Noch immer sehr beliebt: die Radsport-Ikone Eddy Merckx Foto: dpa/Kristof Van Accom

Der ehemalige Radprofi Eddy Merckx feiert im kleinen Rahmen seinen 75. Geburtstag, weil er den Wirbel um seine Person schon lange nicht mehr mag. Bis heute gilt der zu aktiven Zeiten gnadenlose Belgier als bester Radrennfahrer in der Historie des Sports.

Stuttgart - Als der belgische Radprofi Eddy Merckx einer der größten Sporthelden des Planeten war, hießen die Autos noch VW Variant oder Opel Admiral. Hoch begehrt waren bei Kindern im Italienurlaub die kleinen Plastikkugeln, die durch den Sand geschnippt wurden, und wer aus dem Automaten den kleinen Ball mit dem Konterfei von Eddy Merckx gezogen hatte, war der Chef am Strand. Bilder von Merckx, der mit verschmiertem Gesicht den Berg hinauf strampelte, weil er bei jedem Sauwetter die Konkurrenz in Grund und Boden fuhr, haben noch heute Legendstatus. An diesem Mittwoch feiert der wohl berühmteste Belgier und bis heute größte Radrennfahrer der Historie seinen 75. Geburtstag.

Hier und da hat Eddie Merckx so seine altersbedingten Zipperlein. Im Prinzip ist für ihn die Corona-Krise auch ein bisschen von Vorteil, so kommt keiner auf die Idee, aus dem 75. Geburtstag der Sportikone eine Staatsfeier zu machen. Im kleinen, überwiegend privaten Rahmen wird Merckx heute anstoßen. Es ist ohnehin so, dass er ohne den ganz großen Wirbel wunderbar leben kann und sich gern zurückzieht. „Manchmal ist es zu viel, die Selfies und Interviews ohne Unterlass. Es ist schwierig, hier in Belgien Eddy Merckx zu sein“, sagt der Radsport-Rentner.

Unfassbare 525 Rennen

Pokale? Wenn er sie abstaubt, kann er eine Woche später wieder von vorne anfangen. Keiner war so dominant wie Eddy Merckx, egal ob sie Jacques Anquetil, Miguel Indurain oder Lance Armstrong heißen. Unfassbare 525 Rennen gewann er in 14 Profijahren, fünfmal die Tour de France, fünfmal den Giro d’Italia, einmal die Vuelta. Er feierte die meisten Etappensiege bei der Tour, keiner steckte öfter im Gelben Trikot. Darüber hinaus holte er drei WM-Titel, sieben Siege beim Klassiker Mailand-Sanremo und drei bei Paris-Roubaix. „Für mich ist und bleibt Eddy der beste Radrennfahrer aller Zeiten“, sagt der Frankfurter Didi Thurau, der gegen den Belgier Rennen fuhr.

Sie nannten Eddy Merckx den Kannibalen, auch als Allesfresser tauchte er in den Schlagzeilen auf – das waren die auch von der französischen Sportzeitung „L’Equipe“ kreierten Kampfnamen für den Mann, der seine Konkurrenten bei guter Tagesform zu zerstören pflegte. „Sportlich gesehen war er ein Killer“, sagt Frankreichs Radsport-Idol Bernard Hinault.

Von 1969 bis 1974 kürten sie den Überirdischen deshalb auch sechsmal nacheinander zu Belgiens Sportler des Jahres, dreimal war er Weltsportler des Jahres. 1996, lange nach seinem Karriereende, wurde Merckx durch den belgischen König in den Adelsstand erhoben. Seitdem trägt der Sohn eines Lebensmittelhändlers aus Tielt-Winge in der Provinz Flämisch-Brabant den Titel Baron. Genaugenommen heißt er in voller Länge: Baron Edouard Louis Joseph Merckx.

Positive Dopingtests

Bei aller Bewunderung für den gnadenlosen Radfahrer, der mit dem Boxer Muhammad Ali und dem Fußballer Pelé zu den größten Sportlern seiner Zeit gehörte, – gut Kirschen essen war mit dem grummeligen Zeitgenossen Merckx nicht immer. Er war nicht dafür bekannt, anderen mal den Sieg zu überlassen, weshalb sich die Zahl seiner Freunde im Peloton in Grenzen hielt. Und „sauber“, auch das gehört zur sportlichen Vita des Belgiers, war er wohl auch nicht.

Im Jahr 1969 wurde er wegen Dopings vom Giro ausgeschlossen. Merckx, der seine Unschuld beteuerte, witterte eine bewusste Manipulation der Organisatoren, konnte den Ausschluss bis zur nächsten Tour de France allerdings nicht verhindern. Während dieser Tour tauchten dann Vorwürfe auf, dass Merckx vom Tour-Arzt Dopingmittel verabreicht bekommen habe – auch dagegen wehrte er sich. Zwei weitere positive Tests 1973 und 1977 warfen ebenfalls ein zweifelhaftes Licht auf den Radstar.

In Belgien werden diese dunklen Seiten des großen Eddy Merckx gern unter den Tisch gekehrt. Das wohl größte Denkmal des Beneluxstaates, es darf nicht bröckeln; schon gar nicht am 75. Geburtstag.

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