Der ehemalige Kampfsportler und Erziehungswissenschaftler Joe Stirn (rechts) trainiert Gewaltprävention. Bei ihrem Waldheimbesuch hat sich die Bundestagsabgeordnete Judith Skudelny (helles Oberteil, dunkle Haare) ein Bild davon gemacht. Foto: Jürgen Brand

Das Waldheim Raichberg der Arbeiterwohlfahrt ist ein Beispiel dafür, wie Ganztagsschulen die Stuttgarter Waldheim-Tradition verändern.

S-Ost - Es gibt besonders anständige Kinder und besonders besondere Kinder.” Joe Stirn achtet ganz genau darauf, diejenigen, die sich vielleicht einmal oder vielleicht auch ein paar Mal daneben benehmen, nicht mit Worten abzuqualifizieren. „Für die besonders anständigen Kinder ist das nur einer, der ständig stört und Ärger macht“, erklärt der Trainer für Gewaltprävention weiter. „Aber für das besonders besondere Kind sind die zwei Wochen im Waldheim vielleicht die beiden besten Wochen im Jahr.“

Stirn ist ehemaliger Kampfsportler und Erziehungswissenschaftler und trainiert Kinder und Jugendliche, Eltern und auch Lehrer oder Erzieher im Umgang mit aggressiven oder gewaltbereiten Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen. In diesen Tagen hat er das im Waldheim Raichberg der Arbeiterwohlfahrt in einer Gruppe von 13- und 14-Jährigen gemacht, mit der Stuttgarter Bundestagsabgeordneten Judith Skudelny (FDP) als Gast. Und dabei kam auch zur Sprache, dass diese vielleicht besten Wochen im Jahr für Kinder und Jugendliche in ein paar Jahren möglicherweise nicht mehr angeboten werden können.

Zwei statt vier Wochen Waldheimferien

Das Waldheim Raichberg ist eines der altehrwürdigen Stuttgarter Waldheime. Der Waldheimverein wurde im Mai 1932 von Arbeitersportlern und SPD-Mitgliedern eröffnet. Zum Waldheim gehören die Gaststätte, weitere Gebäude mitten im Wald und ein großer Sportplatz. Die Waldheimferien im Raichberg werden seit vielen Jahren von der Arbeiterwohlfahrt (Awo), die in diesem Jahr 100 Jahre alt wird, angeboten. Aber – in diesem Jahr sind die Waldheimferien gerade noch zwei Wochen lang, früher waren es einmal vier.

„Alle Waldheime mit einem Einzugsgebiet mit vielen Ganztagsschulen leiden unter der immer knapper werdenden Zeit“, sagt Kerstin Kelm, die bei der Awo für die Stuttgarter Waldheime zuständig ist. Die meisten Kinder, die sich in den Waldheimferien egal ob im Waldheim Raichberg oder auch im nahen Waldheim Waldebene Ost austoben, besuchen Grundschulen.

Die Stuttgarter Ganztags-Grundschulen haben pro Jahr 23 Schließtage, das bedeutet, dort wird auch in den Ferien eine Betreuung mit Programm für die Kinder angeboten. Im Einzugsbereich zum Beispiel des Waldheims Raichberg gibt es mit der Raitelsbergschule und der Grund- und Werkrealschule Gablenberg gleich zwei verbindliche Ganztagsgrundschulen in unmittelbarer Nachbarschaft im Stuttgarter Osten, auch der Hort der Grundschule Gaisburg bietet eine zeitweise Ferienbetreuung an. Dadurch sinkt die Nachfrage nach Waldheimferien und deswegen hat die Awo die Waldheimzeit im Raichberg auch auf zwei Wochen reduziert.

Absage wegen Eichenprozessionsspinner

Auch das Schulwochen-Angebot im Waldheim Raichberg wird immer weniger genutzt. Dabei können Schulen ihre Schüler fünf Tage im Waldheim verbringen lassen. Das Raichberg hat dafür beispielsweise eine Partnerschaft mit der Wilhelmsschule Untertürkheim. Andere Schulen lassen sich aber ausgerechnet von der Natur davon abschrecken, solche Angebote wahrzunehmen. Im vergangenen Jahr trat in einem Bereich auf der Waldebene Ost - nicht auf dem Gelände des Waldheims und auch nicht in unmittelbarer Nähe – der Eichenprozessionsspinner auf. Die feinen Härchen der dann massenhaft an einem Baum auftretenden Raupen können allergische Reaktionen hervorrufen. Eine Schule brach die Schulwoche im vergangenen Jahr daraufhin ab – und hat in diesem Jahr erst gar nicht wieder gebucht.

Die Bundestagsabgeordnete Skudelny sprach sich für eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Schulen und Waldheimen aus und regte Gespräche zwischen den Waldheimträgern und etwa dem Schulverwaltungsamt an, im besten Fall moderiert und initiiert durch die Stadt.

Bei einem anderen, ebenfalls existenzgefährdenden Thema für die Waldheime, will sie die Stadt sogar noch stärker in die Pflicht nehmen: Immer öfter fehlt den Trägern das Geld, die Gebäude samt zugehörigen Flächen in Schuss zu halten. Am Waldheim Raichberg zum Beispiel blättert der Fassadenputz, es gebe einen gewissen Investitionsstau, wie es ein Awo-Vertreter vorsichtig ausdrückte. Auch der zugehörige Sportplatz hätte dringend zumindest eine Grundpflege, wenn nicht eine Grundsanierung nötig. Allerdings würde bei solchen Sanierungen nach dem bisherigen Verteilungsschlüssel die Stadt lediglich ein Drittel der Kosten tragen, die Arbeiterwohlfahrt müsste für die übrigen zwei Drittel Aufkommen. Aber dafür „hat die Awo nicht die Ressourcen“, hieß es im Waldheim Raichberg.

Nach so vielen eher besorgniserregenden Nachrichten bekam dann auch die Bundestagsabgeordnete zusammen mit den 13- bis 14-Jährigen ein paar Trainingseinheiten mit Joe Stirn. In gruppendynamischen Spielen ohne echte Gewinner oder Verlierer wurde auch reflektiert, wie es den Spielpartnern in bestimmten Spielsituationen ging, was sie dabei fühlten. Vielleicht hilft das dann ja auch nach der Sommerpause im Bundestag.

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