Lucky Luke hinterlässt Eindruck beim schwulen Cowboy Bud. Foto: Lucky Comics 2021 – All Rights reserved by Ralf König/Egmont Ehapa Media

Ralf König, der Meister des Schwulencomics, hat eine Einladung in den Wilden Westen angenommen. Herausgekommen ist das tolle Lucky Luke-Album „Zarter Schmelz“.

Stuttgart - So fit möchte man auch mal sein. 75 Jahre nach seinem ersten Comic-Auftritt ist Lucky Luke immer noch der sicherste Schütze im ganzen Wilden Westen. Er zieht den Colt immer noch schneller als sein eigener Schatten. Und er ist der „Poor lonesome Cowboy“ geblieben, der Nichtsesshafte, der zwar überall Freunde (ganz ruhig, Joe: ja, auch ein paar Feinde) hat, aber nach Erledigung seiner Jobs und Missionen doch wieder auf seinem treuen, schlauen Gaul Jolly Jumper hinausreitet in die Prärie, Richtung Sonnenuntergang, um irgendwo unterm Sternenzelt zu schlafen.

 

Im Lauf der Jahre gab es neben den Konstanten auch stets Neues im Leben von Lucky Luke. Ohne schnell noch mal alle Hefte nachzulesen (obwohl das sicher Spaß machen würde), behaupten wir jetzt aber mal: einen „Nacken zum Anbeißen“ hat dem Cowboy zuvor noch niemand bescheinigt. In „Zarter Schmelz“ aber bekommt er dieses und andere Komplimente vor die Stiefel gelegt. Das neueste Luke-Abenteuer wurde von Ralf König gezeichnet und getextet, der ja nicht einfach mindestens Westeuropas wichtigster Autor von Schwulencomics ist, sondern überhaupt ein vergnüglicher, kluger, wirkmächtiger Chronist des schwulen Lebens in der lesbaren Abteilung der Weltliteratur.

Pöbeleien in Straight Gulch

Königs Blick auf Lucky Luke ist ein klein wenig anders als der gewohnte. Aber „Zarter Schmelz“ liefert keine Dekonstruktion der Western-Märchenseligkeit, keine bittere Abrechnung mit blinden Flecken gängiger Wild-West-Fantasien. Die lebenslange Liebe zu dem, was der Lucky-Luke-Erfinder Morris geschaffen hat, ist jedem Panel und jedem Gag hier anzumerken. Ralf König tut jedoch das, was er seit Jahrzehnten so bewundernswert treibt. Er mischt Ernst und Hochkomik.

Eines der Themen hier: Homophobie (nicht nur) im alten Westen. Luke trifft auf ein schwules Cowboy-Pärchen, Bud und Terrence, dessen Knutscherei (in einem Zelt auf dem Bareback Mountain) beobachtet und im Kaff Straight Gulch prompt skandalisiert wurde. Tägliche Pöbeleien und Provokationen sind die Folge, manchmal schaukelt sich das zur Lynchstimmung hoch. König hat das, so gut im Griff, dass er zwar eine Geschichte über Ausgrenzung und Bedrohung vorlegt, uns aber doch über die von Lucky Luke gut kontrollierbaren Knollennasenspießer herzhaft lachen lässt.

Da bleibt ein Spalt, Cowboy

Auch die Erzählsituation hat König fein zurechtgelegt: Wir als Leser stören Bud und Terrence Jahrzehnte nach den Ereignissen auf, als seien wir besonders wissbegierige Fans auf Lucky-Luke-Recherche. Bud erzählt uns von der Veranda aus, wie das damals zuging, als Luke und Calamity Jane nach Straight Gulch kamen und ein Schweizer Chocolatier Leute suchte, die ein paar ganz besondere Milchkühe für ihn hüten würden. Terrence brutzelt derweil drinnen das Abendessen, hat aber durchs Fenster immer wieder ein paar Einwürfe zu machen.

Diese Ausgangslage ermöglicht es, ein wenig über Luke zu spekulieren, ihn zu hinterfragen – und vor allem die Idee weiterzutreiben, es habe ihn tatsächlich gegeben. In Königs Western-Welt werden Lukes echte Abenteuer durch Comics verbreitet, der Mann hat jede Menge Fans, wir erleben den Auftritt erster Autogrammjäger – und werden auf einen Spalt aufmerksam, den Luke nicht weiter thematisieren will. Die Comics erzählen nicht alles, was passiert ist, dafür ist aber nicht alles passiert, was in den Comics steht. Was Königs Blockhüttenidyll mit dem gealterten Paar Bud und Terrence auch bestätigt: Der Wilde Westen ist eine Fantasiewelt, die anhält und anhält – und den historischen Wandel nur da integriert, wo es ihr passt.

Die besondere Hommage-Reihe

„Zarter Schmelz“ ist kein Teil der regulären Albenfolge, sondern der fünfte Band der Hommage-Reihe, in der Gastautoren eine sehr persönliche, nicht unbedingt kanonische Variante des Cowboys vorlegen dürfen. Luke darf also sehr wie ein klassisches König-Männchen aussehen, was aber bestens funktioniert.

Vor König durften Matthieu Bonhomme, Guillaume Bouzard und der Deutsche Mawil Luke-Hommagen liefern, Bonhomme sogar zwei Alben der Reihe. Und das macht Hoffnung, auch König könnte zu einer zweiten Runde eingeladen werden. „Zarter Schmelz“ ist eben nicht bloß ein Kann-man-mal-machen-Album mit der Grundidee „Luke goes Brokeback Mountain“, es ist ein rundum tolles, fein gezeichnetes und ideenreiches Lucky-Luke-Abenteuer.

Ralf König: „Lucky Luke: Zarter Schmelz“. Egmont Ehapa Comic. 64 Seiten. Als Hardcover 16 Euro, als Softcover 8,99 Euro, als E-Book 7,99 Euro.