Die Szene am Eckensee in Stuttgart freut sich über Gespräche - und die Polizei darüber, dass nach der Randale vor einer Woche nun alles wieder unter Kontrolle scheint.
Stuttgart - Die Treppe am Königsbau im Stuttgarter Stadtzentrum hat eine unrühmliche Vergangenheit. Bei der Fußball-WM 2006 hatten sich dort englische Hooligans zusammengerottet und mit Stühlen, Tischen und Flaschen geworfen. 378 britische Rabauken waren an jenem Junitag von der Polizei eingekesselt und festgenommen worden, und die Bilder von der Treppe gingen als Schatten des Sommermärchens um die Welt. Genau dort, mitten auf der belebten Flaniermeile Königstraße, gibt es nun am späten Samstagabend eine Festnahme. Vor einer Woche hatte so etwas noch Ausschreitungen und Plünderungen ausgelöst. Und jetzt?
„Stuttgart“ steht in Frakturschrift auf dem hellen T-Shirt unter der Kapuzenjacke, die Schildkappe ist nach hinten gedreht, die Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Der dunkelhäutige Jugendliche steht regungslos zwischen zwei Mannschaftswagen, bewacht von zwei Beamten auf der einen Seite, von acht auf der anderen. Vor der Königsbautreppe haben sich sechs Beamte Rücken an Rücken im Kreis zur Eigensicherung aufgestellt. Sie warten auf den Gefangenentransporter, der irgendwo im Stau steht. Herzog Christoph scheint von seinem Denkmal das Ganze zu betrachten.
Was hat der denn ausgefressen?
Auch Dutzende Passanten und Gäste eines Cafés beobachten die Szene. Aber da ist niemand, der sich mit dem Gefangenen solidarisieren oder gar auf die Polizisten losgehen würde. Die Menschen schauen an diesem Samstag um 20.25 Uhr eher neugierig als aggressiv hin: Was hat der denn ausgefressen?
200 Meter entfernt, am Eckensee im oberen Schlossgarten, ist zu dieser Zeit von der Polizei nur wenig zu sehen. Dort, wo vor einer Woche alles begann, hatte die Polizei in der Nacht von Freitag auf Samstag zunächst geübt, mögliche Konflikte in den Griff zu bekommen. Die Strategie: das bunt gemischte Picknick-Publikum in der Abendsonne gewähren lassen, dann aber bei Einbruch der Dunkelheit zur Personenkontrolle schreiten. Viel Böses wurde Freitagnacht nicht gefunden: vier Straftaten, zwei Ordnungswidrigkeiten, acht Platzverweise. Dabei fühlten die Polizisten in der ersten Nacht eine vereinzelt aggressive Grundstimmung. Am Samstag aber schon weniger.
Mit der Dunkelheit kommt die Polizeikontrolle
Der Festgenommene wird auf der Wache gründlich unter die Lupe genommen. „Er soll zu den mutmaßlichen Plünderern gehören und wurde auf den Aufnahmen wiedererkannt“, sagt Polizeisprecherin Monika Ackermann. Ein Fahndungserfolg? Die Beamtin ist zunächst zurückhaltend: „Nun muss genau geprüft werden, ob dieser Verdacht auch zutrifft.“ Vielleicht hätte der 17-Jährige an diesem Tag lieber nicht in die Stadt kommen sollen: Mehr als 500 Polizisten sind im Einsatz, darunter auch die sogenannten Super-Recogniser, Beamte mit einem ungewöhnlichen Personengedächtnis. Still halten sie nach Gesichtern Ausschau, die sie aus den Videos kennen.
Um 21.37 Uhr schlägt die Stunde der Einsatzhundertschaft. Am Eckensee werden die Feiernden, die Gettoblaster und Alkohol aus den Supermärkten mitgebracht haben, kontrolliert. Hunderte müssen in Kleingruppen ihre Taschen leeren, den Ausweis zücken, sich abtasten lassen. „Das ist kein Revanchefoul“, sagt Polizei-Einsatzleiter Carsten Höfler, „wir wollen Präsenz zeigen, ein Stück weit Normalität bieten.“ Lautstarke Proteste gibt es nicht – nur dagegen, dass Fotografen und Kameraleute die Szenerie festhalten.
