Ramon Gehrmann würde mit den Stuttgarter Kickers am liebsten auf eine Winterpause verzichten. Foto: Baumann

Ramon Gehrmann und die Stuttgarter Kickers haben Zwangspause. Im Interview sagt der Trainer wie er und das Team damit umgehen, übt Kritik am Verband und macht Vorschläge, wie es in der Oberliga weitergehen könnte.

Stuttgart - Ramon Gehrmann (46) ist bekannt dafür, über den Tellerrand hinauszuschauen. Um langfristig bei Fußball-Oberligist Stuttgarter Kickers eine Perspektive zu haben, glaubt der Trainer, dass jeder bereit wäre, kurzfristig finanzielle Abstriche zu machen.

Herr Gehrmann, wie haben Sie den vergangenen Samstag verbracht?

Mit Gartenarbeit. Ich habe 300 Kilogramm Sand auf unserem Rasen verteilt, damit ich dort beim Fußballspielen mit meinem Sohn optimale Trainingsbedingungen vorfinde. Bei blauem Himmel und perfektem Fußballwetter hätte ich aber lieber mit meiner Oberliga-Mannschaft gegen den SV Sandhausen II gespielt.

Zumal Sie von der Deutschen Olympischen Gesellschaft wegen Ihres angeordneten Eigentors im Spiel gegen den FC Nöttingen mit dem Fair-Play-Preis ausgezeichnet worden wären.

Ach, was das Persönliche für mich angeht, das ist mir nicht so wichtig. Ich fand es vielmehr schade, weil meine Mannschaft nach fünf Pflichtspielsiegen in Folge gut drauf war und wir den restlichen Spielen in diesem Jahr sehr optimistisch entgegensahen. Wir hätten uns einfach gewünscht, dass der Verband uns den Spieltag am vergangenen Wochenende noch zugestanden hätte. Alle Trainer, auch die in der Jugend, hätten noch einmal ihre Spieler zusammen gehabt. So wurde von jetzt auf nachher der Stecker gezogen, für diese Entscheidung habe ich wenig Verständnis.

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Der Verband argumentierte mit seiner gesellschaftlichen Verantwortung.

Natürlich. Aber der WFV sollte meiner Meinung nach eben auch etwas mehr an die Interessen seiner Mitglieder denken, als sich nur nach der Politik zu richten. Das einzige Kriterium war, nicht angreifbar zu sein. Und mit der getroffenen Entscheidung steht man natürlich beim Ministerpräsidenten besser da.

Ihr Vorschlag?

Man hätte einen Kompromiss finden können. Zum Beispiel Spiele ohne Zuschauer oder reduzierte Trainingsumfänge. Denn erwiesen war doch, dass vom Fußball keine wesentlich hohe Gefahr für die Pandemie ausgeht.

Auf dem Spielplan stehen für die Kickers 2020 noch die Spiele am 5. Dezember gegen den Freiburger FC und am 12. Dezember beim SV Oberachern. Rechnen Sie damit, dass die Spiele stattfinden?

Wir bereiten uns darauf vor, ganz klar. Doch ich kann mir eigentlich kaum vorstellen, dass die Fallzahlen runtergehen und wir in diesem Jahr noch einmal am Ball sein können. Das Beste wäre, dass man sobald man wieder spielen kann, möglichst ohne Winterpause weiterspielt.

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Das heißt, wie in der Bundesliga, möglichst am 2. Januar 2021 gleich loslegen?

Wenn es die Lage zulässt, auf jeden Fall, ja. Warum zwei Monate verschenken? Warum warten bis zum 27. Februar? Wenn man spielen kann, sollte man spielen. Vorbereitungsspiele sind in solch einer Situation total unnötig. Und meistens war es in der Vergangenheit doch so: Im Januar und Februar war schönstes Wetter und pünktlich zum ersten Punktspiel im neuen Jahr hatten Schnee und Eis.

Wie gehen Sie denn aktuell konkret mit Ihrer Mannschaft um?

Sie hat jetzt eine Woche Urlaub, dann sehen wir weiter.

Wenn das Team wieder in Kurzarbeit geht ist formal die Erteilung eines individuellen Trainings nicht erlaubt.

Das entscheiden wir endgültig, wenn es soweit ist. Aber das würde ohnehin dann auf freiwilliger Basis geschehen, das Team regelt das intern.

Immerhin können jetzt Stammkräfte wie Nico Blank und Cristian Giles ihre Verletzungen in aller Ruhe auskurieren.

Ein ganz schwacher Trost. Ich hätte mich gefreut, wenn jetzt Spieler wie David Braig, Noah Lulic, Bleron Visoka oder Niklas Benkeser hätten zeigen können, was in ihnen steckt. Denn Verletzte wird es immer geben.

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Der Vertrag mit Tino Jukic wurde aufgelöst. Für Theo Rieg ist nach seinem Kreuzbandriss die Saison gelaufen. Wird es personellen Nachschlag in der Innenverteidigung geben?

Abwarten, so groß ist die Not auch wieder nicht. Fest steht, wir wollen von unserem Weg mit jungen, entwicklungsfähigen Spielern nicht abweichen.

Der vereinslose Nick Fennell (31) ist kein Thema?

Derzeit nicht. Wir gehen weiter den Weg mit unserer eigenen Jugend. Wir ziehen den A-Jugendspieler Oguzhan Kececi hoch, er gehört zum jüngeren Jahrgang der U19, ist äußerst talentiert und spielt eine super Runde im Team von Trainer Mustafa Ünal.

Im Normalfall haben die Kickers zwischen 2500 und 3000 Zuschauer bei ihren Heimspielen. Macht Ihnen die Gesamtsituation des Vereins durch die fehlenden Zuschauereinnahmen Sorgen?

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Wir haben im Verein mit Präsident Rainer Lorz an der Spitze strategisch denkende Leute, die genau wissen, was sie tun. Natürlich wirkt sich die Pandemie bei uns auf die Einnahmen drastischer aus, als für einen normalen Oberliga-Verein, der vor 250 Zuschauern antritt. Andererseits haben wir die Unterstützung auch auf mehrere Schultern verteilt. Das betrifft sowohl die Sponsoren und Unterstützer, als auch unsere super Fans, die sich mit unserem jungen, regional ausgerichteten Team und unserer Spielweise stark identifizieren.

Sind die Mannschaft und Sie bereit, weitere finanzielle Abstriche zu machen?

Ich denke jeder ist bereit, kurzfristige Abstriche zu machen, um eine langfristige Perspektive in diesem tollen Verein zu haben.

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