Das Fahrrad hat in Sindelfingen offensichtlich keine Lobby. Foto: factum/Granville

Die Städte Sindelfingen und Böblingen belegen in einer Umfrage des ADFC im landesweiten Vergleich unterste Tabellenplätze. Pünktlich dazu legt Sindelfingen eine Radwegekonzept vor – allerdings nicht zum ersten Mal.

Sindelfingen/Böblingen - Einer weiß unzweifelhaft, wovon er spricht. An der Mercedesstraße versperren parkende Taxis Radfahrern den Weg. Am Bahnhof fahren Busfahrer achtlos los. „Das ist gefährlich und sollte sich in kurzer Zeit ändern“, sagt Felix Koch. Der Schüler sitzt im Jugendgemeinderat und spricht im Ausschuss des Gemeinderats. Der Blick in die Runde lässt ahnen, dass so mancher hier altershalber kein Rad im Keller stehen hat, und manche Wortmeldung offenbart ein Denken in der Tradition der Autostadt. Jedenfalls fühlt sich der Grüne Helmut Hofmann genötigt zu mahnen, dass der Satz „Der Verkehr muss fließen“ auch für den Radverkehr gelte.

In der aktuellen Zufriedenheitsumfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs, kurz ADFC, ist Sindelfingen mit der Schulnote 4,4 bewertet. Dies ist gleichbedeutend mit dem letzten Platz unter den Städten vergleichbarer Größenordnung in ganz Baden-Württemberg. Anlass der Ratsrunde zum Thema ist, dass die Stadt Besserung verspricht. Zehn Hauptradrouten sind auf einem Plan eingezeichnet, Verbindungen in die Stadtteile und ein Innenstadtring auf insgesamt rund 45 Kilometer Länge.

Wann der Plan in Asphalt gegossen wird, ist einigermaßen offen

Die Diskussion wie die Pläne stehen beispielhaft für die einst autogerecht geplanten Städte. Mancherorts in Sindelfingen sollen tatsächlich neue Radwege angelegt, andernorts nur Schilder aufgestellt werden. Dort fehlt schlicht der Platz. Wann der Plan in Asphalt gegossen sein wird, ist einigermaßen offen. Die Baubürgermeisterin Corinna Clemens erinnert vorsorglich daran, dass in der Vergangenheit schon Debatten mit Anwohnern über zusätzliche Radbügel zäh flossen. Die Mehrzahl von ihnen will den Parkplatz vor der Tür retten.

Der Zeitplan der Verwaltung mit Oberbürgermeister Bernd Vöhringer an der Spitze ist ohnehin nicht allzu ehrgeizig. Wenn die letzte Route eröffnet ist, wird Felix Koch dem Jugendgemeinderat längst entwachsen sein. Eine pro Jahr ist geplant. „Unsere Hoffnung war, dass schneller etwas in die Gänge kommt“, sagt Roland Schmitt, der ADFC-Vorsitzende für Sindelfingen und Böblingen. „In Sindelfingen gibt es kaum noch einen Radweg mit ebener Oberfläche.“ Überdies erinnert er daran, dass die Stadt schon einmal Abhilfe für den Radverkehr versprochen hatte.

Die Einsicht reicht eigentlich zurück bis zur Jahrtausendwende

In der Tat. Bereits vor zehn Jahren hatte der Gemeinderat ein Radnetz beschlossen. Die Einsicht, dass auch Radverkehr Verkehr ist, reicht gar zurück bis zur Jahrtausendwende. Nach Untersuchungen in den Jahren 2000 und 2001 hatten Planer des Stuttgarter Büros IGV eine lange Liste mit Verbesserungsvorschlägen niedergeschrieben. Dies nebst der Erkenntnis, dass „von der Topografie her die Stadt ideal für Radler“ sei – eigentlich. Die längst vergilbte Studie war dem Landes-Innenministerium sogar einen Zuschuss von 20 000 Euro wert. Angesichts dieser Vorgeschichte seien auch aktuell „unsere Hoffnungen gedämpft“, sagt Schmitt.

Die Nachbarn aus Böblingen haben in der ADFC-Umfrage mit einer Note von 4,3 knapp besser abgeschnitten als Sindelfingen. In ihrer Größenklasse bedeutet dies Platz 47 von 50 im landesweiten Vergleich. Seit der Wahl des Grünen Stefan Belz zum Oberbürgermeister „finden wir viel eher ein offenes Ohr in der Stadtverwaltung“, sagt Schmitt. Viel mehr als freundliche Worte habe aber auch Böblingen bisher nicht zu bieten: „Es gibt Fortschritte, aber immer nur in kleinen Schritten.“

In Radfahrern schlummert generell eine kritische Seele

Ungeachtet dessen ist in beiden Städten die Zufriedenheit der Radler seit 2012 stetig gesunken. Allerdings legen die Zahlen des ADFC nebenbei nahe, dass in Radfahrern generell eine kritische Seele schlummert. Die allermeisten Bewertungen beginnen mit einer Vier vor dem Komma. Besser als mit einer Zwei benoteten die Radler lediglich die Ruhrpott-Gemeinde Reken und das bei Enschede gelegene Wettringen. In beiden leben weniger als 15 000 Einwohner. Reken belegt bundesweit Platz eins, Wettringen ist Vize-Radverkehrs-Meister.

Großstädte finden vor dem Radfahrer-Tribunal grundsätzlich keine Gnade. Das durchaus sichtbare Stuttgarter Bemühen um Schnellradrouten bewerteten die Umfrage-Teilnehmer mit einer 4,2 und damit im Zweijahresvergleich unverändert. Selbst das traditionell dem Radler verbundene München schafft eben noch eine Vier im Gesamtzeugnis. Keiner Stadt mit mehr als 500 000 Einwohnern mochten die Radler eine Verbesserung bescheinigen.

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