Ein Gläschen Sekt auf den Triumph bei der Spanien-Rundfahrt: Radprofi Primoz Roglic. Foto: imago//Kiko Huesca

Der Radprofi gewinnt die Spanien-Rundfahrt trotz einer Schwächephase am letzten Anstieg, die an seinen Einbruch bei der Tour de France erinnert hat. Anschließend kündigt der Slowene weitere Großtaten an.

Madrid/Stuttgart - Primoz Roglic, dieser These werden nur wenige widersprechen, ist derzeit der erfolgreichste Radprofi im Peloton. Zwölf Siege hat er in der komprimierten Corona-Saison 2020 eingefahren, er wird das Jahr auf Rang eins der Weltrangliste beenden. Skepsis? Ungewissheit? Pessimismus? Dürfte der Slowene, wenn es um sein Potenzial geht, eigentlich nicht verspüren. Und machte doch das Gegenteil durch. Vor dem Start der Vuelta. Während der Vuelta. Und sogar noch kurz vor Ende der Vuelta. Gewonnen hat Roglic (31) die Spanien-Rundfahrt trotzdem. Es war, keine Frage, ein beeindruckender Erfolg. Aber zugleich auch ein Sieg über die Selbstzweifel.

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Das Gefühl, im entscheidenden Moment dem Druck nicht standhalten zu können, begleitet Primoz Roglic seit dem 19. September. Am vorletzten Tag der Tour de France verlor er in den Vogesen nicht nur das Zeitfahren gegen seinen furiosen Landsmann Tadej Pogacar, das Gelbe Trikot und den sicher geglaubten Gesamtsieg, sondern auch das Vertrauen in die eigene Stärke. Just in dem Moment, in dem es um den größten Triumph seiner Karriere ging, versagten Körper und Kopf, verließ ihn alle Kraft. Und nun, sieben Wochen später, drohte ihm im Kampf gegen sich selbst das nächste Fiasko.

Im Ziel ist Roglic gezeichnet von den Strapazen

Wieder war es der vorletzte Tag einer dreiwöchigen Rundfahrt, wieder lag Roglic komfortabel in Führung, diesmal mit 45 Sekunden vor Richard Carapaz. Das Duell um den Vuelta-Gesamtsieg sollte sich am letzten Anstieg entscheiden. Drei Kilometer vor dem Gipfel des Alto de la Covatilla attackierte Carapaz, flugs war er aus dem Blickfeld von Roglic verschwunden, dem nicht nur der Gegenwind zusetzte. Sondern auch der Gedanke, dass sich schon wieder ein Triumph in Luft auflösen könnte. „Ich hatte das Geschehen am Ende nicht immer unter Kontrolle“, räumte Roglic später ein, „aber ich hatte noch genug Energie im Tank.“

24 Sekunden Vorsprung waren am Ende übrig geblieben, ein paar Meter nach der Ziellinie hatte der sichtlich gezeichnete Roglic bei Carapaz angehalten, die beiden gratulierten sich gegenseitig zu ihren spektakulären Duell. Die letzte Etappe am Sonntag, bei der es traditionell keine Attacken gibt, änderte nichts mehr am Klassement – das Roglic auch deshalb für sich entschied, weil er eine besondere Taktik angewendet hatte.

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Der Kapitän des Teams Jumbo-Visma, der in Monaco lebt, war bei der Vuelta zwar nicht frei von Schwächen, in Erinnerung aber wird vor allem seine Stärke bleiben. Er gewann vier Etappen und wurde zudem dreimal Zweiter, was ihm nicht nur das Trikot des Punktbesten, sondern auch 48 Bonussekunden (32 mehr als Carapaz) und damit den Gesamtsieg einbrachte. „Wenn du gewinnst, ist das Wie am Ende nicht mehr entscheidend“, sagte Roglic, „wir hatten alle dieselben Chancen auf Zeitgutschriften. Ich habe sie mir geholt, weil ich bei dieser Vuelta in jede Etappe gegangen bin, als wäre sie ein Eintagesklassiker.“ Das hat sich ausgezahlt. Und machte zugleich deutlich, über welch’ außergewöhnliche Ressourcen der Slowene verfügt.

Roglic: „Es warten große Dinge, die ich noch nicht erreicht habe“

Viele Radprofis hatten seit Anfang August ein kräftezehrendes Rennprogramm, Roglic dürfte das härteste gehabt haben. Zunächst siegte er bei der Tour de l’Ain, dann hätte er die Dauphine-Rundfahrt gewonnen, wenn er nicht als Führender gestürzt wäre. Es folgten das Drama bei der Tour, Rang sechs bei der WM, die ultraschwere Vuelta. Und zwischendurch triumphierte er noch bei Lüttich-Bastogne-Lüttich. Roglic ist der erste Profi seit Laurent Jalabert 1995, der eine dreiwöchige Landesrundfahrt und eines der fünf Monumente des Radsports in einer Saison gewann, und er ist der erste Profi seit Roberto Heras (2003/04), der seinen Titel bei der Vuelta verteidigt hat. Jalabert und Heras haben neben großen Erfolgen positive Dopingtests in ihrer Vita stehen. Auch Roglics Aufstieg vom Skispringer zum Überflieger des Radsports wird von vielen Beobachtern mit Skepsis begleitet. Er selbst meinte dazu zuletzt: „Ich bin superstolz auf diese Saison und auf alle Dinge, die wir getan haben.“ Und weil es für ihn nun keinen Grund zu Selbstzweifeln mehr gibt, fügte er hinzu: „Ich bin ein Wettkämpfer. Es warten große Dinge, die ich noch nicht erreicht habe.“

Deshalb schon mal für den Terminkalender ein nicht ganz unwichtiges Datum: Die nächste Tour de France beginnt am 26. Juni.

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