Ausgerechnet bei der Feier eines türkischen Fußballclubs rufen junge Männer „Ausländer raus“. Aber was soll das? Der Präsident des Stuttgarter Fanclubs spricht über die kursierenden Videoaufnahmen.
Die Freude unter den Fans der Fußballmannschaft Galatasaray Istanbul war groß, als der Club am Sonntagabend als türkischer Fußballmeister feststand. Auch Fans aus Stuttgart und Umgebung hatten das Spiel mit Spannung verfolgt, anschließend ging es mit Fahnen zum Feiern auf den Schlossplatz. „Immer mehr Menschen kamen dazu“, erzählt Ayhan Yildiz, Präsident des Stuttgarter Fanclubs von Galatasaray Istanbul. Nicht nur die Mitglieder aus seinem Verein seien dabei gewesen, auch hunderte Fans aus der ganzen Region seien gekommen. Wegen Pyrotechnik kam es laut Polizeiangaben zu mehreren Festnahmen, aber vor allem ein Video vom Schlossplatz sorgt im Nachhinein für Aufsehen. Einige Menschen sind darin zu sehen und zu hören, wie sie „Ausländer raus“ skandieren.
Seit Tagen sorgen ähnliche Videos aus ganz Deutschland für Aufsehen. „Diese Videos aus Sylt sind beängstigend und auch diese ganzen rassistischen Plakate der AfD machen mir Sorgen“, sagt Yildiz über seinen Eindruck der letzten Tage – auch mit Hinblick auf die Kommunal- und Europawahl. Der 55-Jährige ist in Stuttgart nicht nur als Präsident des türkischen Fanclubs bekannt, sondern auch als Gastronom. Er betreibt unter anderem den Club Rumors in der Hauptstätter Straße und eine Shisha-Bar.
„Diese Worte dürfen bei uns so nicht gesagt werden“, sagt er über seinen Verein. Er verurteilt die rassistischen Rufe. „Da wird etwas benutzt, um Stimmung zu machen“, meint er. Yildiz hat selbst mitbekommen, wie auf dem Schlossplatz mehrere Menschen anfingen, die rassistischen Parolen zu skandieren. „Die normalen Fangesänge haben kurz aufgehört, dann haben einige plötzlich angefangen, das zu rufen“, erzählt er. Kurze Zeit später schon hätten die Fußballgesänge zur Feier von Galatasaray diese wieder übertönt. „Ich bin hingegangen und hab gesagt, das macht ihr nicht noch einmal“, erzählt der 55-Jährige.
Nach dem Bekanntwerden der Videos fragen sich viele in Stuttgart vor allem, warum solche rassistischen Rufe nun offenbar auch in einer mutmaßlich migrantisch geprägten Community gerufen wurden. Handelt es sich dabei um Ironie oder schlicht Rassismus? Darauf hat auch Yildiz keine klare Antwort. Er selbst kenne die jungen Männer, die in dem Video besonders auffallen, nicht. „Die jungen Menschen wollten damit vielleicht zeigen, wie lächerlich diese Videos aus Sylt sind“, sagt er.
Fanclub-Chef: Rassisten missbrauchen solche Events für ihre Zwecke
Anderseits müsse man auch befürchten, dass solche Events von Rassisten genutzt würden, um Stimmung zu machen. „Alles wird missbraucht, dieses Gefühl habe ich“, so Yildiz. Nun habe selbst die AfD bei ihm nach der Veröffentlichung des Videos angerufen und mit ihm sprechen wollen. Doch der Partei habe er eine klare Absage erteilt. „Ich bin bei der CDU“, sagt der Gastronom.
Der Landesverband der kommunalen Migrantenvertretungen, der sich in Baden-Württemberg für Aufklärung und gegen Ultranationalismus und Rassismus einsetzt, betont auf seiner Seite, dass es auch innerhalb von migrantischen Communities extreme Ideologien gebe. Als besonders mitgliederstark gelten etwa die Grauen Wölfe.
Wer die Parolen gegrölt hat, bleibt nach wie vor unklar
Gegenüber unserer Zeitung äußert sich auch eine junge Stuttgarterin, die eigenen Angaben zufolge am Sonntag ebenfalls bei der Feier anwesend war. Die 24 Jahre alte Sirin erzählt, dass den Ausschlag aus ihrer Perspektive junge Männer gaben, die nicht zu den Galatasaray-Fans gehört hätten. Sie hätten sich vor Ort in die feiernde Menge begeben und beispielsweise Frauen gegenüber anzügliche Kommentare abgegeben. „Nach meinem Eindruck wurde dann eher im Spaß ‚Ausländer raus‘ gerufen“, sagt sie. Sirin hat den Eindruck, all das sei nur „mit Bezug auf das Video aus Sylt“ passiert. Verharmlosen will sie das nicht, auch sie selbst habe der Vorfall auf der Urlaubsinsel getroffen. „Auch wenn ich in Deutschland geboren worden bin.“
Doch wer die jungen Männer waren, die mit diesen Gesängen auffielen und welche Motivation dahinter steckte, lässt sich auch nach mehren Tagen nicht vollständig klären. Die finale Prüfung der Strafbarkeit seitens der Staatsanwaltschaft Stuttgart dauert laut einer Pressesprecherin der Polizei noch an.
Unabhängig von rechtlichen Konsequenzen erklärt Ayhan Yildiz vom Stuttgarter Galatasaray-Fanclub: „Wir versuchen, uns rauszuhalten aus der Politik – auch mit Hinblick auf die Türkei.“ Es müsse um den Sport und um das Miteinander gehen. Bei den Events seines Vereins seien oftmals nicht nur Menschen mit türkischem Migrationshintergrund dabei. „Es bringen auch Leute ihre deutschen, jugoslawischen oder Freunde anderer Nationen mit“, erzählt er. „Wir stehen für Vielfalt“, so der 55-Jährige.