oberflächlichen Anschluss an die thematische Hauptlinie. Yinka Shonibare Nbes Duellantenpaar etwa, das viktorianisch geschnittene Herren­röcke mit afrikanischen Textilien trägt, steht als großer bunter Fremdkörper im Raum. Und so gelingt dem Hygiene­museum zwar die Pflicht der historischen Analyse, an der Kür des Gegenwartstransfers aber scheitert diese gleichwohl lohnenswerte Ausstellung.

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