Radsport – Tour de France Das Quintett der Herausforderer

Von Jochen Klingovsky 

Chris Froomes Tour-Start wurde sehr kontrovers diskutiert. Fünf Kontrahenten können ihm wohl den Gesamtsieg streitig machen. Foto: AFP
Chris Froomes Tour-Start wurde sehr kontrovers diskutiert. Fünf Kontrahenten können ihm wohl den Gesamtsieg streitig machen. Foto: AFP

Eines ist klar: Wer die Tour de France gewinnen will, muss Chris Froome schlagen. Doch umgekehrt gilt das auch – der viermalige Sieger der Frankreich-Rundfahrt trifft auf starke Gegner.

La Roche-sur-Yon - Schlechter hätte es kaum laufen können: Schon auf der ersten Etappe der Tour de France stürzte der große Favorit Chris Froome in den Straßengraben. Er blieb zwar weitgehend unverletzt, handelte sich aber auf einige seiner Konkurrenten einen Rückstand von 51 Sekunden ein. „Bis Paris ist es noch ein weiter Weg“, meinte der Titelverteidiger, der allerdings noch nie bei der Frankreich-Rundfahrt so früh gefordert war. Umso wichtiger ist das 35,5 Kilometer lange Mannschaftszeitfahren an diesem Montag rund um Cholet. Für Froome. Aber auch für das Quintett der Herausforderer, das ihn vom Tour-Thron stoßen will.

Tom Dumoulin (27)

Ausgangslage Der Giro-Sieger von 2017 konzentriert sich erstmals bei der Tour auf die Gesamtwertung. Das Problem des Niederländers: Er hat, wie Froome, den Giro 2018 in den Beinen, den er hinter seinem großen Konkurrenten auf Rang zwei beendete. Stärken Der Kapitän des deutschen Teams Sunweb ist Weltmeister und Olympiasieger im Zeitfahren, als Rouleur werden ihm auch die Kopfsteinpflaster-Passagen nach Roubaix am nächsten Sonntag liegen. Dumoulin gilt als sehr intelligenter Radprofi mit entsprechend großem taktischen Geschick. Schwächen Trotz seiner Größe (1,85 m) wiegt Dumoulin zwar nur 69 kg, es gibt aber Konkurrenten, die im Hochgebirge stärker sind. Außerdem hat in Warren Barguil, Bergkönig und zweimaliger Tour-Etappensieger 2017, ein wichtiger Helfer das Team verlassen. Zitat „Dumoulin ist einer der besten Rundfahrer der Welt – und der Kurs bei der Tour liegt ihm“ (Teamkollege Simon Geschke).

Vincenzo Nibali (33)

Ausgangslage Nach einem Jahr Pause, in dem er sich auf den Giro konzentrierte, kehrt der Italiener zur Tour zurück, bei der er 2014 triumphiert hat. Einen großen Sieg verbuchte Nibali auch in dieser Saison schon – beim Klassiker Mailand-Sanremo. Stärken Der erfahrene Chef des Teams Bahrain-Merida ist einer der stärksten Kletterer im Feld und dazu ein herausragender Abfahrer. Bei allen großen Landesrundfahrten, die er gewonnen hat (Vuelta 2010, Giro 2013 und 2016, Tour 2014), legte Nibali den Grundstein in den Bergen. Bei seinem Tour-Sieg lag er bei drei von vier Bergankünften vorne. Schwächen Bei den Zeitfahren (Mannschaft und Einzel) wird Nibali an Boden verlieren, und er wird von seinen Teamkollegen in den Bergen auch wenig Unterstützung erhalten. Zitat „Du brauchst nur einen Juli nicht in Frankreich zu verbringen, und schon vermisst du die Tour“ (Vincenzo Nibali).

Romain Bardet (27)

Ausgangslage Seit Bernard Hinault (letzter Erfolg 1985) wartet Frankreich auf einen Heimsieg bei der Tour. Die Hoffnung einer ganzen Nation ruhen auf Romain Bardet, der 2016 (2.) und 2017 (3.) in Paris auf dem Podium stand – nur noch nicht ganz oben. Stärken Bardet ist ein ausgezeichneter Kletterer, er gewann bei den Frankreich-Rundfahrten 2015, 2016 und 2017 je eine schwierige Bergetappe – auch weil er den Mut hat zu attackieren, wenn sich die Chance bietet. Verlassen kann sich Bardet auf seine Kollegen: Bei AG2R wird er von einigen der besten französischen Bergfahrer unterstützt. Schwächen Obwohl er das Zeitfahren speziell trainiert und die Sitzposition im Windkanal optimiert hat, wird sich Bardet im Kampf gegen die Uhr einen Rückstand einhandeln. Dazu kommt der Druck eines ganzen Landes, der auf seinen Schultern lastet. Zitat „Die Konkurrenz bei der Tour war noch nie so stark“ (Romain Bardet).

Nairo Quintana (28)

Ausgangslage Schon dreimal stand der Kolumbianer auf dem Tour-Podium (2013/2., 2015/2., 2016/3.), nun soll endlich der erste Sieg her – auch um es Dauerkonkurrent Chris Froome zu zeigen. Dass der Brite vom Publikum angefeindet wird, wundert Quintana angesichts der Salbutamol-Affäre des Titelverteidigers nicht. Man ernte eben, was man säe, sagte er über Froome. Problem für Quintana: Auf der ersten Etappe fing er sich nach einem technischen Defekt kurz vor Ende fast eineinhalb Minuten Rückstand ein. Stärken Der kolumbianische Floh (59 kg) hat wie Nibali und Bardet seine Qualitäten am Berg, zudem verfügt er bei Movistar in Mikel Landa und Alejandro Valverde über zwei exzellente Helfer – sofern diese ihre eigenen Ambitionen hinten anstellen. Diese Konstellation nimmt Quintana allerdings auch Druck: Läuft es bei ihm nicht wie gewünscht, ist der frühere Froome-Adjutant Landa ein Kandidat für das Tour-Podium. Schwächen Wie bei Nibali und Bardet das Zeitfahren, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt. Zudem ist Quintana von einem ausgeprägten Hang zur Vorsicht geprägt. Attacken, um die Konkurrenz unter Druck zu setzen, sind nicht sein Ding. Zitat „Zuletzt habe ich in meiner Herangehensweise an die Tour Fehler gemacht. Daraus habe ich gelernt“ (Nairo Quintana).

Richie Porte (33)

Die Ausgangslage Ende 2015 hat der Australier das Sky-Team verlassen, um bei BMC auf eigene Rechnung zu fahren. Doch immer, wenn er vor einem ganz großen Erfolg stand, stürzte er, wurde krank oder erlitt einen Defekt. Er reiste als Sieger der Tour de Suisse nach Frankreich, stürzte aber auf der ersten Etappe und liegt wie Froome 51 Sekunden hinter Dumoulin, Bardet und Nibali. Die Stärken Er weiß, was harte Arbeit ist – er war Edelhelfer von Wiggins (2012) und Froome (2013, 2015) bei deren Tour-Siegen. Porte ist am Berg und im Kampf gegen die Uhr gleichermaßen gut, sein Team BMC Doppel-Weltmeister im Mannschaftszeitfahren. Die Schwächen Noch hat er nicht bewiesen, dass er in der Lage ist, eine Equipe über drei Wochen erfolgreich zu führen. Porte stürzt zu oft, was nicht nur an ihm liegt: Er ist sicher einer der großen Pechvögel im Peloton. Das Zitat „So ein Sturz wie auf der ersten Etappe kann passieren. Ich bin trotzdem bereit für die Tour“ (Richie Porte).

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