Der Rapper Yonii will Stereotypen überwinden. Foto: Veranstalter

Am Dienstag beginnt das 20. Sommerfestival der Kulturen auf dem Marktplatz in Stuttgart. Am Samstag tritt dort der Rapper Yasin el Harrouk alias Yonii als Headliner auf.

Bei der Jubiläumsausgabe des Sommerfestivals der Kulturen auf dem Marktplatz will der Rapper und Schauspieler Yasin el Harrouk, der schon eine Hauptrolle im „Tatort“ hatte, „Kulturen vermischen“, wie er sagt. Er wurde 1991 als Sohn einer marokkanischen Gastarbeiterfamilie in Stuttgart-Feuerbach geboren und ist dort aufgewachsen. Ein Studium an der Stuttgarter Schauspielschule, lange Aufenthalte in Marokko und der Einsatz von Autotunesoftware für seine Stimme seien bei dem Unterfangen Kulturmix hilfreich, bekundet der Künstler, der sich als Rapper Yonii nennt.

 

Yonii, vor 20 Jahren hat man sich darüber aufgeregt, dass bei den Jazz-Open Popstars aufgetreten sind. Jetzt spielen Sie am Samstagabend als Headliner Hip-Hop bei Baden-Württembergs größtem Weltmusikfestival …

Hip-Hop hat sich die letzten Jahre sehr krass durchgeboxt und ist auf jeden Fall die neue Weltmusik. Hip-Hop ist ein Genre, das die Jugend prägt. Dieses Genre erzählt, wie es der Jugend eigentlich geht.

Sie beziehen arabisch klingende Trommeln und per Autotune generierte orientalisch anmutende Gesangsverzierungen in Ihre Hip-Hop-Variante mit ein. Was hat es damit auf sich?

Das Schöne an Hip-Hop ist ja, dass man wirklich alles einfließen lassen kann – auch die Kultur, aus der man kommt. Man kann im Hip-Hop auch schön Kulturen vermischen, zum Beispiel wenn die deutsche Sprache irgendwie arabisch gesungen wird. Das liebe ich am Hip-Hop und generell an Musik: Dass man einfach eine emotionale Verbindung zu verschiedenen Kulturen herstellen kann. Es ist anders als im Theater und beim Film, wo zum Teil immer noch in Stereotypen gedacht wird und man weniger frei gestalten kann als in der Musik.

Was für Auswirkungen hat das Denken in Stereotypen Ihrer Ansicht nach?

Wir leben in einem Land, in dem man eigentlich die Chance hat, verschiedene Kulturen kennenzulernen. Aber dadurch, dass wir immer in Schubladen denken oder Menschen nach ihrem Aussehen beurteilen, schaffen wir es nicht, andere Kulturen aufzunehmen und für eine Verbindung zu sorgen. Mein Ansporn war es immer, offen und wissbegierig zu sein. In dem Moment, wo ich offen gegenüber einer anderen Kultur bin, erhalte ich mehr Wissen. Und nur, wenn ich mich wissbegierig zeige, kann ich wachsen und aus verschiedenen Kulturen eine machen.

Wie kann der Mix der Kulturen, den Sie sich vorstellen, funktionieren?

Bei mir hat es begonnen, als ich in die Schauspielschule kam. Davor habe ich mich als deutscher Staatsbürger nicht deutsch gefühlt und war nur unter anderen Ausländern. Aber in acht Semestern Schauspielschule habe ich gelernt, was Deutschland, Theater und Geschichte bedeuten oder wer Goethe überhaupt war. Und je mehr man liest und je mehr Wissen man sich aneignet, desto einfacher ist es, Kulturen zu verbinden.

Wie haben Sie, der in Deutschland aufgewachsen ist, die marokkanische Kultur kennengelernt?

Mein Vater wollte, dass wir die arabische Sprache lernen, deshalb hat er uns immer wieder nach Marokko gebracht und uns dort ein paar Monate lang gelassen. Insgesamt sind es vier Jahre gewesen, und im Nachhinein hat es gutgetan: Wenn ich jetzt nach Marokko in den Urlaub gehe, bin ich zwar der Deutsche aus Deutschland, aber in meinem Umgang kein Fremder. Das Leben in Marokko und die Schauspielschule in Stuttgart haben mir dabei geholfen, mich sowohl in Marokko als auch in Deutschland zu Hause zu fühlen und die beiden Kulturen zu verbinden. Wir haben in Marokko auch auf der Straße gelebt und in Baracken geschlafen und gesehen, wie schwierig das Leben dort ist.

Beim Sommerfestival der Kulturen gab es am Samstagabend oft südamerikanische Rhythmen für Tanzinteressierte. Wie, glauben Sie, wird das Samstagabendpublikum auf gerappte Gangstergeschichten von Ihnen reagieren?

