Ein emotionales Jahr mit der Ballung von Intensiverlebnissen geht für die Stuttgarter Kickers zu Ende. Präsident Rainer Lorz blickt zurück auf die Berg-und-Tal-Fahrt 2022, schaut in die Zukunft und äußert sich auch zu den Vertragsgesprächen mit dem Trainer.
Ein dramatisches Kopf-an-Kopf-Rennen um den Direktaufstieg in die Fußball-Regionalliga, in Dorfmerkingen vom siebten Himmel ins Tal der Tränen, WFV-Pokal-Triumph, DFB-Pokal-Highlights und ein Sieben-Punkte-Polster zur Winterpause – die Stuttgarter Kickers und ihr Präsident Rainer Lorz (60) blicken auf ein hochemotionales Jahr zurück, in dem nun jeder auf eine Entscheidung in der Trainerfrage wartet.
Herr Lorz, mit welchen drei Wörtern würden Sie das Kickers-Jahr 2022 beschreiben?
(Überlegt) Aufregend, tragisch, positiv.
Können Sie sich an ein Sportjahr mit einer noch größeren Ballung an Intensiverlebnissen erinnern?
Nein, das war schon eine unglaubliche Berg-und-Tal-Fahrt. Da war wirklich alles drin: Triumph und Tragödie. In Dorfmerkingen waren wir für ein paar Minuten im siebten Himmel und plötzlich im Tal der Tränen. Emotionaler geht es eigentlich nicht.
Das Jahr begann mit einer 1:2-Heimniederlage im Gipfeltreffen gegen den SGV Freiberg.
Als Marcel Sökler in der Nachspielzeit traf. Stimmt. Das hatte ich schon verdrängt. Nach diesem unglücklichen Dämpfer im Topspiel waren wir erst einmal fünf Punkte hinter Freiberg.
„Verrückte Saison“
Und schafften es in diesem Kopf-an-Kopf-Rennen trotzdem noch mal vorbeizuziehen.
Ja, das war richtig stark von unserer Mannschaft. Wir blieben stabil, Freiberg verlor ein bisschen die Nerven, wechselte ja sogar den Trainer und holte unseren Ex-Coach Ramon Gehrmann zurück, was irgendwie in diese verrückte Saison passte. Leider gaben wir unseren Vorsprung durch ein 2:2 in Bruchsal und eine 1:2-Heimniederlage gegen den FSV 08 Bietigheim-Bissingen wieder her.
Punktgleich, aber mit der deutlich schlechteren Tordifferenz ging es in den Showdown am letzten Spieltag.
Das war der helle Wahnsinn. Unsere Mannschaft hat die schwere Aufgabe bei den SF Dorfmerkingen, für die es noch gegen den Abstieg ging, mit einem 3:1-Sieg souverän gelöst. Wir hatten praktisch eine Standleitung zum Spiel der Freiberger nach Nöttingen, wobei das Mobilfunknetz gegen Ende total überlastet war. Als die Botschaft aus Nöttingen vom vermeintlichen Abpfiff und dem 1:1-Endstand kam, fielen mir wildfremde Menschen um den Hals. Dieses Feuerwerk der Emotionen war unbeschreiblich.
Und schlug kurz danach in tiefe Depression um, als die Nachricht kam, dass Freiberg doch noch in der Nachspielzeit den 2:1-Siegtreffer erzielt hatte.
Ja, wieder einmal hatte Marcel Sökler doch noch zugeschlagen. Den Gemütszustand möchte ich keinem Menschen wünschen. Das war mehr als tragisch.
Dabei hatte man 14 Tage vorher so etwas wie den Kickers-Fluch besiegt.
Absolut. Dieser Triumph im WFV-Pokal-Finale gegen den Regionalligisten SSV Ulm 1846 war nach all den Nackenschlägen in den vergangenen Jahren ein ganz neues Gefühl und elementar wichtig. Durch diesen Sieg im Elfmeterschießen kam der Glaube zurück, dass man mit den Kickers auch wieder etwas gewinnen kann.
