Rallye-Legende Walter Röhrl bei der Eröffnung der Schau „Genie auf Rädern“ im Porsche-Museum. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wenn das Auto genau das macht, was er will, ist für ihn die Welt in Ordnung. Im Interview spricht Walter Röhrl über seine unbändige Lust am Autofahren und warum der Golfsport ihn zur Verzweiflung bringen kann.

Stuttgart – - Herr Röhrl, Sie sind in den vergangenen Wochen oft daran erinnert worden, dass Sie 70 Jahre geworden sind. Reicht es irgendwann?
Auf der einen Seite muss man froh sein, wenn man es bis 70 geschafft hat. Auf der anderen Seite habe ich mir gesagt: Irgendwann ist es gut. Das war ein Trubel, den brauche ich nicht noch mal.
Fahren Sie eigentlich noch gern Auto?
Ja, sofern ich eine abgesperrte Straße habe, sei es auf einer Rennstrecke oder bei einem Lehrgang. Da habe ich denselben Spaß wie vor 40 Jahren. Das ist bedenklich, denn eigentlich habe ich ein Alter erreicht, in dem ich vernünftig werden müsste. Anders ist es auf öffentlichen Straßen. Durch die Verkehrsdichte ist es nicht mehr ganz so lustig. Aber sonst ist es für mich nach wie vor ein tolles Gefühl, wenn mein Auto mir folgt, wie es mein kleiner Finger tut.
Es geht also ums Beherrschen?
Genau, das Auto macht das, was ich will. Es rutscht zentimetergenau da hin, wie ich es möchte. Diese Sucht kann ich nicht ablegen.
Bevor Sie zum Motorsport kamen, fuhren Sie Ski. Gab es da auch einen Kick?
Den gab es, deshalb hieß mein erstes Buch „Die Sucht nach Perfektion“. Wenn ich was mache, muss es perfekt sein. Ich wollte mich beim Skifahren so bewegen, wie wenn ich keine Skier am Fuß hätte. Das habe ich aufs Auto übertragen. Der einzige Sport, der mich zur Demut gezwungen hat und den ich nicht beherrschen konnte, war Golfspielen.
Wie das?
Beim Golf können selbst Weltklasseprofis nicht behaupten, dass jeder Schlag unter Kontrolle ist. Wenn ich vom Golfplatz heimfahre und kreuzunglücklich bin, wird mir klar, dass das nicht das richtige für mich ist.
Rennradfahren, so hört man, betreiben Sie auch mit großer Perfektion.
Ja, seit 30 Jahren. Ich war viel mit der belgischen Radrennlegende Eddy Merckx unterwegs. Oft fuhr ich mehr als 10 000 Kilometer im Jahr, neben 250 000 Kilometern mit dem Auto. Leider bin ich in den letzten Jahren weniger dazu gekommen. Zudem fahre ich wegen des Verkehrs inzwischen mehr Mountainbike. Da ist man weg von der Straße, erreicht aber nicht so viele Kilometer.
Geht der Röhrl mit seinem Perfektionswahn seinen Mitmenschen nicht manchmal auf den Wecker?
Selbstverständlich. Manche sagen: „Du Spinner, das kann man doch viel lockerer nehmen!“ Aber so richtig locker habe ich nichts genommen im Leben. Ich habe immer alles mit großem Ernst betrieben. Wenn ich was gemacht habe, habe ich es hinterher knallhart analysiert. Mich hat es aufgeregt, wenn auf 4000 Rallye-Kilometern zwanzig Kurven nicht perfekt waren. Aber das hat mich angetrieben, immer besser zu werden. Für den Sport war das sicherlich gut.
Hinterm Steuer wirken Sie unheimlich ruhig.
Nach außen mag ich den Eindruck erwecken, aber innerlich stehe ich unter Strom. Ich mache mir über alles Gedanken. Ein Typ Sunnyboy war ich nie, aber das kann, wie gesagt, auch von Vorteil ein. Mein Sport war ja nicht ganz ungefährlich.
Beim Schach gibt es Computer, die Schachspieler schlagen. Ist so etwas auch beim Motorsport denkbar.
