Christoph Herrmann ist den ganzen Tag auf dem Rad unterwegs und überprüft die Qualität der Wege. Foto: /Stefanie Schlecht

Christoph Herrmann radelt durch den Kreis Böblingen, mit dabei ein Tablet, eine Kamera und Maßbänder. Denn er muss einen speziellen Auftrag erfüllen: Er überprüft die Radwege die zum Radverkehrskonzept des Kreises gehören. Wie er dabei vorgeht.

Christoph Herrmann ist Radwege-Checker. So lautet zwar nicht seine offizielle Berufsbezeichnung. Aber es beschreibt ziemlich genau, was er macht. Der 30-Jährige kommt eigentlich aus Hannover, radelt derzeit aber kreuz und quer durch den Kreis Böblingen. Das hat einen guten Grund: Nach zehn Jahren will der Kreis sein Radverkehrskonzept überarbeiten und hat damit die Planungsgemeinschaft Verkehr Alrutz (PGV) aus Hannover beauftragt, für die Herrmann arbeitet.

 

Etwa 1200 Kilometer umfasst das Radverkehrsnetz des Kreises. Die muss Herrmann nicht alleine abradeln, er teilt sich die Aufgabe mit Kollegen. Und sie fahren nicht jeden einzelnen Radweg im Kreis ab. „Es geht nicht darum, wie man von seinem Wohnhaus am besten zum nächsten Supermarkt oder Spielplatz kommt, sondern um großräumige Verknüpfungen“, erklärt Herrmann – beispielsweise zwischen den Rathäusern der Kommunen oder zu übergeordneten Arbeitgebern. Er schaue sich an, in welchem Zustand die Wege sind und ob es möglicherweise alternative Wegführungen oder sinnvolle Ergänzungen gibt. Dabei fließen auch die Ergebnisse einer Online-Bürgerbefragung ein, die Anfang des Jahres durchgeführt wurde.

Was sich Herrmann genau anschaut

Wenn es gut läuft schafft Herrmann 55 Kilometer am Tag – trotz geliehenem E-Bike. Denn er flitzt die Wege nicht einfach entlang, sondern schaut genau hin. An diesem Tag startet er am Elbenplatz in Böblingen. Ausgestattet ist er mit einer Kamera und einem Tablet, auf dem die Wege des Streckennetzes markiert sind. Rot bedeutet: wurden noch nicht überprüft. Grün bedeutet: wurden überprüft und mit Anmerkungen versehen. Der Weg in Richtung Schönaich, entlang der Seen, ist noch rot. Den will sich Herrmann vornehmen.

Auf dem Elbenplatz notiert er, dass die Radwegeführung nicht klar geregelt ist – man darf mitten über den Platz radeln – und man sich mit Fußgängern in die Quere kommen könnte. Sobald sich etwas am Weg ändert, er schmaler wird, nicht mehr nur von Radlern sondern auch von Fußgängern benutzt werden darf oder der Belag wechselt, hält Herrmann an, macht Fotos und schreibt Notizen in sein Tablet. Zwischen 800 und 1000 Fotos entstünden so pro Tag. Am Ende bekommt jeder Abschnitt einen kleinen Steckbrief mit den relevanten Infos. Die Fotos helfen, alles zu rekapitulieren.

Rot bedeutet, diese Strecke muss noch überprüft werden. Foto: S/tefanie Schlecht

Nach zwei Minuten kommt der erste Stop auf Höhe der Böblinger Kongresshalle. Herrmann zieht ein Maßband aus seiner Radtasche und legt es quer über den Weg. Das Ergebnis: 5,10 Meter. „Das ist schon luxuriös“ lautet sein Kommentar. Die Breite ist für ihn deshalb relevant, weil es dafür Vorgaben gibt. So muss ein gemeinsamer Geh- und Radweg innerorts beispielsweise mindestens 2,50 Meter breit sein. „Es gibt eigentlich immer Stellen, die zu schmal sind“, sagt Herrmann. Außerdem dokumentiert er Mängel, etwa wenn Wurzeln den Asphalt durchbrechen. In erster Linie gehe es um die Sicherheit. Wenn Radler auf der Straße geführt werden, schaue er sich sich beispielsweise an, wie schnell Autos dort fahren dürfen, wie hoch das Kfz-Aufkommen ist und empfehle dann gegebenenfalls eine von der Straße getrennte Radwegeführung.

