Alle für einen: Auch weil sein Team so stark ist, fährt Primoz Roglic im Gelben Trikot in Richtung Paris. Foto: AP/Christophe Ena

Der niederländische Rennstall stellt die mit Abstand stärkste Mannschaft bei der Tour de France 2020 – auch deshalb wird der Anführer Primoz Roglic nur schwer zu schlagen sein.

Sassenage/Stuttgart - Es ist im Radsport ein ungeschriebenes Gesetz, dass jeder Sieger erst mal seinen Kollegen dankt. Was sich anhört, wie eine Floskel, ist keine. Sondern Ausdruck der Realität. Natürlich zählt bei einem Rennen wie der Tour de France vor allem die individuelle Qualität – Ausdauer, Kraft, Willensstärke. Doch auch der Beste benötigt ein überragendes Team. Das lehrt die Geschichte. Und zeigt die Gegenwart.

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Als Lance Armstrong (gedopt) eine Ära prägte, dominierten seine (meist ebenfalls gedopten) Gefährten von US Postal das Peloton. Sieben der letzten acht Siege bei der Frankreich-Rundfahrt gingen durch Bradley Wiggins, Chris Froome, Geraint Thomas und Egan Bernal an die britische Equipe Sky (heute Ineos), die das Feld ähnlich beherrschte. Und in diesem Jahr abgelöst wurde von Jumbo-Visma. Der niederländische Rennstall diktiert Tempo und Taktik bei der Tour 2020. „Meine Mannschaft ist so stark, dass alles perfekt funktioniert“, sagt Primoz Roglic, der Mann in Gelb, „wir sind jetzt genau da, wo wir hin wollten.“ An der Spitze.

Die „Killerwespen“ machen es unangenehm

Wann immer es gilt, reihen sich die Mannen von Jumbo-Visma vorne im Feld ein, machen das Rennen schnell. Das schmerzt so sehr, dass Richie Porte die Konkurrenten in den schwarz-gelben Trikots „Killerwespen“ nennt. Die sieben Arbeiter schuften allesamt für Primoz Roglic. Sie geben ihm Windschatten, bewahren ihn vor gefährlichen Situationen, versorgen ihn mit Trinkflaschen und Powergels, halten das Tempo im Gebirge so hoch, dass kaum ein Gegner attackieren kann, ziehen ihn in Richtung Gipfel. Kurz: Sie bereiten dem Slowenen den Weg, ehe er am letzten Anstieg das Tagwerk vollendet.

Bisher ging diese Taktik auf. Was viel mit der Klasse von Roglic zu tun hat. Aber auch mit der Stärke seiner Gefährten. Zu diesen zählen Tom Dumoulin, Sieger des Giro 2017, und Wout van Aert, der vielseitigste Radprofi der Welt, der nicht nur in den Bergen große Qualitäten zeigt, sondern auch selbst schon zwei Etappen im Sprint gewonnen hat. Zudem sind Edelhelfer wie der Deutsche Tony Martin, George Bennett, Robert Gesink oder Sepp Kuss derart gut in Form, dass niemand den verletzten Vorjahres-Dritten Steven Kruijswijk vermisst – normalerweise einer der wichtigsten Fahrer an der Seite von Roglic. „Wir haben die Kraft, das Rennen zu kontrollieren“, sagt Dumoulin, „bei dieser Tour sind wir klar das stärkste Team.“ Was natürlich Fragen aufwirft. Weil Dominanz im Radsport immer verdächtig ist.

Roglic: „Ich habe nichts zu verstecken“

Jumbo-Visma ging aus dem Betrüger-Rennstall Rabobank hervor, zu dem Doper wie Michael Rasmussen, Thomas Dekker, Michael Boogerd oder Denis Mentschow gehörten. Auch der Deutsche Grischa Niermann gab Epo-Doping während seiner Zeit bei Rabobank zu, heute sitzt er bei der Tour als einer der Sportlichen Leiter von Jumbo-Visma im Begleitauto. Zudem ist ein offenes Geheimnis, dass der Rennstall mit Ketonpräparaten experimentiert. Das Nahrungsergänzungsmittel soll die Fettverbrennung beschleunigen und Erschöpfung verhindern. Es steht zwar nicht auf der Dopingliste, ist aber umstritten, weil die Nebenwirkungen unerforscht sind. Dazu kommt, dass der slowenische Radsport, auch wegen seiner Verbindungen zum Erfurter Dopingarzt Mark Schmidt (der Gerichtsprozess gegen ihn beginnt an diesem Mittwoch), unter besonderer Beobachtung steht. Wer Primoz Roglic danach fragt? Bekommt eine klare Antwort: „Von meiner Seite aus könnt ihr mir vertrauen. Ich habe nichts zu verstecken.“

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Etwas tiefere Einblicke ins Innenleben gewährt Tony Martin (35). Der viermalige Zeitfahr-Weltmeister hat schon viel gesehen in seiner Karriere – aber noch kein Team wie Jumbo-Visma, für das er seit Anfang 2019 fährt. „Hinter dieser Mannschaft steht ein großes Konzept, unter anderem was Personal-, Trainings-, Ernährungs- und strategische Planung angeht“, sagt er, „dass wir sind, wo wir sind, ist die logische Konsequenz aus Ehrgeiz und akribischer Arbeit. Es ist das mit Abstand professionellste Team, bei dem ich je war.“ Erstaunlich dabei: Der Jahresetat von Jumbo-Visma ist zuletzt zwar gestiegen, mit nunmehr rund 20 Millionen Euro liegt der niederländische Rennstall aber trotzdem nur im vorderen Mittelfeld. Ineos, bei der Tour 2020 abgehängt, gibt ungefähr die doppelte Summe aus. „Es ist schön zu sehen, was man im Top-Sport mit Hirnschmalz erreichen kann, auch ohne das größte Budget zu haben“, meint Tony Martin, „bei uns ist vieles anders als bei den Teams, hinter denen Ölscheichs stehen und bei denen die Millionen nur so herumliegen.“

Zu diesen Konkurrenten zählt UAE Emirates, bei dem Tadej Pogacar fährt – wohl der einzige Gegner, den Primoz Roglic noch hat. 40 Sekunden liegen die slowenischen Kumpels auseinander, und Pogacar sagt vor den letzten sechs Etappen: „Der Kampf um Gelb ist noch nicht beendet.“ Er will den Beweis antreten, dass ein Tour-Sieg auch ohne überragendes Team möglich ist. Die Geschichte lehrt: Es gibt immer Ausnahmen von der Regel. Die Frage ist nur: auch 2020?

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