Fuhr 1977 gleich bei seiner ersten Tour-Teilnahme ins Gelbe Trikot: Dietrich Thurau Foto: dpa

Vor 100 Jahren wurde bei der Tour de France die begehrteste Trophäe des Radsports eingeführt – seither hat das Maillot Jaune nicht nur Geschichte geschrieben, sondern auch viele Geschichten.

Brüssel - Die Tour de France, die an diesem Samstag in Brüssel beginnt, gibt es zwar schon seit 1903, das Gelbe Trikot wird aber erst jetzt 100 Jahre alt. 1919 steckte Henri Desgrange, der Erfinder der Frankreich-Rundfahrt, den Ersten der Gesamtwertung in das Maillot Jaune, damit die Fans sehen konnten, wer vorne liegt. Der Franzose Eugène Christophe war der erste Träger. Seither hat das berühmteste Trikot des Radsports Geschichte und Geschichten geschrieben – auch kuriose.

Die Deutschen an der Spitze

Der dritte Deutsche im Maillot Jaune – nach Kurt Stöpel (1932) und Willi Oberbeck (1938) – war Rudi Altig. Er trug das Gelbe Trikot zwischen 1962 und 1969 auf insgesamt 18 Etappen, übrigens auch 1964, als die Tour de France zum ersten Mal in Deutschland gastierte. „Sacre Rüdi“ streifte sich damals in Freiburg das Trikot über. 18 Tage schaffte auch Jan Ullrich, der als einziger Allemand auch noch in Paris in Gelb ankam. Sein Tour-Sieg 1997 ist der einzige deutsche Gesamterfolg. Heute ist „Ulle“ ein suchtkranker Mann. Probleme mit dem Erfolg hatte auch Dietrich Thurau, der 1977 als 22-jähriger Jungprofi bei seinem Tour-Debüt auf der dritten Etappe in den Pyrenäen über den Tourmalet ins Trikot fuhr und ein paar Tage später auch noch Eddy Merckx im Zeitfahren schlug – was damals als unmöglich galt. Nach 15 Tagen schlug das Rennen zurück, auf dem legendären Anstieg nach L’Alpe d’Huez fiel Thurau zurück, Paris erreichte er als Fünfter. Danach verschleuderte er sein Talent bei Sechstagerennen, das Gelbe Trikot trug er nie wieder. Der bisher letzte Deutsche in Gelb war 2015 Tony Martin, der sich das Trikot in einem zähen Kampf mit erst fünf, dann drei und schließlich einer Sekunde Rückstand eroberte. Dann trug er es drei Tage, ehe er sich bei einem Sturz kurz vor dem Ziel in Le Havre das Schlüsselbein brach und als Führender ausscheiden musste. Was nur zeigt: Nicht immer bringt das Gelbe Trikot seinem Besitzer Glück.

Fehlender Respekt

Es gibt viele ungeschriebene Gesetze im Radsport. Eines ist, dass man den Mann im Gelben Trikot auf der letzten Etappe der Tour de France nicht mehr angreift. 1947 ist es aber doch passiert: Jean Robic attackierte 140 Kilometer vor Paris den Italiener Pierre Brambilla, den Mann im Maillot Jaune – und dieser war zu verdutzt, um zu reagieren. Der Bretone gewann die Tour und ist bis heute der einzige Sieger, der das Gelbe Trikot erst auf der letzten Etappe erobert hat. Der entsetzte Brambilla fuhr nach dieser Respektlosigkeit nach Hause, lud die Presse ein, schlug sein Fahrrad kurz und klein und vergrub den Schrott im Garten. Erst 33 Jahre später versöhnten sich die beiden, worüber Robic sich allerdings nur kurz freuen konnte. Auf dem Heimweg krachte er mit seinem Auto in einen Lastwagen und war sofort tot. Was man mit dem Gelben Trikot auch nicht tut? Es gering schätzen. Bjarne Riis war dieses ungeschriebene Gesetz egal. Der Sieger von 1996 räumte nach seiner späteren Dopingbeichte ein, dass die Tour-Organisatoren seine Trikots gerne haben könnten – sie lägen in einem Karton irgendwo in seiner Garage. Noch weniger Respekt hatte 1937 der Belgier Sylvére Maes gezeigt. Weil er sich von der Jury ungerecht behandelt fühlte, schmiss er den Tour-Granden das Gelbe Trikot vor die Füße und fuhr nach Hause. Das hatte es davor nie gegeben, und danach sollte dies auch nicht mehr passieren.

