Die Kälte hatte viele mürbe gemacht: Schon die Aussicht auf eine beheizte Unterkunft für den Winter sorgte dafür, dass viele Bewohner des „Dschungel“ sich freiwillig von den Behörden umsiedeln ließen. Foto: EPA

Für ihren Traum von Großbritannien hatten sie lange in Schmutz und Kälte ausgeharrt – nun ließen sich mehr als 2000 Migranten von den französischen Behörden umsiedeln. Doch auch in anderen Teilen des Landes sind sie nicht willkommen.

Paris - Calais atmet auf. Der Auftakt der von den Behörden als „riskant“ eingestuften Räumung des größten französischen Flüchtlingslagers ist weitgehend friedlich verlaufen. Mehr als 2000 Migranten haben am Montag dem mit Zelten und Bretterverschlägen übersäten „Dschungel“ vor den Toren der Hafenstadt den Rücken gekehrt. Rund 60 von der Präfektur bereitgestellte Busse brachten die Migranten in eines von 451 fast über ganz Frankreich verteilten Aufnahmezentren. Die Aussicht, den Winter in beheizten Räumen verbringen und einen Asylantrag stellen zu können, war für die ursprünglich nach Großbritannien strebenden Sudanesen, Eritreer, Iraker oder Afghanen offenbar verlockender als das Festhalten am alten Fluchtziel.

In der Nacht zum Montag waren in dem nach Behördenangaben 6500, nach Angaben von Hilfsorganisationen 8200 Bewohner zählenden Camp noch Mülleimer in Flammen aufgegangen und Polizeipatrouillen mit Steinen beworfen worden. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Bei Tagesanbruch begann die auch als „größte Umsiedlungsaktion in der französischen Geschichte“ angekündigte Evakuierung dafür umso entspannter. Bereits im Morgengrauen drängten sich Hunderte von Flüchtlingen auf den von Stellgittern gesäumten Wegen des Lagers. Mit Wollmützen, Kapuzen oder um Hals und Ohren geschlungenen Schals trotzten die Umzugswilligen der Kälte. Ihre Habe hatten sie in Rucksäcken oder Rollkoffern verstaut. Was dort nicht hineinpasste, wurde mit Plastikplanen umwickelt und zu einem Bündel verschnürt. 

Nicht alle werden sich umsiedeln lassen

Um dem Lager den Rücken zu kehren, haben  die Migranten zwei Zelte zu passieren. Im ersten teilen Mitarbeiter des „Büros für Einwanderung und Immigration“ die Ankömmlinge in Gruppen ein. Alleinreisende, Familien, schwangere Frauen und medizinische Hilfe benötigende Migranten sowie alleinstehende Minderjährige werden separat erfasst und betreut. Im Weiteren können die Flüchtlinge dann zwischen zwei Aufnahmezentren wählen und erhalten ein das Fahrtziel ausweisendes farbiges Plastikarmband. Das zweite Zelt dient als Wartesaal. Sind dort 50 dasselbe Ziel anstrebende Migranten versammelt, fährt ein Bus vor. Mit den Flüchtlingen sowie zwei Polizisten oder Gendarmen an Bord verlässt der Bus den Hangar.

Innenminister Bernard Cazeneuve rühmte am Montag den „ruhigen und geordneten Verlauf“ der auf sieben Tage angelegten, von 1250 Polizisten überwachten Evakuierung. Die Präfektin des Departements Nord-Pas-de-Calais-Picardie, Fabienne Buccio, sprach von einem „historischen Augenblick“. Christian Salomé, Leiter der Hilfsorganisation L’Auberge des Migrants (Herberge der Flüchtlinge) mahnte freilich zur Vorsicht: Er glaubt, dass die eigentliche Bewährungsprobe noch bevorstehe. Denn trotz der Drohung der Ausländerbehörden, die Umzugsunwilligen in Abschiebehaft zu nehmen, würden rund 2000 Flüchtlinge versuchen im Lager zu bleiben, um von dort aus nach Großbritannien zu gelangen. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sieht das ähnlich. Sie will vor Calais weiterhin ihre Dienste anbieten. Dass bereits an diesem Dienstag Bagger vorfahren sollen, um geräumte Behausungen dem Erdboden gleichzumachen, dürfte zur Entspannung der ­Lage kaum beitragen.

In anderen Ecken Frankreichs regt sich schon Wut und Protest

Ungewiss ist auch, was die Umgesiedelten erwartet. Obwohl die Aufnahmezentren nur als Zwischenstation gedacht sind, regt sich vielerorts Widerstand gegen die Fremden. Im südfranzösischen Pierrefeu-du-Var folgte am Wochenende ein Teil der Bürger einem Aufruf des rechtspopulistischen Front National und demonstrierte gegen die Aufnahme. Fürsprecher einer Willkommenskultur organisierten umgehend eine Gegendemonstration. Andernorts waren den Migranten zugedachte Unterkünfte in Flammen aufgegangen oder beschossen worden. Im südfranzösischen Saint-Bauzille-de-Putois hat der parteilose Bürgermeister Michel Issert zum Zeichen des Protests gegen die ihm von der Präfektur zugeteilten Migranten sein Amt niedergelegt.

Ungeklärt ist dazuhin das Schicksal von mehr als 1000 allein reisenden Minderjährigen. Die Hilfsorganisation France Terre d’Asile geht davon aus, dass sie zu 95 Prozent nach Großbritannien streben. Knapp die Hälfte der Kinder und Jugendlichen hätten dort Familienangehörige, versichert die Organisation. London hat bisher lediglich knapp 200 Minderjährige einreisen lassen. Die Zurückgebliebenen sollen zunächst in Calais bleiben dürfen und in beheizten Containern untergebracht werden.  

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