Früher hätte ich gesagt: „Na, des gehd net.“ Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Man braucht zwar wahnsinnig viel Intuition, wenn man ein Auto perfekt lenken will. Aber womöglich schafft das auch mal ein Computerprogramm. Ich käme damit klar.
b>Röhrl: Wenn ein Schlagloch kam, war es hilfreich, den Hintern anzuheben
Das Porsche-Museum würdigt Sie mit der Sonderausstellung „Genie auf Rädern“ und zeigt ihre ehemaligen Rallye-Wagen. Wurde es Ihnen bei dem Anblick warm ums Herz?
Sicher. Es ist eine Zeitreise durch mein Leben. Da kommst du dir plötzlich 30, 40 Jahre jünger vor und musst dran denken, was Du mit den Autos alles erlebt hast. An den Fahrzeugen aus unterschiedlichen Generationen sieht man auch, wie die Entwicklung rasant vorangeschritten ist. Die haben nichts miteinander gemein, außer dass Sie ein Lenkrad und vier Räder haben.
Es alter Röhrl-Spruch lautet: „Ein Auto kann man nicht behandeln wie ein menschliches Wesen. Ein Auto muss man lieben.“ Gilt der noch immer?
Der traf auf die Rallyeautos von früher zu. Vor 40 Jahren hat man aufs Auto aufpassen müssen, sonst wär’s auseinandergebrochen. Wenn ein Schlagloch kam, war es hilfreich, den Hintern anzuheben.
In der Ausstellung gibt es nicht nur Autos, sondern auch ein Roadbook Ihres Copiloten Christian Geistdörfer zu sehen.
Dieses Gebetbuch diktierte ich beim Training dem Christian. Ich schätzte ein, wie schnell eine Kurve ging – und er schrieb das in Kürzeln auf. Kein Mensch kann sich 4000 Kilometer merken, so lang war damals ein WM-Lauf. Der Beifahrer ist ein ganz wichtiger Teil des Erfolgs. Und ich hatte das Glück, in meiner Karriere die beiden besten Beifahrer der Welt zu haben, früher Jochen Berger, dann Christian Geistdörfer.
Was hat sich im Rallyesport verändert?
Zu meiner Zeit waren die WM-Läufe zwischen 3000 und 5000 Kilometer lang. Das war eine Prüfung der Zuverlässigkeit von Mensch und Material. Wir sind 40 Stunden am Stück gefahren, Tag und Nacht, ohne Pause. Heute wird nur am Tag gefahren, da werden Minirennen aneinandergereiht. Weil die Rallyes viel kürzer sind, müssen die Fahrer vom ersten Kilometer an an ihre Grenzen gehen und volles Risiko fahren.
Sie sind seit vielen Jahren Repräsentant von Porsche. Bei Ihrer Einstellung sollen Sie gesagt haben. „Ich weiß nicht, ob Porsche sich mich leisten kann.“ Stimmt das?
Genau so war es. Das habe ich bei dem Vorstellungsgespräch gesagt – und es ging dabei nicht ums Geld, sondern darum, dass ich einer bin, der sagt, was er denkt. Auf meine Bemerkung antwortete der Vorstandsvorsitzende Dr. Wiedeking: „Genau deshalb will ich Sie haben. Ich will durch Sie die Glaubwürdigkeit meiner Firma erhöhen.“
Machen Sie noch immer die Abschlussprüfung für jedes neue Porsche-Modell?
Ja, aber nicht mehr so intensiv wie die 24 Jahre davor. Früher bin ich jedes Auto auf dem Nürburgring gefahren – dann wurde publiziert, wie schnell es dort ist. Das habe ich im vergangenen Jahr eingestellt. Wir haben junge Leute, die können das auch. Ich kann noch meinen Senf zu neuen Autos geben, aber habe nicht mehr den Stress, mit 300 über den Nürburgring fahren zu müssen.
Wenn Sie nicht Rallyefahrer geworden wären, was wären Sie dann geworden?
Hubschrauberpilot. Der Job verlangt ein ähnliches Gefühl für Bewegung. Als ich mit 40 meine Karriere bei Audi beendete, zog ich in Erwägung, ins Hubschraubergeschäft einzusteigen. Dann aber hat meine Frau gesagt: „Du bist ja verrückt. Jetzt habe ich 25 Jahre Angst um Dich gehabt – und jetzt willst Du auch noch fliegen.“ Ich gab nach. Aber reizen würde mich das noch immer.
Die Sonderausstellung „Walter Röhrl – Genie auf Rädern“ ist bis 14. Mai 2017 im Porsche-Museum zu sehen.
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