„Übermotiviert in Trier“
Dennoch konnte man sich in den Aufstiegsspielen nicht durchsetzen.
Es war ja wieder hauchdünn. Nach dem 3:0 gegen Eintracht Stadtallendorf wollte unsere Mannschaft im entscheidenden Spiel in Trier einfach zu viel, sie war übermotiviert, was sich in zwei Platzverweisen niederschlug. Wir waren bei diesem 1:1 die bessere Mannschaft, und mit elf gegen elf hätten wir dieses Spiel auch gewonnen.
Kapitän Mijo Tunjic hatte nach seinem letzten Spiel in Trier trotzig prophezeit, die Kickers würden in der kommenden Saison mit zehn bis 15 Punkten Vorsprung Meister werden. Teilten Sie seinen Optimismus?
Da hat der Mijo vielleicht etwas zu dick aufgetragen (lacht), aber mir war schon klar, dass wir eine richtig gute Mannschaft haben werden, die trotz der Abgänge von Mijo, Mohamed Baroudi und Ruben Reisig stärker sein wird als in der Saison zuvor.
Auch ohne einen Topstürmer wie Marcel Sökler, an dem Interesse bestand?
Ja, denn es war klar, dass wir die Qualität haben, ganz oben mitzuspielen. Wir haben eine top Abwehr, einen ausgeglichenen 22-Mann-Kader, und dann haben David Braig und Kevin Dicklhuber eben so gut getroffen, dass die Stimmen verstummt sind. Zumal sich ja auch Flamur Berisha und Konrad Riehle gut entwickelt haben.
Wie hilfreich war der Rückenwind durch den DFB-Pokal?
Es war extrem förderlich für das Selbstvertrauen der Mannschaft und die gesamte Aufbruchstimmung im Verein, dass wir einen Bundesliga-Absteiger wie die SpVgg Greuther Fürth ausschalten konnten. Plötzlich verbreiteten wir nicht mehr nur eine Strahlkraft in der Region, wir waren auch bundesweit wieder ein Thema.
„Herzen gewonnen“
Gegen Europa-League-Champion Eintracht Frankfurt kamen weitere Sympathiepunkte dazu.
Wir haben vor ausverkauftem Haus vor 10 000 Zuschauern zwar mit 0:2 verloren, aber viele Herzen gewonnen. Beim WM-Endspiel am vergangenen Sonntag musste ich schmunzeln. Frankreichs Nationalspieler Randal Kolo Muani von Eintracht Frankfurt hatten wir mindestens genauso gut unter Kontrolle wie die argentinischen Abwehrspieler (lacht).
Sie haben schon sehr viel mit den Kickers erlebt: Sind Sie sicher, dass die Mannschaft das Sieben-Punkte-Polster ins Ziel bringt?
Sicher sollte man im Fußball nie sein. Aber ich habe absolutes Vertrauen in die Mannschaft und das Trainerteam. Es wird kein Selbstläufer, die SG Sonnenhof Großaspach will den Druck aufrechterhalten. Zudem ist die Winterpause auch sehr lang, das ist mit einer gewissen Unsicherheit verbunden, aber wenn wir unseren Weg beibehalten, werden wir aufsteigen.
Wie sicher sind Sie denn, dass Trainer Mustafa Ünal seinen auslaufenden Vertrag verlängern wird?
Wir sind in Gesprächen und kommen auch gut voran. Ich werde aber keine Wasserstandsmeldungen abgeben.
Offenbar geht es um eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und die Abgrenzung sportlicher Kompetenzen zwischen Trainer und Sportdirektor. Was macht es denn bei all dem sportlichen Erfolg so schwierig, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen?
Jeder hat seine Vorstellungen, aber das sind ja alles positive Themen von ehrgeizigen jungen Männern, die etwas bewegen wollen.
Klappt es noch in diesem Kalenderjahr?
Wir wollen nichts übers Knie brechen, ich bin aber grundsätzlich zuversichtlich.
Aber Sie wollen das Thema bestimmt nicht mit in die Vorbereitung nehmen?
Nein, das wollen wir sicher nicht.