Was die Betroffenen wollen – auch mal reden
Vor allem Claude regt sich darüber auf. Der 26-Jährige, ein Schwarzer mit auffälligem weißem Hut, möchte sich auf keinem Fotos wiederfinden, dessen Bildunterschrift ihn mit Randalierern in Verbindung bringen könnte. „Wenn eine Gruppe Schwarzer chillt, dann wird sie kontrolliert – warum?“, schimpft er. Regelmäßig kommt er aus Göppingen zum Feiern hierher. „Wir wollen doch nichts Böses, wir wollen hier nur in Gemeinschaft etwas trinken.“ Schnell bildet sich eine Traube um Claude und den Reporter. „Das ist ja toll, dass ihr mit uns redet“, sagt David, 18. Dafür hat es früher Streetworker gegeben – mobile Jugendarbeiter, die zuhören können. Der Gemeinderat hat das Projekt 2014 allerdings gestrichen, wie unsere Zeitung nun nach den Krawallen kritisiert hatte. An diesem Wochenende sollen sich einige Streetworker auf Schnuppertour begeben haben.
Und dann sind alle zufrieden – auch die prominenten Zaungäste
David, der aus Ludwigsburg angereist ist und kroatische Wurzeln hat, versucht sich zu erklären, wie das passieren konnte mit der Randale. „Wenn da sechs Personen auf einen draufgehen, und der sagt, er hat nichts gemacht, das ist irgendwie unfair, das sieht niemand gerne.“ Sechs Polizisten hatten einen 17-Jährigen wegen Drogenverdachts festgenommen. Dann hatten sich Dutzende solidarisiert, und vier Stunden lang wütete ein Mob in der Stadt. Baran, ein 22-jähriger Kurde aus Winnenden, haben die Bilder der Angriffe auf Polizisten betroffen gemacht. „Ich hätte verstanden, wenn die Polizei in dieser Situation in die Luft geschossen hätte“, sagt er, „aber die dürfen das ja nicht.“ Was er nicht weiß: Im März 2015 hatte ein Beamter am Cannstatter Bahnhof tatsächlich die Dienstwaffe in die Luft abfeuern müssen, als er von einem Pulk Hooligans angegriffen wurde.
Doch Stuttgart kehrt zurück zur Normalität. Stille Nacht. Zufrieden blicken OB Fritz Kuhn (Grüne), Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) und Polizeipräsident Franz Lutz vom Gartenflügel des Neuen Schlosses auf die Party am Eckensee, die hier nun doch stattfindet. „Wir wollen es schaffen, zu unseren friedlichen Sommernächten zurückzukommen“, sagt OB Kuhn. Es ist 22.45 Uhr, und die Stadt pulsiert, mit Menschenmassen vor den Lokalitäten in der Theodor-Heuss-Straße, am Kleinen Schlossplatz, am Palast der Republik – als gäbe es kein Abstandsgebot mehr.
Ermittlungen gegen die Festgenommenen laufen
Nach Mitternacht feiert am Eckensee ein 50-köpfiger Pulk zu Rap-Rhythmen aus dem Lautsprecher, die Handys in die Höhe gereckt. Drei Beamte der Einsatzhundertschaft fordern den Musikmacher auf, das Gerät leiser zu stellen. Man hört nicht drauf. Droht jetzt doch ein Konflikt? Nein: Die Beamten schreiben Platzverweise, und um 0.45 Uhr ist Ruhe. Man zieht zum Kleinen Schlossplatz.
Ruhig wird es auch um den 17-Jährigen nach der Festnahme an der Königsbautreppe. Er wacht am Sonntag im Polizeigewahrsam auf. Dann geht es zum Amtsgericht, wo ein Richter Haftbefehl gegen ihn erlässt. Der Jugendliche ist der jüngste von sieben Verdächtigen, die am Sonntag von der Polizei als Ermittlungserfolg präsentiert werden. Drei 18-Jährige, zwei 19-Jährige, ein 21-Jähriger – „mit einer Ausnahme haben alle einen Migrationshintergrund“, sagt Polizeisprecherin Ackermann. Von ihnen kommt ein 18-jähriger Deutscher ebenfalls hinter Gitter. Damit sind 33 Verdächtige ermittelt, elf sitzen in Haft.