Am Tisch bleiben viele Plätze leer: Neben Gebeten und dem Fasten gehören Gemeinschaft und Begegnungen, etwa beim Fastenbrechen, zum Ramadan. Doch die Corona-Beschränkungen untersagen größere Zusammenkünfte.
Esslingen - Es ist bereits das zweite Jahr, in dem die Muslime den Fastenmonat Ramadan unter Coronaauflagen begehen. Den Gläubigen verlangt das viel ab: Denn neben dem Fasten stehen vor allem Gemeinsamkeiten und Begegnungen an. Das entfällt derzeit fast komplett.
Am Dienstag hat der Ramadan begonnen. In diesem Jahr dauert der Fastenmonat bis Mittwoch, 12. Mai. Fasten, Gebete, das Fastenbrechen und die Gemeinschaft mit Familienmitgliedern, Freunden und anderen Gläubigen kennzeichnen den Monat. Er fällt mitten in die dritte Welle der Coronapandemie und in die im Land geltenden Beschränkungen.
Für Bekir Özyürek gab es in den vergangenen Monaten viel zu tun. Der 44-jährige Industriemechaniker aus Baltmannsweiler ist der Sekretär des Vereins Türkisch Islamische Gemeinde unter dem Dachverband der DITIB, der die Moschee in der Esslinger Rennstraße betreibt. Er ist zuständig für die Umsetzung der Corona-Regeln, für die Kommunikation mit den Behörden – und eben für alles, was so anfällt, wie er sagt.
„Wie Weihnachten über vier Wochen“
Auch für Özyürek ist der Ramadan etwas ganz Besonderes – „wie „Weihnachten über vier Wochen“. Der „Monat der Heilung“, wie es im Koran heißt, ist für ihn ein „Gebet, das 24 Stunden dauert“. Der Familienvater begeht den Ramadan, seit er 14 Jahre alt ist. Im Vordergrund stehen für ihn die Begegnungen mit Familienmitgliedern, mit Freunden. „Auf das gemeinsame nächtliche Essen, das Fastenbrechen, freut man sich auch als Erwachsener wie ein Kind“, erklärt Özyürek. Man lade sich gegenseitig ein, besuche einander und sei mit der Familie in großer Runde zusammen. Das alles fehlt derzeit, da die Coronabeschränkungen größere Familientreffen untersagen. „Am Tisch bleiben viele Stühle leer“, bedauert Özyürek. „Das vermisse ich ungemein, die Gemeinschaft, die für die Seele so wichtig ist, fehlt schmerzlich.“
Auch der Moscheebetrieb ist dadurch beeinträchtigt. Die Esslinger Moschee in der Rennstraße lädt gemeinhin während des Ramadans zum gemeinsamen Essen ein. „Wir haben in einem normalen Jahr jeden Abend bis zu 200 Menschen in der Moschee, die gemeinsam an einer langen Tafel sitzen und essen“, berichtet Özyürek. „Eine offene Tafel war das, ob Muslim oder Christ, ob Fastende oder Nicht-Fastende. Uns Muslimen ist es wichtig, diejenigen zu speisen, die es nötig haben.“ So beschäftige die Moschee normalerweise während des Fastenmonats einen Koch aus der Türkei, der vier Wochen lang frisch für das gemeinsame Fastenbrechen der Gläubigen kocht. Das Bild der langen Tafel wird man im Ramadan des Jahres 2021 nicht sehen. Zwar ist die Moschee nicht geschlossen, aber auch in die gemeinsamen rituellen Gebete – auch sie eine wichtige Säule im Ramadan – greifen die Coronaregeln ein. So ist zu allen Gebetszeiten ein Mindestabstand der betenden Männer und Frauen untereinander vorgeschrieben. Ein eigener Gebetsteppich ist vorgeschrieben, Desinfektion bei Betreten des Gebetssaals unerlässlich.
Abendgebet wird verkürzt
Nach dem Fastenbrechen, dem Iftar, stehen für gläubige Muslime verschiedene Gebete an, die zeitlich festgelegt sind und sich mit steigender Tageslänge nach hinten verschieben: das Abendgebet, das Spätabendgebet und das daran anschließende Nachtgebet, das Isha heißt und erst erst nach 21 Uhr beginnt. „Es dauert normalerweise 25 Minuten, wir haben es vor einer Weile bereits auf zehn Minuten verkürzt“, erklärt Özyürek. Mit der Absicht, die Verweildauer im Gebetsraum zu verkürzen. Die Moschee darf aber doch bis zum Ende der Gebete offen bleiben – trotz der Ausgangssperre ab 21 Uhr. Die Corona-Verordnung erlaubt das: „Nach Paragraf 20 Abs. 6, Nr. 4 Corona-Verordnung ist der Besuch einer religiösen Veranstaltung ein triftiger Grund, der eine Ausnahme von der Ausgangsbeschränkung rechtfertigt“, heißt es von der Pressestelle des Landratsamts.
Für gläubige Muslime kommt in diesem Jahr ein weiteres neues Thema auf: das Impfen. Ist es erlaubt, sich während des Ramadan tagsüber impfen zu lassen? „Ja“, sagt Bekir Özyürek. Es werde betrachtet wie die Einnahme eines notwendigen Medikaments. Auch sei es denkbar, das Fasten wegen der Impfnebenwirkungen zu unterbrechen. „Das wird dann gehandhabt wie eine Erkrankung, bei der Fasten nicht angesagt ist“, erklärt Özyürek. Diese Fastentage dürfe man nachholen.