Im Polizeipräsidium Stuttgart wurde gestern bei einer stillen Feier Opfern des RAF-Terrors gedacht. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

40 Jahre nach dem Mord an dem Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und seinen Personenschützern durch die Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) hat Innenminister Thomas Strobl in Stuttgart der Opfer gedacht.

Stuttgart - Es ist nicht die Zeit und nicht der Ort für große Reden – Wahlkampf hin oder her. Auf den Tag genau vor 40 Jahren haben Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer entführt und dessen Begleiter Reinhold Brändle, Roland Pieler, Helmut Ulmer und Heinz Marcisz in Köln ermordet. Um den Terroropfern zu gedenken, hat der Stuttgarter Polizeipräsident Franz Lutz ins Foyer des Polizeipräsidiums an der Hahnemannstraße geladen. Es werden keine Reden gehalten, es ist ein würdevoller, stiller Moment.

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU), zuständig für die Polizei im Land, begrüßt Franz Lutz und den damaligen Chef der Stuttgarter Schutzpolizei Günther Rathgeb. Auch Rathgeb, inzwischen 84 Jahre alt, hat den Weg ins Polizeipräsidium gefunden. Er hat bei dem Anschlag am 5. September 1977 gleich drei seiner Leute verloren. Noch heute merkt man ihm an, wie tief ihn das getroffen hat. Günther Rathgeb ist in dieser Stunde ganz in sich gekehrt. Er trauert – auch noch 40 Jahre danach.

Die Namen der Opfer sollen nicht vergessen werden

Die Schleife an dem Kranz, den zwei Polizeibeamte im Foyer ablegen, tragen die Namen der Opfer. Politik und Polizei stemmen sich dagegen, dass die Begleiter Schleyers immer nur als diejenigen bezeichnet werden, die damals eben mitgestorben sind. Die Opfer waren Polizeihauptmeister Reinhold Brändle (41 Jahre) sowie die Polizeimeister Roland Pieler (20) und Helmut Ulmer (24) aus Stuttgart. Neben Hanns-Martin Schleyer ist der Name seines Fahrers verzeichnet: Heinz Marcisz (41).

Es war der 5. September 1977. Um 17.28 Uhr bog der blaue Mercedes 450 Schleyers in die Kölner Vincenz-Statz-Straße ein. Dahinter fuhr der weiße Mercedes 280 E mit Reinhold Brändle am Steuer. Plötzlich versperrten ein gelber Mercedes und ein blauer Kinderwagen den Weg. Der Wagen Schleyers und der gelbe Mercedes kollidierten, im gleichen Augenblick fielen die ersten Schüsse. Zunächst wurden die drei Stuttgarter Personenschützer Brändle, Ulmer und Pieler mit Schnellfeuergewehrgarben erschossen, dann Schleyers Kölner Fahrer Heinz Marcisz. Die Opfer wurden von mehr als 100 Kugeln getroffen. Hanns-Martin Schleyer wurde entführt. Die Terroristen wollten mit ihrer Geisel elf RAF-Häftlinge freipressen. Die Regierung lehnte ab. Als auch die mit der RAF abgesprochene Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut durch vier Palästinenser die Terroristen nicht ans Ziel führte, nahmen sich die RAF-Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Stammheimer Gefängnis das Leben. Ulrike Meinhof hatte sich bereits 1976 in ihrer Zelle erhängt

Ehemalige Kollegen erinnern sich

Am 19. Oktober 1977 wurde Schleyers Leiche im Kofferraum eines Autos im französischen Mülhausen gefunden.

Am Gedenktag im Stuttgarter Polizeipräsidium haben sich auch mehrere Männer in Zivil unter all die uniformierten Polizistinnen und Polizisten gemischt. Es sind ehemalige Polizeibeamte, die Brändle, Ulmer und Pieler persönlich kannten. „Wir waren zusammen auf der Stube oder in der selben Einheit“, sagt einer. Der damals 20-jährige Roland Pieler, gerade erst zum Personenschutz abkommandiert, habe ihm vor gut 40 Jahren gesagt: „Dort gefällt’s mir, dort will ich bleiben.“

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