Mit 63 Jahren ist noch lange nicht Schluss: Rainhard Fendrich in Stuttgart Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Rainhard Fendrich hat in der Stuttgarter Liederhalle „unplugged“ Schmäh und Sanftmut zusammengebracht – mit einem breiten Repertoire zwischen Schlager und Jazz-Ballade.

Stuttgart - Manch eines seiner Lieder, sagt er, fühle sich heute für ihn an wie eine Postkarte aus einem lange vergangenen Urlaub. Rainhard Fendrich verspricht, sehr tief in seinen Schubladen zu graben, am Sonntagabend, und der Hegel-Saal der Liederhalle, gut gefüllt, quittiert es mit Applaus. Seit 38 Jahren ist der Liedermacher aus Wien im Geschäft; 35 Jahre sind vergangen, seitdem er den Sport lobte und damit seinen größten Hit in Deutschland landete. Vier Jahre moderierte er die ARD die Sendung „Herzblatt“ – auch das ist lange her.

Nun ist Rainhard Fendrich 63 Jahre alt und spielt mit sieben exzellenten Begleitmusikern „unplugged“, oder, wie er selber lieber sagt, in einer „Bio-Version“: ein gut gealterter Entertainer, der in mehr als zweieinhalb Stunden die stilistische Breite seines Repertoires abschreitet, vom Schlager bis zur Jazz-Ballade, der mit nachsichtigem Sarkasmus von der Welt und den Menschen erzählt und manchmal auch von seiner Jugend träumt. Fendrich steht gerade am Mikrofon, hält die akustische Gitarre eng am Körper, schlägt locker, schnell den Rhythmus, reckt den Kopf im Rampenlicht, die Augen leicht zugekniffen, zwei steile Falten im Gesicht. Eben noch spottete er der Eitelkeit, dem Jugendwahn („Aus jedem Arschgeweih wird irgendwann eine Trauerweide“), schon singt er das beste Liebeslied jenseits der 60: „Du bist schön, weil man sieht, dass du gelebt hast.“

Schmäh und Sanftmut liegen dicht beisammen bei Rainhard Fendrich. Oft scheint am Sonntagabend in der Liederhalle die Melancholie zu siegen, der lange Blick zurück – aber gleich schaut hinter ihr der Schalk schon wieder hervor. Gegen filmende Smartphones im Publikum will der Sänger sich nicht wirklich wehren. Man könne ja nicht alles verbieten, sagt er, auch nicht, dass einer ins Wasser pinkle im Familienbecken eines Freibades. Die „Zeugen Seehofers“ sind für Rainhard Fendrich ein Sonderfall in der großen Gemeinschaft der Leichtgläubigen, und eine Zeile singt er in Stuttgart gewiss besonders gern: „Ich brauch kein Auto mit einem Stern.“ Auch dem digitalen Zeitalter erteilt er als Kommunikationskonservativer, mehr als eine Absage: „Stell dir vor, du liegst am Strand / ohne ein Tablet in der Hand.“

Rainhard Fendrich ist ein Geschichtenerzähler, nimmt sich auf der Bühne Zeit für all die Anekdoten, mit denen er seine Lieder begleitet, wird ganz zum Chansonnier, wenn er seinen alten, ewig aktuellen „Tango korrupti“ beginnt oder davon singt, wie er als Kind auf dem Prater dem Tod begegnete. Seine Musiker weben feine, vibratoreiche Gitarrensoli, Seufzer des Akkordeons, des Saxofons, der Flöte um seine Worte. Und er lobt den Sport, noch einmal, er singt seine böse Hymne auf die Frauen, die blond sein möchten, er fragt noch einmal charmant „Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehn?“ Aber „Macho Macho“, den Hit, den er sich 1988 aus dem Ärmel schüttelte, den singt er nicht.

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