Der Allesfresser

Wer vom Gelben Trikot spricht, kommt an einem Mann nicht vorbei: Vor exakt 50 Jahren startete Eddy Merckx in Roubaix zu seiner ersten Tour de France. Es dauerte nur drei Tage, bis der damals 24-jährige Belgier sein erstes Gelbes Trikot holte, und danach ging es so richtig los: Bis zum Ende seiner Karriere 1978 gewann Merckx fünfmal die Tour und nahm 111-mal auf den Siegerpodien das begehrte Trikot entgegen. Dass dies am Ende „nur“ 96 Tage in Gelb bedeutete, lag daran, dass damals immer mal wieder Halbetappen (zwei an einem Tag) gefahren wurden. Kurzum: Das Maillot Jaune gehörte in Merckx’ aktiver Zeit so gut wie ihm, durch seine Erfolge geadelt wurde er 1996 zu Baron Édouard Louis Joseph Merckx. Mit 34 Etappensiegen steht der Belgier übrigens heute noch an der Spitze der Rekordliste. Bei seinem Tour-Debüt 1969 holte sich Merckx übrigens nicht nur Gelb, er gewann dazu die Sprint- und die Bergwertung und auch noch sieben Etappen. Danach nannte man ihn den Kannibalen, auch weil er von Taktik nichts hielt. Der Mann schwang sich in den Sattel, gab Vollgas. Nur eines gelang ihm nie: das Gelbe Trikot von der ersten bis zur letzten Etappe einer Tour zu tragen. Das schaffte nur 1924 der Italiener Ottavio Botecchia.

Begehrte Souvenirs

Ältere erinnern sich: Früher mussten sich die Profis bei der Siegerehrung das Trikot umständlich über den Kopf ziehen, wobei sie bei der Fuchtelei auf dem Podium hin und wieder auch die Damen links und rechts von sich gefährdeten. Seit einigen Jahren haben die Trikots für die Ehrung einen Reißverschluss hinten – ist einfacher so. Mit Ausnahme einer Pause hat sich nicht geändert, dass die Initialen von Tour-Gründer Henri Des­grange eingestickt werden. In diesem Jahr übrigens auch das erste Mal der Name des Fahrers, der es gewonnen hat, und der Etappenort. Der Glückliche bekommt am Abend nach dem Sieg übrigens einen kompletten Satz ins Hotel geliefert – mit Reißverschluss vorne und zum persönlichen Gebrauch. Dazu gibt es noch zehn Trikots, die er für die Sammlung der Veranstalter signieren muss. Richtig begehrt sind die Trikots von zwei Franzosen. Bernard Hinault gewann bei seinem zweiten Tour-Sieg auch die letzte Etappe in Paris im Sprint im Gelben Trikot. Das macht man eigentlich nicht, und es ist danach auch nie wieder passiert. Laurent Fignon verlor das Trikot bei der Tour de France 1989 bei der letzten Etappe in Paris im Einzelzeitfahren an den Amerikaner Greg LeMond, der nach 3285 Kilometern acht Sekunden vorne lag. Knapper ging es nie zu bei der Frankreich-Rundfahrt.

Das verbotene Trikot

Die Macher der Tour de France sind oft gar nicht so, wie wir uns Franzosen vorstellen. Von wegen Laisser-faire – die Veranstalter regeln alles bis ins Detail. Das bekam einst René Vietto zu spüren. Der Bergspezialist aus Cannes hatte 1947 in den Alpen das Gelbe Trikot erobert und es drei Tage vor dem Ende in Vannes immer noch auf seinen schmalen Schultern. Kurz vor dem Finale hatten die Streckenplaner der Tour aber ein mit 139 Kilometern extrem langes Zeitfahren angesetzt. Der einsame Kampf gegen die Uhr war nicht gerade die Stärke Viettos, und so musste er technische Tricks nutzen, um seine Chance zu wahren. Vietto zog die leichtesten Reifen auf, verzichtete auf Brille und Mütze, um jedes mögliche Gramm zu sparen. Zum Abschluss bestellte er bei einer Spezialfirma in Lyon ein Gelbes Trikot aus reiner Seide, weil man ihm gesagt hatte, das hätte einen geringeren Luftwiderstand als die gängigen Wolltrikots. Doch Seide hin oder her, all das half am Ende nichts: Vietto war nach dem Zeitfahren sein Führungstrikot los. Im Ziel bekam er dann noch einmal zehn Strafsekunden aufgebrummt, weil das Seidentrikot gegen die Regeln der Tour verstoßen hatte, die eben Wolltrikots vorschrieben.

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