Was richtig gut ankommt

Kurz nachdem Herrmann den Weg an der Kongresshalle vermessen hat, beginnt es zu schütten. „Das ist dann halt auch Teil des Befahrungsalltags“, meint er lapidar. Der 30-Jährige hat Geografie studiert, für die PGV war er schon in den verschiedensten Regionen Deutschlands unterwegs. Im Vergleich fällt sein Fazit positiv aus.

Ihm sei beispielsweise aufgefallen, dass die Wirtschaftswege in relativ gutem Zustand seien. „Das ist anderswo häufig nicht der Fall.“ Richtig ins Schwärmen gerät er über den Radschnellweg in Richtung Herrenberg. „Der ist wirklich traumhaft, da kann man gut und sicher fahren.“ Gravierende Mängel seien ihm auf den Strecken des Kreisnetzes noch nicht untergekommen.

Auch Roland Schmitt vom ADFC bewertet das Radverkehrskonzept positiv, ebenso den Austausch mit dem Landratsamt. Trotzdem sieht er beim Radverkehr im Kreis noch Luft nach oben. Vor allem was die Schnelligkeit der Umsetzung von Maßnahmen und die Zusammenarbeit der verschiedenen Ebenen – Land, Kreis und Kommunen – betrifft. So hat jede Ebene ihr eigens „Netz“. Den Radlern aber ist es letztlich egal, wer plant, sie wollen schnell und sicher von A nach B kommen. „Wir brauchen vor allem in den Kommunen die Bereitschaft noch stärker an die Radwegeplanung ranzugehen“, sagt Schmitt.

Aus seiner Sicht ist beispielsweise das Mercedes-Werk in Sindelfingen zu schlecht angeschlossen, auch hapere es immer wieder an guten Strecken durch die Städte hindurch. „Grundsätzlich sind wir im Kreis noch zu autozentriert“, kritisiert er. „Ich würde mir eine gerechterer Aufteilung der Verkehrsfläche wünschen.“

Welchen Radweg sich der ADFC als Blaupause wüschen würde

Als Positivbeispiel hebt er, außer dem Radschnellweg, den Würmtalradweg zwischen Aidlingen und Döffingen hervor, der drei Meter breit und inzwischen asphaltiert ist. „Der ist toll und sollte als Beispiel dienen.“ Denn man müsse berücksichtigen, dass im Vergleich zu vor zehn Jahren inzwischen viel mehr Menschen mit Pedelecs und dementsprechend mit höherer Geschwindigkeit unterwegs seien. Bei einem Aspekt, den Schmitt bemängelt, macht Nicole Spiess, die im Landratsamt in der Abteilung Straßenbau und Radfahren arbeitet, Hoffnung: Der Neubeschilderung der Strecken die zum Radverkehrsnetz des Kreises zählen. „Wir haben das schon lange auf unserer Agenda“, sagt sie. Nun habe der Kreis endlich ein Büro gefunden, das sich demnächst an diese Aufgabe macht.

Christoph Herrmann und seine Kollegen sind voraussichtlich noch bis Ende Juni im Kreis unterwegs. Danach wird das neue Radverkehrsnetz festgelegt – und die Verbesserungen, die gemacht werden sollen. Die Verbesserungsmaßnahmen will das Landratsamt mit Vertretern der Kommunen, des Kreistags und Verbänden abstimmen. Ende 2024 dann soll das überarbeitete Konzept stehen.

Mehr als 1600 Kommentare bei Onlinebeteiligung eingegangen

Onlinebeteiligung
Anfang des Jahres hat das Büro PGV eine Onlinebeteiligung durchgeführt. Bürgerinnen und Bürger konnten in einer interaktiven Karte Problemstellen im Radverkehrsnetz des Kreises markieren und Bewertungen abgeben. Insgesamt wurden laut Landratsamt mehr als 1600 Kommentare abgegeben. Auf der Seite www.lrabb.de/radverkehr ist der Link zur Karte mit dem Radverkehrsnetz und den Kommentaren zu finden.

Radverkehrsnetz des Kreises
Das Netz enthält die empfohlenen Verbindungen für den alltäglichen Radverkehr auf Kreisebene, bezieht aber auch freizeitorientierte und touristische Routen mit ein und soll zentrale Orte sowie kreisweit relevante Ziele verknüpfen. Ein weiterer Grund für das Radverkehrskonzept: Den Radverkehr im Kreis bei verkehrlichen und städtebaulichen Vorhaben angemessen zu berücksichtigen.