2013 bei der Rallye Akropolis noch in einem Citroen am Start: Robert Kubica Foto:  

Seine Lehrzeit ist vorbei, doch Wunderdinge dürfen von Robert Kubica bei der Rallye Monte Carlo nicht erwartet werden. Der Ford-Pilot aus Polen muss noch Erfahrungen sammeln.

Monaco - Malcolm Wilson staunte und staunte. Sein neuer Angestellter legte einen Arbeitseifer an den Tag, den der Chef des Rallye-Teams M-Sport in diesem Ausmaß wirklich nicht erwartet hätte. „Ich war fast sogar schockiert“, bekannte Wilson, „über seine Hingabe und seinen Einsatz. Neulich arbeitete er bis 23 Uhr mit den Ingenieuren an der Handbremse und am Schaltmechanismus.“ Der eifrige Mann heißt Robert Kubica. Der Pole, der von 2006 bis 2010 in der Formel 1 unterwegs war und den 2011 ein schwerer Rallye-Unfall aus der Karrierebahn in der Königsklasse geworfen hatte, wird in diesem Jahr seine erste volle Saison in der Rallye-WM hinlegen. Wenn an diesem Dienstag die Rallye Monte Carlo beginnt, feiert Kubica sein Debüt bei der Monte. „Ich war, abgesehen von einer Besichtigungsfahrt 2010, noch nie auf dieser Strecke“, räumte der 29-Jährige ein, „ich bin noch nie bei dieser Rallye gestartet – und ich bin noch nie auf Schnee gefahren.“

Nicht die günstigsten Voraussetzungen für den Polen bei der Mutter aller Rallyes. Doch er hat hinlänglich bewiesen, dass er seine Lehrzeit im Offroad-Auto hinter sich hat und nun zu den Gesellen zählt. 2013 wurde er Champion bei der zweiten Garde in der WRC2, bei der Jänner-Rallye in Österreich zum Jahresbeginn war keiner schneller als der einmalige Grand-Prix-Sieger, und schon damals staunte sein Boss Wilson Bauklötze: „Niemand ist mit einem Auto der RRC-Kategorie so nah an die Zeiten herangekommen, wie sie die WM-Fahrzeuge fahren.“ Diese andauernden Lobeshymnen machen Kubica zwar stolz, aber nicht überheblich; er weiß, dass er noch längst nicht zu den Stars auf Schnee, Schotter und Asphalt zählt. „Natürlich ist es sehr schön, ein Sieger zu sein, aber wir bleiben auf dem Boden“, betonte Kubica, „es ging bei der Jänner-Rallye darum, so viele Informationen und Erfahrungen wie möglich zu sammeln, um uns auf Monte Carlo vorzubereiten.“

Der gebürtige Krakauer sieht seine Zukunft in der Offroad-Szene, eine Rückkehr in den Formel-1-Zirkus scheint nicht mehr sein Ziel zu sein. Nach seinem Unfall Anfang 2011, bei dem er sich zahlreiche Brüche zugezogen hatte und die rechte Hand zertrümmert worden war, waren einige Comeback-Versuche wegen der extremen Belastung und den hohen Fliehkräften gescheitert. Auch ein Engagement in der DTM 2013 kam nicht zustande. Da Kubicas rechter Arm noch immer eingeschränkt beweglich ist, mussten am Ford ­Fiesta RS kleine Veränderungen vorgenommen werden – just an der Handbremse und am Schaltmechanismus.

Im Ford-Werkteam von M-Sport spielt der Pole noch die Nebenrolle. Die große Nummer ist Mikko Hirvonen; der Finne war zwei Jahre im Citroën unterwegs und kehrt nun zurück. „Wieder zu M-Sport zu stoßen gibt uns die Chance, es noch mal zu versuchen – wir sind motiviert zu gewinnen, und wir sind an der besten Stelle, um genau das zu erreichen“, sagte Hirvonen, der den Titel als Saisonziel ausgegeben hat. In seinem Windschatten soll Kubica fit für die nächste Reifeprüfung gemacht werden – sein Name soll irgendwann ebenfalls genannt werden, wenn seriöse Rallye-Experten die WM-Favoriten aufzählen. 2014 sind das die VW-Polo-Piloten Sébastien Ogier (Titelverteidiger) und Jari-Matti Latval, der Hyundai-Fahrer Thierry Neuville (Vizeweltmeister) und eben Hirvonen.

Noch muss Kubica vor allem auf rutschigem Untergrund Erfahrung sammeln, Schnee ist (noch) nicht sein Metier; in Monte Carlo und in Schweden erwarten weder er selbst noch sein Teamchef Wunderdinge. Der Blick geht vor allem in Richtung zweiter Saisonhälfte, wo viele Asphalt-Rallyes auf dem Programm stehen. Dort trauen ihm die Fachleute zu, ganz vorn mitzumischen. „Das wird etwas leichter, aber nicht einfach“, bremst Kubica allzu kühne Vorhersagen, „ich kenne dann die Charakteristiken und Strecken der Rallyes besser, und bei einigen Veranstaltungen kann ich meinen Aufschrieb vom Vorjahr verwenden. Aber die Hälfte der Strecken ist Neuland.“ Bei seinem persönlichen Saisonhöhepunkt wird vornehmlich auf Schotter gefahren, bei der Rallye in Polen vom 27. bis zum 29. Juni.

Bis dahin will sich der Ford-Fahrer in seinem neuen Umfeld eingewöhnt haben, er hofft, im masurischen Seenland seine Landsleute zum Jubeln zu animieren – und sollte Robert Kubica in diesem Jahr womöglich sogar auf dem Podium landen, wird sein Teamchef Malcolm Wilson womöglich eine Woche am Stück staunen.

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