Meine Musik ist ja ein Zwischending: Ich versuche immer, den großen Bruder zu spielen, der den kleinen Bruder davor warnt, Gangster zu sein. Aber das Stuttgarter Publikum war immer schon schwierig für mich. Die Leute hier kommen aus dem Schwabenländle, und ich kann es auch nachvollziehen, wenn die mal was nicht fühlen. Ich hoffe, mit ein paar Songs, die ein bisschen poppiger sind, die Leute abholen zu können. Ich spiele dieses Konzert als Heimspiel für die Stadt, in der ich aufgewachsen bin und wo ich die Chance hatte, mich zu entwickeln. Das Konzert ist für mich weniger ein Yonii-Auftritt als ein Auftritt zusammen mit Stuttgart, und ich hoffe, dass wir Gerlinde und Stefan ein bisschen zum Tanzen animieren können.

Werden Sie dafür auf der Bühne adäquate Unterstützung haben?

Es wird auf jeden Fall ein DJ dabei sein, der auch mit dem Autotunegerät am Start sein wird. Wir werden meine Stimme elektronisieren – das gab es, glaube ich, noch gar nicht beim Sommerfestival der Kulturen. Ich bin glücklich, einer der Ersten gewesen zu sein, der das Arabisierte in der Stimme mit reingebracht hat. Aber das Lustige ist: Ich habe in der Schauspielschule herausgefunden, dass es in der griechischen Antike auch Klagerufe gab. Die klingen zwar nicht wie die orientalischen, aber es ist nicht weit weg davon. Und es wird ein Schlagzeuger dabei sein, der das Ganze ein bisschen aufpusht.

Ein Teil Ihrer Songs scheinen dem Muster zu folgen: „Sorry, liebe Mutter, dass ich so eine Enttäuschung für dich bin.“ Singt da nur die Kunstfigur Yonii, oder erzählt Yasin el Harrouk seine eigene Geschichte?

Ich bin Gott dankbar, dass ich schon mit 17 auf die Schauspielschule in Stuttgart kam, weil sich da entschieden hat, in welche Richtung ich gehe. In der Schauspielschule konnte ich aus dem Street-Getue etwas machen. Und ich bin glücklich, nicht in die andere Seite gefallen zu sein. Wir waren alle mal jung und haben schlechte Taten gemacht, die uns jetzt vielleicht belasten. Aber dadurch, dass ich das in der Musik verarbeitet habe, ist es irgendwann zu einer Figur geworden, die nicht mehr aktuell ist. Musik und Theater haben schon geholfen, dass mir diese Street-Figur eher fiktiv guttut als biografisch.

Vor fünf Jahren haben Ihre Musikvideos auf Youtube bis zu 11 Millionen Klicks eingesammelt. Mittlerweile müssen Sie sich manchmal mit 20 000 Klicks für neue Videos begnügen. Wie motivieren Sie sich, wenn das anfangs riesige Interesse an Ihrer Musik weniger wird?

Wenn man wie ich sieben Jahre lang in der U-Bahn und auf der Straße Musik gemacht hat, dann erfolgreich geworden ist und es dann nicht mehr so läuft, wie es davor gelaufen ist, dann wirft einen diese Erfahrung nicht um. Ich bin glücklich, überhaupt von Musik leben zu können und nicht am Band stehen zu müssen. Ich hätte mir damals mit meinen Klickzahlen Marketingmaßnahmen kaufen können, damit nach außen hin alles sauber aussieht. Aber mir ist es lieber, ehrlich zu bleiben auch mir selbst nichts vorzuspielen. Man muss einfach weitermachen. Wenn man sich von weniger Zuspruch runterziehen lässt, dann hat man verloren.

Der Rapper und das Festival

Künstler
Als Schauspieler hatte Yasin el Harrouk im „Tatort – der Wüstensohn“ 2014 seine erste große Fernsehrolle. Als Rapper nennt sich der gebürtige Stuttgarter, der mittlerweile in Berlin lebt, Yonii. Sein erstes Album trug das Themas seines Auftritts beim Sommerfestival der Kulturen schon 2017 im Titel: „Entre 2 Mondes“ (Zwischen zwei Welten)

Programm
Das 20. Sommerfestival der Kulturen auf dem Stuttgarter Marktplatz beginnt an diesem Dienstag um 18 Uhr mit einem Auftritt der Band Äl Jawala. Bis zum Sonntag, 16. Juli, treten bei freiem Eintritt unter anderem die Band Fulu Miziki aus dem Kongo, die ungarische Songwriterin Deva, die Afro-Pop-Sängerin Dobet Gnahore von der Elfenbeinküste sowie der brasilianische Sänger und Kulturpolitiker Chico César auf.

Stuttgart
Neu bei Festival des Forums der Kulturen ist der Stuttgart-Tag am Samstag, bei dem der Rapper Yonii und andere Weltmusik-Bands aus der Landeshauptstadt auftreten. Wie in jedem Jahr gibt es beim Festival neben Weltmusik von diesmal 16 Bands auch Tänze der hiesigen Migrantenvereine und internationale Küche.