Die Dortmunder Polizei geht mit Pfefferspray gegen randalierende Hertha-Fans vor. Foto: dpa

Prügelnde Hertha-Ultras in Dortmund, zündelnde Anhänger in anderen Stadion, neue Banner gegen Dietmar Hopp: Fußballfans intensivieren ihren Kampf gegen die fortschreitende Kommerzialisierung – auch jene des VfB Stuttgart.

Dortmund/Stuttgart - Ein eigenes Tor in der Nachspielzeit, ein Punktgewinn beim Tabellenführer – doch Michael Preetz ist nach dem 2:2 bei Borussia Dortmund nicht zum Feiern zu Mute. Im Gegenteil: Von einer „ganz bittere Stunde für den Fußball und für Hertha BSC“, gar einer „Katastrophe“ spricht der Manager des Berliner Bundesligisten, nachdem randalierende Hertha-Anhänger nicht nur dieses turbulente Fußballspiel überschattet haben, sondern auch das gesamte Bundesliga-Wochenende.

So viel Gewalt mitten im Stadion hat es in der Bundesliga lange nicht gegeben. 80 000 Zuschauer wurden am Samstag in der Dortmunder Arena Zeuge, wie sich Berliner Ultras kurz nach dem Anpfiff heftige Prügeleien mit der Polizei lieferten. Mit Fäusten, Füßen, abgebrochenen Fahnenstangen und brennenden Feuerwerkskörpern attackierten sie im Innenraum vor dem Gästeblock die Einsatzkräfte, beklatscht von Teilen des Dortmunder Anhangs auf der anderen Seite. Die Polizei war nach eigenen Angaben aufmarschiert, um ein Banner vom Zaun zu reißen, hinter dem sie weitere Pyrotechnik vermutete – in Ultrakreisen gilt ein solches Vorgehen die größtmögliche Provokation.

In der Halbzeitpause fliegen Türen und Toilettenschüsseln

Ausgiebig hatten die Hertha-Ultras schon vor dem Anpfiff gezündelt – in der Halbzeit gingen sie noch einmal in die Offensive: Jetzt verwüsteten vermummte Chaoten zwei Stadiontoiletten und gingen mit herausgebrochenen Kloschüsseln, Waschbecken und Türen auf die Polizei los. Die Bilanz dieser heftigen Ausschreitungen nach Polizeiangaben: 45 verletzte Personen, darunter 35 durch Pfeffersprayeinsatz.

Die Gewaltexzesse in Dortmund waren allerdings nur der traurige Höhepunkt eines Spieltages, der wieder einmal deutlich gemacht hat, dass die Gräben zwischen den organisierten Fans auf der einen und dem von DFL und DFB organisierten Fußball auf der anderen Seite wohl noch nie tiefer waren. In Hoffenheim zündelten Anhänger des VfB Stuttgart; auf die gleiche Weise machten Fans des FSV Mainz und des FC Augsburg am Samstag ihrem Unmut Luft. Auch dies Belege für die brandgefährliche Eiszeit, die im Verhältnis der beiden Parteien seit Ende August herrscht.

Zwischen den Fans und den Verbänden herrscht seit August Funkstille

Damals brachen die Fanvertreter aus der ersten und zweiten Bundesliga den Dialog mit dem DFB und der DFL ab, weil sie sich in ihrer Ablehnung gegenüber der fortschreitenden Kommerzialisierung nicht ernst genommen fühlten. „Ihr werdet von uns hören“, so schlossen sie ihr Kommuniqué und sahen „keine andere Möglichkeit, als den Protest noch engagierter als zuvor in die Stadien zu tragen“. Keine leere Drohung, wie sich seither zeigt.

Der 20-minütige Stimmungsboykott in allen Stadien und die flankierenden Transparente („Egal in welcher Liga, egal in welcher Stadt, Mittagspiele gehören abgeschafft“) am fünften Spieltag waren noch von der harmlosen Sorte. Deutlicher wurden BVB-Fans, die beim Gastspiel in Hoffenheim ein riesiges Banner mit dem Konterfei von Dietmar Hopp im Fadenkreuz ausrollten. Ihr Protest richtete sich nicht nur gegen den milliardenschweren TSG-Mäzen, sondern auch gegen Stadionverbote von Anhängern aus dem eigenen Lager.

Dietmar Hopp fordert den DFB und die DFL auf, endlich durchzugreifen

Am Wochenende forderte Dietmar Hopp den DFB und die DFL unmissverständlich auf, der Hetze gegen ihn ein Ende zu bereiten: „Ich habe es mir zehn Jahre angehört. Ich habe gehofft, es lässt nach. Im Gegenteil! Die müssen jetzt mal den Mut haben, durchzugreifen“, sagte der 78-Jährige der „Bild“-Zeitung: „Wenn nicht, weiß ich nicht, wo es mit dem deutschen Fußball hingeht. Wenn die Ultras die Macht ergreifen, dann gute Nacht.“ Es änderte nichts daran, dass Hopp am Samstag auch von VfB-Fans wüst beleidigt wurde.

Während das DFB-Sportgericht im Fall Hopp an diesem Freitag das Sportstrafverfahren gegen Borussia Dortmund verhandelt, müssen die Verbände nun auch noch die schweren Ausschreitungen der Hertha-Chaoten beim BVB-Spiel aufarbeiten. Dortmunder und Berliner Fanvertreter geben der Polizei die Schuld an der Eskalation der Gewalt: „Wieder einmal stellt sich die Frage, ob die Dortmunder Polizei statt für Sicherheit zu sorgen, nicht vielmehr eine Gefahr für die Sicherheit der Stadionbesucher darstellt“, so heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Der Einsatz sei „vollkommen überzogen“ gewesen, „diese unverhältnismäßige Maßnahme hätte durchaus zu einer Massenpanik führen können“.

Für die Hertha-Führung hingegen ist der Fall eindeutig: „Gewaltszenen gegenüber der Polizei“ seien „nicht hinnehmbar“, erklärt der Club in einer Stellungnahme. „Wir werden alles unternehmen, um die Verantwortlichen zu identifizieren.“

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