In der Ausstellung stößt man immer wieder auf die Buchillustrationen von Franz Josef Tripp. Foto: F. J. Tripp

Das Jungen Schloss eröffnet eine tolle Mitmachausstellung zu Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“. Andere Museen könnten sich eine Scheibe davon abschneiden.

Stuttgart - Im Wald ist Muskelkraft gefragt. Kasperl und Seppel sind dem Räuber auf den Fersen, immer tiefer dringen sie in den Wald vor – allerdings nur, wenn die Besucher artig traben. Denn in der Ausstellung zum „Räuber Hotzenplotz“ steht ein Laufband. Sobald ein Kind ­darauf rennt, setzt sich ein Zeichentrickfilm in Bewegung, in dem Kasperl und Seppel die nächste Station ihrer Räuberjagd bewältigen.

Im Jungen Schloss, der Kinderabteilung des Landesmuseums Württemberg, hat einer der berühmtesten Räuber Einzug gehalten: der Räuber Hotzenplotz. Viele Generationen von Kindern sind mit dem Kinderbuch von Otfried Preußler groß geworden, das er im Grunde zum Zeitvertreib schrieb. Preußler kam mit seinem „Krabat“ nicht recht voran, so dass er sich etwas Lustigem widmen wollte. Heraus kamen die fröhlichen Abenteuer von Kasperl, Zwackelmann und Dimpfelmoser samt Würstchen und Spritzenhaus. Ein „erzähltes Kasperltheater zwischen zwei Buch­deckeln“ nannte Preußler es selbst.

Im Stuttgarter Alten Schloss kann man nun Platz nehmen in Großmutters Küche, aber auch mit einer Laterne in die Keller­gewölbe des Schlosses vordringen, wo die Unke im virtuellen Wasser planscht. Denn „Räuber Hotzenplotz“ ist eine Mitmachausstellung, in der sich Kinder von vier Jahren an die Erzählung mit allen Sinnen aneignen können – nach dem Motto „Spielen strengstens erlaubt!“.

Das Museum als kurzweiliger Erlebnisparcour

Es gibt viel zu tun für die kleinen Besucher, die am Grammofon kurbeln dürfen oder sich am Telefon die Geschichte vorlesen lassen und dazu stempeln, zeichnen und Kasperltheater spielen können. Hier darf mit Schachteln ein Schloss gebaut, dort können mit einem baumelnden Schinken Flaschen umgeworfen werden. Optisch lebt der kurzweilige Parcours von den Illustrationen von Franz Josef Tripp. 1960 wurde der Werbegrafiker mit seinen Illu­strationen zu „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ schlagartig bekannt. Ein Jahr später beauftragte ihn der Thienemann-Verlag mit dem „Räuber Hotzenplotz“, dem er die markante große Nase verpasste und den Bauch mit breitem Ledergürtel als Koppel für die diversen Waffen. Überall tauchen Tripps Figuren in der Ausstellung auf, als Pappkameraden oder als Tapetenmotive, es gibt sogar eine üppig bestückte Garderobe, an der man sich Kostüme ausleihen kann, um sich in Räuber, Seppel oder Kasperl zu verwandeln.

Preußlers Tochter hat für die Schau einige Leihgaben beigesteuert, die in einem Raum für Erwachsene präsentiert werden („Alles strengstens verboten für Kinder. Langeweilegefahr!“): Stifte, die auf Preußlers Schreibtisch lagen, die Diktiergeräte, die er bei seinen Spaziergängen ebenso in der Tasche hatte wie Gummispikes für die Schuhe. Einige alte Briefe lassen erahnen, was für ein Mensch Preußler war. Er verfasste gern im Namen des Hotzenplotz Korrespondenz. „Teurer Herr Bundespostminister“, schrieb er etwa an den einstigen Minister Hans Matthöfer, nachdem man die Postgebühren „sakrisch“ erhöht habe, bitte er um einen Tipp, wie auch er als Räuber seine Arbeit lukrativer gestalten könne.

So macht die Familienausstellung Eltern wie Kindern Freude. Bloß, wo finden sich die Bestände des Landesmuseums Württemberg, die Keltenschätze oder Prunkstücke aus dem Barock? Die Antwort ist einfach: Es gibt sie nicht. Mag sein, dass sich im Depot eine Pistole hätte finden lassen, mit der Hotzenplotz dem Seppel eine Ladung Pfeffer hätte verpassen können, oder einige Messer, wie sie der Räuber im Gürtel stecken hat. Zum ersten Mal bezieht sich eine Ausstellung im Kindermuseum aber bewusst nicht auf die Sammlung – womit erst deutlich wird, was Stuttgart wie vielen anderen Städten fehlt: ein Kindermuseum. Bis heute gibt es nur wenige Ausstellungen, die sich dezidiert an den Nachwuchs richten, und man kann sich schon fragen, warum.

Im Alten Schloss ist eines der wenigen Kindernmuseum untergebracht

Dass das Landesmuseum mit dem Thema den richtigen Riecher hatte, lässt auch das enorme finanzielle Engagement von privaten Spendern vermuten. Sie haben 170 000 Euro zur Schau beigesteuert, mehr, als sich das Museum erhofft hatte. Das Ergebnis ist eine spielerische Ausstellung, die pädagogischen Anspruch hat, auch wenn Christoph Fricker und sein Team diesen gut kaschiert haben. Selbst wenn an Großmutters Kaffeemühle gekurbelt werden darf und dort optische Spielzeuge erprobt werden können, geht es letztlich ums Schreiben, Lesen und Rechnen. Zahlen müssen in die richtige Reihenfolge gebracht, Wünsche notiert oder lustige Wortpaare erstellt werden wie Tackelbam und Wackeltram.

Die wichtigere Botschaft an die kleinen Besucher ist aber, dass Ausstellungen nicht langweilig sein müssen und sie im Museum willkommen sind. Nicht in jedem, aber immerhin im Landesmuseum Württemberg.

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